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Chefkorrespondent Außen- und Sicherheitspolitik BILD Views are my own

Jun 28, 2020, 11 tweets

Obwohl @BafiKush an den entscheidenden Stellen irrt, ist dieses Interview dennoch interessanter als das übliche Gerede vom „strukturellem Rassismus“, weil sie sich zumindest an einer materialistischen Kritik versucht. neues-deutschland.de/artikel/113837…

Sie irrt vor allem darin, dass sie historische Prozesse einfach umstandslos in die Gegenwart verlängert und Rassismus auch in der spätkapitalistischen Gesellschaft als gesellschaftlich notwendiges Bewusstsein fehlinterpretiert.

Die rassistische Begründung der Sklaverei im Frühkapitalismus war gerade nicht entscheidend für die zeitweise Dominanz rassistischer Ideologie, sondern – scheinbar paradoxerweise – die in der warenproduzierenden Gesellschaft angelegten Tendenzen zur Abschaffung dieser.

In dieser Epoche tritt durch den Verkauf der Ware Arbeitskraft eine Gleichheit in der Zirkulation ein, die Voraussetzung für die bürgerliche Gesellschaft. In den unterworfenen Kolonien hingegen herrscht noch Subsistenzwirtschaft ohne nennenswerte Mehrwertproduktion.

In der ausgehenden ursprünglichen Akkumulation ist die Ausbeutung der Kolonien in einem begrenzten Zeitraum tatsächlich bedeutsam für die Entwicklung der warenproduzierenden Gesellschaft im Westen; Sarbo hingegen unterstellt eine Kontinuität dieser Ausbeutungskonstellation.

Die Sklaven wurden auf die erste Natur zurückgeworfen: Ihnen wurde verweigert, durch Verkauf ihrer Arbeitskraft ins allgemeine Konkurrenzverhältnis zu treten; der Wert ihrer Arbeitskraft durch Gewalt gedrückt. Sarbo missversteht hier den Unterschied von „Arbeit“ und „Arbeiter“.

Der Versklavte wurde dem Nutztier gleichgestellt, worin wiederum die rassistischen Projektionen von Körperkraft, Triebhaftigkeit, geringem Intellekt usw. angelegt sind, die noch andauerten, als die rassistische Ausbeutung längst ökonomisch überflüssig geworden war.

Die koloniale Ausbeutung zielte auf höheren absoluten Mehrwert, die Produktion im Westen dagegen auf relativen Mehrwert. Das entfesselte Kapitalverhältnis bricht diese Disparität schließlich, beendet die unmittelbare Herrschaft und unterwirft alle seiner Verwertungslogik.

Die Sklaverei war ökonomisch überflüssig geworden, die Gewalt des Kapitals setzte in den USA 1865 die 1789 nur gedachte Gleichheit durch. Dem freien weißen Arbeiter trat nun in Gestalt des aus der Sklaverei befreiten Schwarzen ein freier und gleicher Konkurrent hinzu.

Rassismus, also die Vorstellung, die naturgegebene Hautfarbe würde irgendwelche Kollektiveigenschaften bedingen, wurde durch die kapitalistische Vergleichung aller objektiv widerlegt und er hat, anders als Sarbo behauptet, längst keine ökonomische Funktion mehr.

Dass sein Marginalisierungsprozess im Bewusstsein der Menschen mit jahrzehntelanger Verzögerung erfolgte, hängt mit deren Identitätsbedürfnis und der für sie kränkenden Erkenntnis zusammen, dass die naturgegebene Hautfarbe völlig irrelevant ist.

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