Gedankenbalsam Profile picture
Autor und Slam Poet. Steht im Duden. Schreibt auf Bluesky, hat X nichts mehr zu sagen und ist nur noch für seinen DM-Briefkasten hier. Blöder Nachsendeauftrag.

Sep 16, 2020, 13 tweets

Puuh...
Ich bin gerade knapp einem Erstickungstod entronnen.

Ein Kunde in Russland hat vor 2 Monaten eine Maschine geliefert bekommen. Jetzt drängt er auf Inbetriebnahme, was natürlich wegen Corona ausgeschlossen ist. Und nun fragte mein Chef gerade, ob wir deren Schlosser..

1/

... nicht per Livevideo-Chat durch den Aufbau leiten könnten.
Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, habe ich diesen Vorschlag klar verneint und nun schmerzt meine Bauchdecke vom Lachen.

Schön zu sehen, wie wenig Ahnung unsere Firmenleitung eigentlich von dem hat, was wir tun.

Ich meine das übrigens wörtlich.
Ich bin vor Lachen in der Werkstatt zusammengeklappt. Volles Programm. Lachtränen, hochroter Kopf und Atemnot. Jedes Mal, wenn mir Bilder vom konkreten Ablauf in den Sinn kamen, hat es sich noch mehr aufgeschaukelt.
Mein Chef war etwas betreten.

Zum Vergleich:
Stellen Sie sich vor, ein Chirug solle einen Metzger per Video-Chat anleiten, eine abgetrennte Hand wieder anzunähen, mit(!) dazwischen geschaltetem Übersetzer, dem der Chirug auf Englisch erklären muss, was er dann auf Russisch weitergeben muss.

Der Übersetzer hat weder Ahnung von Chirugie noch vom Metzgerhandwerk und die Hand soll danach wieder voll funktionstüchtig sein, um einem Uhrmacher gute Dienste zu leisten.

So in etwa.

Verzeihung, aber ich fange schon wieder an zu kichern.

Mein Chef mir aber auch leid.
Ich weiß natürlich, welcher Grundlage diese hirnverbrannte Idee entspringt.
Wir haben dieses Jahr bereits drei Maschinen ausgeliefert, die wir wegen Corona nicht in Betrieb nehmen können. Zwei weitere folgen in den nächsten 4 Monaten.
So lange...

... die Maschinen nicht in Betrieb genommen sind, zahlen die Kunden die letzten 10% nicht. Und bei Auftragswerten zwischen 300.000,- € und 5 Mio. läppert sich das natürlich.
Ich würde es auch machen, aber bei aller Liebe zu meinem Job, zaubern kann ich nicht.
Zur Orientierung:

Für die besagte Maschine sind vor Ort 14 Tage Aufbau vorgesehen, mit mir als Projektkoordinator und Monteur, einem unserer Elektriker und fünf vom Kunden gestellten Montagehelfern, die ich anleiten soll.
Danach eine Woche Inbetriebnahme mit mir und einem unserer Programmierer.

Wir fügen tonnenschwere Bauteile mit einer Aufbautoleranz von 1/10 mm und danach müssen die arbeitenden Teile mit Toleranzen von 2/100 mm zueinander ausgerichtet werden. Um das zu können, muss man überhaupt erstmal verstehen, was wo passiert.

Per Videochat ist das unmöglich.

Leider kann ich ihm da keine Lösung anbieten.
Selbst wenn ich mich bereit erklären würde, zwei mal 30 Stunden mit FFP2 Maske in verschiedenen Bahnhöfen, Zügen, Flughäfen, Flugzeugen und Autos zu verbringen, um zum Kunden zu und zurück zu kommen, (was ich nicht tue, da...

... die Berufsgenossenschaft es ablehnt, eine mögliche Corona-Erkrankung während der Reise als Berufsunfall/-krankheit anzuerkennen und für eventuelle Folgen aufzukommen), mal ganz zu schweigen vom dreiwöchigen Aufenthalt vor Ort, wäre es immer noch extrem schwierig, derzeit...

.. ein Sondervisum für ausländische Fachkräfte zu bekommen, abgesehen davon, dass niemand verbindlich sagen kann, ob ich davor und/oder danach für 14 Tage in Quarantäne müsste. Außerdem ist völlig ungeklärt, welche medizinische Versorgung mir vor Ort zur Verfügung stehen würde,..

... sollte ich währenddessen erkranken. Wir reden hier von einem Kaff mitten im Ural.
Abgesehen davon, dass mir bei dem Gedanken an Quarantäne in Russland schon ganz anders wird. Wahrscheinlich gäbe es eine fensterlose Zelle mit einer Klappe für Essen in der Tür.

Tja nun.
Nein.

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