Daniel Drepper Profile picture
book: „Row Zero“ (May 2024); investigations at NDR, WDR, SZ. chairman @nrecherche. previously: EiC BuzzFeed News DE; co-founder @correctiv_org; @columbiajourn.

Sep 22, 2020, 11 tweets

Ein Bankenskandal folgt dem Nächsten. Obwohl Deutsche, HSBC & Co Milliardenstrafen gezahlt haben, scheint es immer weiter zu gehen. Das hat System, denn statt Banker hart zu bestrafen, machen Ermittler Deals mit ihnen. Das ist über die Jahre schlimmer geworden. Ein Thread. 1/11

Man mag das aus heutiger Sicht kaum glauben, aber: Jahrzehntelang war es ganz normal, dass Banker*innen für ihre Fehler auch persönlich haften. Die amerikanische Aufsichtsbehörde SEC brachte in den 30ern sogar den Chef der New Yorker Börse hinter Gittern. 2/11

In den 80er Jahren, nach dem sogenannten "Savings & Loan"-Skandal – Immobilienkredite wurden zu leichtfertig vergeben (🧐) – klagten Behörden mehr als tausend Banker persönlich an. Selbst in den 2000ern, als Enron, WorldCom & Co zerfielen, gingen Top-Manager ins Gefängnis. 3/11

Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 ging dagegen kein einziger Vorstand, kein einziger Aufsichtsrat ins Gefängnis. Die allermeisten Verfahren gegen Banken – auch in den Jahren danach – wurden nicht gegen die verantwortlichen Personen geführt, sondern gegen die Institutionen. 4/11

Und mehr noch: Selbst die Institutionen wie Deutsche Bank, HSBC, JPMorgan & Co wurden nicht etwa verurteilt, die Behörden machten Deals mit ihnen. So zahlten die Banken ein paar Hundert Millionen, vielleicht auch ein paar Milliarden – und konnten einfach weitermachen. 5/11

Woran liegt das? Behörden sind ängstlich geworden. Sie haben aufgehört, Prozesse zu führen, in denen sie unsicher sind, ob sie am Ende wirklich gewinnen. Weil das schlecht für die Lebensläufe der Staatsanwälte ist. Weil die Gegenseite mit teuren Anwaltsbüros dagegen hält. 6/11

Weil die Banken seit Jahren gegen harte Ermittlungen – ja sogar gegen eine harte Aufsicht – politisch lobbyieren. Und weil dadurch nicht nur die Regeln aufgeweicht wurden, sondern den Behörden auch immer weniger gute Ermittler zur Verfügung stehen. 7/11

Die für die Bankenaufsicht zuständigen Behörden sind viel, viel, viel zu schlecht ausgestattet – und geben sich dann mit wenig zufrieden. Mit Deals, mit einer Strafzahlung die für die Banken aus der Portokasse kommt, mit einem "Monitoring", mit netten Versprechen. 8/11

Woher ich das weiß? Es gibt ein großartiges Buch über diese langjährigen Entwicklungen, mit Banken lieber Deals zu machen als sie ernsthaft zu bestrafen – und über die Menschen dahinter. Diejenigen, die dafür verantwortlich sind und diejenigen, die sich dagegen auflehnen. 9/11

Das Buch heißt "The Chickenshit Club". Es ist von @propublica-Reporter und Pulitzerpreis-Träger @eisingerj und es ist nicht nur extrem dicht recherchiert, sondern auch gut erzählt. (Es findet sich als PDF im Netz, aber kauft es lieber selbst – Recherche kostet.) 10/11

Das Buch ist drei Jahre alt, aber es war vermutlich lange nicht so aktuell wie jetzt nach den #FinCENFiles. Hier geht's zu Besprechung und zu den Kommentaren bei @goodreads. goodreads.com/book/show/3439… 11/11

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