Man wird diese Walküre sicherlich im Gesamtzusammenhang der Tetralogie neu bewerten müssen, aber mit diesem Disclaimer hier ein paar Gedanken von mir zur Inszenierung (gerne als Diskussionsanregung): 1/
#DOBWalküre #DOBRing @deutsche_oper
Bühnenbild:
Das Bühnenbild ist leider sehr eintönig, bleibt über alle Akte gleich und bietet (außer im 1. Akt) wenig Möglichkeit zur Interaktion, so dass die Inszenierung trotz eigentlich guter Personenregie statisch wirkt.
Zudem ist die Symbolik mit den Kofferbergen etwas „on the nose“ und der Koffer als Theatersymbol nicht besonders originell.
Menschen mit Koffern auf der Bühne:
Die Reminiszenz an Chereaus Ring ist (zu) deutlich, vor allem im Moment des Endeswunsches von Wotan, in dem das Saallicht angeht und die Protagonisten die Zuschauer direkt ansehen.
Dieser Effekt erzielt durchaus Wirkung, allerdings ergibt sich die praktische Schwierigkeit, wieder aus dieser Szene herauszukommen, denn wir haben ja noch einen halben Akt vor uns .
Das Saallicht bleibt also lange an und wird erst in der Todesverkündigungsszene wieder abgedunkelt. Dadurch verliert der Moment an Entschlossenheit
Dennoch berührt diese Szene, denn sie zeigt, wie die Flüchtlinge die Dialoge zwischen Wotan, Fricka und Brünnhilde genau verfolgen und sich ihre eigene Hoffnung daraus abzuleiten versuchen - am Ende folgen sie Wotan aus dem Bild, einem gescheiterten Anführer ohne eigene Ideen.
Protagonisten am Klavier oder mit Partitur:
Immer wenn die Figuren versuchen, die Kontrolle über das Geschehen zu erlangen oder zu behalten, klammern sie sich (vergeblich) an die Noten und "spielen" den Verlauf des Dramas.
Speziell Wotan, der zu Beginn des 2. Aktes wie ein Regisseur aus dem Souffleusenkasten heraus auftritt, nutzt immer wieder diesen Ansatz.
Flügel:
Der in allen Akten zentral platzierte Flügel nimmt immer wieder neue Funktionen ein. Vorrangig ist er Auf- und Abtrittswerkzeug, was einerseits eine gut gemeinte Anlehnung an den Koskyschen Meistersingerflügel sein könnte, sich aber durch die häufige Verwendung abnutzt...
...und ein bisschen den Eindruck hinterlässt, als wäre hier eine wohlfeile Möglichkeit geschaffen, um Protagonisten und Requisiten von und zur Bühne zu schaffen.
Interessanter ist er, wenn die Figuren auf ihm spielen, um Kontrolle über die Situation zu erlangen. Bezeichnend: Sieglinde versucht im 1. Akt, auf geschlossenem Deckel zu spielen und muss verzweifelt aufgeben - Sie hat noch nicht einmal den Anflug von Kontrolle über ihre Lage.
Außerdem wird Brünnhilde im Flügel wie in einem Sarg eingeschlossen - ein Bild, das sich mir nicht erschloss
Hundingling:
Die tragische Figur der Inszenierung. Auf der Suche nach Zuneigung wird er von allen zurückgewiesen und schließlich als Ausdruck des Losreißens von der Notsituation im Moment der Schwerterlangung von Sieglinde brutal ermordet.
Dadurch gerät die Gewinnung Nothungs zur Nebensache (und wird durch den Mord wohl erst ermöglicht - vorher war es Siegmund nicht gelungen, sich des Schwertes zu bemächtigen). Wotans "gut gemeinte" Vorsorge führt direkt in die Katastrophe des Kindermords.
Walkürenhelme und -Speere:
Notabene: Wotan hat keinen Speer - Fricka drückt ihm die Verantwortung in die Hand, die er längst an seine Töchter abgegeben hat.
Der Speer ist zudem ein relativ billiges China-Gadget mit Leuchtspitze - Nur eine Illusion von Macht
Die Walküreninsignien wechseln immer mal wieder den Besitzer. Zuletzt sind es die gefallenen Helden, die sie tragen und sich danach an den Walküren (kostümiert wie die anonymen Massen und dadurch ihrer Individualität beraubt) vergehen.
Sicher nicht die Form von „Wunschesmädchen“, die Wagner vorgeschwebt ist, aber im Rahmen der Inszenierung durchaus stimmig
Brünnhildes Schild verkörpert - je nach Situation - eine lachende oder weinende Theatermaske - Die ursprünglichen Bedeutungen von Komödie und Tragödie gehen hierbei allerdings verloren und das Schild verkommt ein bisschen zu einem lauwarmen Gag.
Wotan ist Brünnhilde:
Im dritten Akt tritt Wotan mit Brünnhildes Helm, Schild und Speer auf und wird von diesen verdeckt, => Einheit von Vater und Tochter, allerdings ist die Person Wotans hinter den Requisiten nicht mehr zu sehen, er hat keine eigene Persönlichkeit mehr?
Wagner (Mime) entbindet Siegfried:
Was hat Wagner mit Mime gemein? Die gescheiterten revolutionären Ideen? Und warum hat die Figur - neben dem wagnertypischen Bart und Barett - Merkmale einer jüdischen Karikatur? Dies erschloss sich mir gestern nicht.
Kostüme:
Die Bühne ist vom dunklen braun-blau der Kofferberge und der Kostüme der flüchtenden Menschenmassen farblich dominiert.
Dagegen abgesetzt sind die Welten der Götter (weiß), Sieglinde (rot, später weiß, aber schmutzig von der Flucht - Sie kann die „Reinheit“ der Götter nicht erreichen), Siegmund (blau).
Das einzige Kostüm, das in der Inszenierung keinen Schaden nimmt, ist das von Fricka, die damit als einzige ihren ursprünlichen Status wahren kann.
Abschlussgedanken:
Diese Walküre ist eine düstere Angelegenheit. Es werden viele Ideen angerissen und es ist klar, dass Symbole wie der Flügel, die Menschenmassen oder die Wagner-Figur in den Inszenierungen der übrigen Ring-Teile eine Rolle spielen werden.
(Abgesehen natürlich von der, ebenfalls schon etwas häufiger diskutierten Idee, dass Wagner in Mime eine stereotype Judenkarikatur abbilden will)
Herheims Konzept wird sich in diesem Gesamtzusammenhang noch beweisen müssen, wenn die Inszenierung sich auf Höhe der zitierten Vorbilder etablieren soll.
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