Felicitas Bergmann Profile picture
Dr. phil. Dipl.-Päd. KJP, Gründerin v. @kassenwatch, DGVT, Themen: #Psychotherapie #Intelligenzminderung #Hochbegabung #Kreativität #Teamscience

Oct 16, 2022, 33 tweets

„Corona ist vorbei“ & „Sie können die Maske ruhig abnehmen“, das hören Befürworter von #Schutzmaßnahmen immer wieder. Warum handelt die Mehrheit der Menschen angesichts explodierender Infektionszahlen so irrational? Ein 🧵 1/30

Schnallt euch an, jetzt kommt ein Haufen Erklärungen, warum wir gerade die Gesundheit unserer Gesellschaft so an die Wand fahren. Und ja, einige davon sind verdammt hässlich. 2/30
#covidisnotover #BringBackMasks #nichtnurimheim

Schauen wir uns 4 Bereiche näher an:
1. Wie wir uns in Gruppen verhalten,
2. Welche Meinung wir von anderen haben,
3. Wie wir über uns selbst denken,
4. Wie wir mit wahrgenommenen Gefahren umgehen.
3/30

1. Der Mensch ist ein Herdentier. In sozialen Gruppen besteht Konformitätsdruck. Trägt die Mehrheit keine #Maske, legen auch wir sie eher ab. Wir wollen nicht auffallen, ausgeschlossen werden & vertrauen unserer Bezugsgruppe, dass sie richtig handelt. 4/30
#diemaskebleibtauf

Hier kann auch Risk-shift eine Rolle spielen: Ein Phänomen, das beschreibt, dass Menschen in Gruppen risikofreudiger entscheiden als Einzelpersonen.

Und klar, eigentlich sollten wir einander schützen. Bewegen wir uns in Gruppen, kommt es oft zur sog. Verantwortungsdiffusion: Bewusst oder unbewusst hoffen wir darauf, dass jemand anderes schon die Verantwortung übernimmt. 5/30

Kennt man von Unfällen: Es wären genug Helfer da, aber niemand handelt. Psychologisch ist also klar, dass #Eigenverantwortung nicht funktioniert & es klarer Vorgaben (seitens der Politik) bedarf. 6/30

2. Wir haben ungünstige (ja, hässliche) Vorstellungen von anderen. Der Gerechte-Welt-Glaube verleitet uns dazu, anzunehmen, dass jeder bekommt, was er verdient hat. Jemand ist arm? Selbst schuld! Jemand bekommt #Covid19? Hätte sich ja schützen können. Das ist #victimblaming. 7/30

Wir haben es hier mit sog. Attributionsfehlern zu tun: Persönlichen Faktoren (z. B. Gruppenzugehörigkeit) wird eine stärkere Bedeutung beigemessen als Umgebungsfaktoren. Kennt man vom Fußball: Gewinnt die Mannschaft, liegt es am Stürmer, verliert sie, ist der Trainer schuld. 8/30

Und in der #Pandemie? Tja, die Alten und Vorerkrankten erwischt es halt. Dass wir als Gemeinschaft die Verantwortung mittragen, die Schwächsten unter uns zu schützen, wird dabei ausgeblendet. Willkommen im Zeitalter der sozialen Kälte. 9/30

Wie man diesen #Sozialdarwinismus vor sich rechtfertigt? Hier konstruiert unser Gehirn eine Art Wirklichkeitssimulation: Wir urteilen auf Grundlage dessen, was wir für wahr halten (wollen) & sprechen Alten und Vulnerablen ab, dass sie genauso wenig sterben wollen wie Junge. 10/30

3. Wir lassen uns ungern unsere Überzeugungen nehmen. Entspricht eine neue Information nicht dem, was wir bis dahin angenommen haben, blenden wir sie gerne aus. Und betreiben #cherrypicking: Wir konzentrieren uns auf die Infos, die uns bestätigen. 11/30

Unser Denken folgt dabei manchmal dem Konservatismuseffekt: Informationen aus früheren Entscheidungen zählen dabei mehr als neue Fakten. Kennt man von „Das haben wir immer so gemacht“ – oft nicht sinnvoll, v. a. in einer dynamischen #Pandemie. 12/30

Dabei können wir regelrecht bockig wie ein kleines Kind werden und auf unseren Überzeugungen hartnäckig bestehen. Erinnert euch an den Wendler mit seiner Prognose, dass im September alle Geimpften tot seien: 13/30

Hat ja keiner gesagt, *welcher* September, oder? So funktionieren sämtliche Weltuntergangs-Vorhersagen und Astrologie. Lässt sich alles zurechtbiegen, solange man gegenteilige Infos hartnäckig ausblendet. 14/30

Dann kommt noch die Sache mit der #Freiheit hinzu: Fühlt der Mensch sich darin eingeschränkt, kann er dazu neigen, etwas erst recht zu machen. Reaktanz, kennen wir von Kleinkindern. Die Regierung verordnet einen „Maulkorb“? Ab unters Kinn oder zumindest die Nase damit! 🤡 15/30

Und es geht noch bockiger: Maßnahmenverweigerer können sich sogar von Maskenträgern geärgert fühlen („hostile attribution bias“), weil sie ihnen ihre Unvernunft sprichwörtlich unter die freiliegende Nase reiben. Wir erinnern uns: „Sie können die #Maske ruhig abnehmen…“ 16/30

4. Wir fühlen uns ungern bedroht & blenden Gefahren aus. #Corona ist vorbei und man besucht mit 20.000 anderen ein Konzert – alle gesund & munter. Klar, die ganzen Toten und #LongCovid-Erkrankten werden dort nicht auftauchen (Stichprobenverzerrung/Überlebenden-Verzerrung). 17/30

Dabei greifen wir mit verzerrtem Optimismus auf die Informationen zurück, die gerade für uns verfügbar sind. Der Optimismus Bias lässt uns dabei annehmen, dass positive Ereignisse und selbst wahrscheinlicher ereilen als negative. 18/30

Auch die Verfügbarkeit spielt uns dabei einen Streich: Die Millionen Toten kennen wir (mit Glück) nicht persönlich, aber wir waren einmal erkrankt & es war mild. Fälschlicherweise schließen wir daraus, dass #Covid19 (für uns) nicht so gefährlich sein kann. 19/30

Fatal in dem Zusammenhang: „There is no glory in prevention” – Genau die Informationen, die es bräuchte, um die Notwendigkeit von Prävention zu verstehen, sind durch die #Prävention nicht verfügbar.
20/30

Die fitten Leute auf dem Konzert sieht man (=“Kann ja alles nicht so schlimm sein“), die verhinderten Toten durch #Maßnahmen sieht man nicht (=“Maßnahmen waren wohl unnötig“). Wasser auf die Mühlen der Maßnahmengegner. 21/30

Hier erweisen auch #Pseudoexperten & Desinformationsprofis wie @hendrikstreeck, #SchmidtChanasit, @nervensystemck & #stoehrfall der Volksgesundheit einen Bärendienst: Je öfter wir etwas hören, desto eher halten wir es für wahr. 22/30

Also einfach die Märchen von der #Schleimhautimmunität, #LongCovid als psychosomatischer Erkrankung & der Infektion, die vor Infektionen schützt, weitererzählen, bis sie auch der Letzte glaubt. Spielt auch der Unverwundbarkeits-Illusion in die Karten. 23/30

Diese lässt uns für Gefahren blind werden: Wie Superhelden halten sich v. a. junge Menschen, die noch keine Erfahrung mit Krankheit & Einschränkungen gemacht haben, für unverwundbar. Sie können sich nicht vorstellen, von #LongCovid o. #MECFS betroffen zu sein. 24/30

Zum Schluss noch eine wichtige Denkverzerrung, die unser rationales Denken vernebelt: Wir mögen keine kognitive Dissonanz. Will heißen: Unsere Überzeugungen müssen zu unserem Handeln passen. 25/30

Wenn wir keine #Maske tragen, müssen wir uns das so zurechtlegen, dass unser Verhalten schon vernünftig ist. Das geschieht z. B. über Relativierung: Wir sind ja schon geimpft, außerdem haben wir doch ein Immunsystem. 26/30

Wir reden uns also ein, schon genug #Schutzmaßnahmen zu befolgen. Wenig überraschend funktioniert das #Corona-Virus so nicht. Es verhandelt nicht mit uns darüber, dass wir Maßnahme Y weglassen können, wenn wir schon X gemacht haben. 27/30

So, ich hoffe, ihr habt nun einen kleinen Überblick über die Denkfallen, in die wir alle so tappen können. Vielleicht habt ihr ja die eine oder andere Verzerrung auch bei euch entdeckt & könnt bestimmte Situationen nochmal neu bewerten. 28/30

Das würde mich sehr freuen! Hier gibt es übrigens die ganzen Infos nochmal ausführlich zum Nachlesen: 30/30 (oben 1x verzählt...)essaysyoudidntwanttoread.home.blog/2022/10/09/why…

@threadreaderapp please unroll

Schöne Ergänzung mit Dank an @CorneliaBeeking:

So, Kommentare sind wieder eingeschränkt. Habe ein paar Blockempfehlungen für euch gesammelt (ausgeblendete Antworten). Beleidigungen, Dummfug, Desinformation, Getrolle und ein paar haben sich qua Profil qualifiziert ✅

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