Es gab Nachfragen, ob ich den Vortrag von Gabriele Krone-Schmalz an der @vhsrt in @StadtReutlingen (bei you tube zu finden) kommentieren kann. Sie ist ihrer Strategie (durchschaubare rhetorische Strategien, selektive Darstellung, Desinformation) treu geblieben. Ein langer🧵
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1) Rhetorische Strategien: A) Der Klassiker aller vermeintlichen Kritiker:innen des "Mainstream "ist es, sich als Opfer der Medien zu inszenieren. So auch GKS: es gäbe eine „schmale Debattenkultur“ in Deutschland. Vermutlich verwechselt sie hier Meinungsfreiheit mit
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Widerspruchsfreiheit & ständig ein unkritisches Forum zu bekommen. Lange Zeit war das so: seit 2013/14 wurde uns GKS als „Russland-Expertin“ präsentiert, obwohl sie schon seit Jahrzehnten weder wissenschaftlich noch journalistisch seriöse Arbeiten zu Russland vorgelegt hat.
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Deswegen gilt sie in Fachkreisen auch nicht als„umstrittene Expertin“, sondern zu Recht als vehemente Verteidigerin des Putin-Regimes. Sich als Bestseller-Autorin (danke nochmal @CHBeckLiteratur) und als Dauergast bei Lanz & Co. als kämpferische Stimme gegen den
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„Mainstream“ zu inszenieren, ist absurd. B) Behaupten, etwas nicht zu tun, um es im nächsten Satz zu tun à la: „ich will Putin nicht verteidigen, aber…“, „dieser Krieg ist durch nichts zu rechtfertigen, aber…“ etc.
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Analogie: „Ich persönlich halte Frau Krone-Schmalz für eine gefährliche, autoritär denkende und gewissenlose Propagandistin des Putin-Regimes mit einer albernen Frisur, aber ich möchte mir kein Urteil über sie anmaßen.“ Glaubwürdig? I thought so.
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C) Eigene Behauptung als „Analyse“, „sachlich“ etc. zu framen. Das zu behaupten ist ein rein performativer Akt. Ob etwas eine nüchterne Analyse ist bemisst sich auf der Schlüssigkeit einer empirisch nachprüfbaren Argumentation – und hier scheitert GKS auf ganzer Linie.
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2.) Verdrehungen/selektive Darstellung/Halbwahrheiten. Die zentrale These lautet: Russland ist das defensiv agierende Opfer, der Westen/die Ukraine/die USA sind schuld. Beispiele: A) für die Toten im Donbas macht GKS ausschließlich die UA verantwortlich, dabei ist es
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erwiesen, dass der Konflikt zwischen Kyjiw und Teilen (!!) der Bevölkerung im Donbas durch Russland zu einem Krieg wurde (ja, Krieg, nur benutzt Frau Krone-Schmalz dieses Wort bezeichnenderweise nicht). Russische Staatsbürger wie Igor Girkin erzählten freimütig darüber.
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2014 waren laut Umfragen ca. 18 Prozent der Menschen im Donbas für eine Abspaltung von der Ukraine laender-analysen.de/ukraine-analys…. Damit stimmt die Behauptung von GKS, die Menschen in der "Ostukraine" würden „nach Russland tendieren“ nicht. Im Falle der Krim wissen wir es nicht.
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Aber selbst wenn es eine Mehrheit war: rechtfertigt dass die Unterdrückung und Verfolgung der Gegner:innen, die unter der russischen Besatzung leiden und gestorben sind? B) Minsk II sei allein an der Ukraine gescheitert. Auch in der UA gabe es Widerstände gegen Minsk II.
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Aber Putin selbst versuchte Minsk II herauszuzögern, damit seine Truppen weiter die russische Herrschaft sichern (Angriff auf Debalzewe) und Fakten schaffen konnten. Es lag nie im „russischen Interesse“ (GKS) Minsk II umzusetzen – sonst wären die russischen Truppen weg.
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Selenskkyj war beim Donbas sehr viel kompromissbereiter als sein Vorgänger, aber Russland hatte keinerlei Interesse an einem Ende der Besatzung. Die besetzten Regionen hatten sich bereits zu Terrorstaaten unter russischer Führung entwickelt: zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2017/3-4…
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C) Schuld am Krieg gegen die Ukraine sei die „Dämonisierung“ Russlands, das habe sie in dem Buch „Eiszeit“ (2018) gezeigt .Es enthalte einen „Anmerkungsapparat“ und erfülle damit die Anforderungen der Wissenschaftlichkeit. Nur sind Fußnoten allein kein Ausweis von
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Wissenschaftlichkeit (Karl-Theodor zu Guttenberg?). Bei GKS dient der Fußnotenappart dazu, den ANSCHEIN von Wissenschaftlichkeit zu erwecken. Die Nachweise sind mehrheitlich eine selektive Auswahl deutsch- und englischsprachiger Online-Artikel und Dokumenten aus Wikileaks,
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die bisher keine russischen Dokumente veröffentlicht haben. Zentrale Werke zu Putins Russland werden ignoriert (z.B. die v. Karen Dawisha, Mascha Gessen, Anna Politkovskaja, Michail Sygar). Russische Quellen lassen sich an einer Hand abzählen (bzw. es reicht ein Finger).
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Beispiele für ähnliches manipulative Vorgehen in dem Buch "Russland Verstehen" im Screenshot . D) GKS wiederholt immer: RU habe Angst gehabt. Wovor eigentlich? Vor der Ukraine, von der man dachte, dass man sie in drei Tagen besiegen könne? Die Ukraine wurde 2014
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angegriffen, als sie neutral war. Der NATO-Beitritt wurde erst mehrheitsfähig als klar wurde, dass Russland keine souveräne Ukraine akzeptiert. Die Ukraine hat Sicherheitsinteressen, Russland hat neo-imperiale Ambitionen. Putin und seine Propagandist:innen sprechen der UA
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ihr Existenzrecht ab, sehen sie als Teil Russlands – und zwar schon vor Februar 2022. Ukrainer:innen gelten als minderwertig. Auf dieser ideologischen Grundlage fußt die Terrorpolitik in den besetzten Regionen: gezielte Verfolgung der Eliten, Verschleppung ukrainischer
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Kinder um sie zu russifizieren,gezielte Zerstörung ukrainischer Denkmäler, Kulturinstitutionen, Archive, Museen, gewaltsame Russifizierung des öffentlichen Raums & der Bildungspolitik. Aufrufe zum Genozid am ukrainischen Volk begleiten seit Monaten diesen Krieg. Über
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iesen genozidalen Charakter des Kriegs verliert GKS kein Wort, weil er ihr Erklärungsmodell (RU verteidigt seine legitimen Sicherheitsinteressen) ad absurdum führen würde. E) anti-ukrainischer Kolonialismus: GKS bezeichnet RU und Dtld. als Nachbarn – woran denkt sie da? An
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das 19. Jahrhundert als Polen nicht existierte oder an die Zeit zwischen 1939-41? Who knows. Die UA stellt sie als Land mit Minderheiten (hat RU auch) dar, mit einer komplizierten Geschichte (hat RU auch), das in dieser Form erst seit 1991 existiert (genau wie RU).
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GKS behauptet, eine „Dezentralisierung“ der Ukraine wäre die Lösung gewesen, tatsächlich war die Stärke der Regionen eine der Gründe, sich in der UA kein übermächtiges Zentrum wie in RU entwickelt hat. Und: die Krim hatte weitreichende Autonomierechte in der UA, diese
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endeten mit der gewaltsamen Annexion der Krim, bei der die Russen die demokratisch gewählte Regierung des Krim-Parlaments (ironischerweise Vertreter der „pro-russischen“ Parteien) absetzte und ihre Handlanger installierten. Diese gewaltsame Annexion erklärte GKS übrigens
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zur „Notwehr unter Zeitdruck“ und eignete sich die völkische Propaganda Russlands an, derzufolge die Krim „urrussisch“ sei (BS, siehe die Krim-Folge von @OstausschussSK) Außerdem hat es @MartinaWinkle14 gesagt: Geschichte ist hier irrelevant, es zählt das Völkerrecht.
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GKS macht sich Denkfiguren von Putin zu eigen: die UA sei keine echte Nation, insofern kann ein Angriff relativiert werden. An einer anderen Stelle spricht sie von "ehemaligen sowjetischen Landesteilen" (!) mit Waffendepots, die Russland schützen (!!) müsse.
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F) GKS brüstet sich damit, die „Vorgeschichte“ des Kriegs zu erklären, tatsächlich reduziert sie es auf eine Geschichte, die mit der NATO-Osterweiterung beginnt. (Auch diese war übrigens weit kompizierter: hsozkult.de/publicationrev…)
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Die Geschichte des russischen Imperialismus gegenüber der Ukraine bleibt unerwähnt. Über diesen Aspekt habe ich geschrieben: salonkolumnisten.com/russland-ukrai…. RU wollte die UA nicht in der NATO sehen , weil das seinem imperialen Anspruch auf die Ukraine im Weg gestanden hätte.
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Auf Rücksicht auf RU haben Frankreich und Deutschland der Ukraine 2008 den Weg zur Mitgliedschaft verbaut. Bei GKS sind es aber „legitime Sicherheitsinteressen“ Russlands. Außerdem spricht sie von „Ängsten“ Russlands, die sie auf eine Stufe
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mit polnischen und baltischen „Ängsten“ stellt. Nur war es Russland bzw. die Sowjetunion, die diese Staaten jahrhundertelang unterdrückten und nicht umgekehrt (oder ist Putin immer noch davon traumatisiert, dass Polen 1610 für kurze Zeit Moskau einnahm? Poor baby!)
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3) abenteuerliche Interpretationen/Falschaussagen: A) GKS behauptet, dieser Krieg sei auch deswegen ausgebrochen, weil die „Entspannungspolitiker“ sich nicht hätten durchsetzen können und stattdessen die Ostmitteleuropäer die Russland-Politik der EU dominiert hätten.
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Friendly Reminder: Ostmitteleuropa warnen seit Jahren vor North Stream 2 – hat Deutschland nicht interessiert. Ostmitteleuropa wollte die Ukraine in der NATO sehen – haben Frankreich und Deutschland verhindert. In DE haben sich die „Entspannungspolitiker“ durchgesetzt:
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NS2, Erhöhung der Energie-Abhängigkeit von RU nach dem Überfall auf die Ukraine 2014, ständiges Drängen auf Lockerung der Sanktionen von hochrangingen Politikern. Genau der „Dialog“ und die „Zusammenarbeit“, die es laut GKS nicht gab, haben den deutschen Umgang mit
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Russland bis Februar 2022 bestimmt. B) GKS tut so, als habe der Krieg 2022 begonnen und benutzt für die Zeit davor das Wort „Krieg“ nicht. Esi ist erwiesen, dass RU die UA 2014 angegriffen hat. GKS machte den Angriff zum "innerukrainischen Bürgerkrieg" .C) GKS verfälscht
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die🇷🇺 Rolle in Syrien, wenn sie behauptet, dass RU zu verdanken sei, dass Syrien Chemiewaffen zerstört habe. Tatsächlich: Propaganda für Assad & gegen die zivilen Weißhelme, Rückendeckung für Assad, der nur partiell Chemie-Waffen zerstörte. (🙏 @SashRu88 für den Austausch)
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Vor allem aber schweigt sie sich über das systematische Zerbomben der syrischen Zivilbevölkerung aus, durch die Russland das mörderische Assad-Regime vor dem Zusammenbruch rettete. Bei Aleppo scheint ihr vor allem leid zu tun, dass Russland das noch lange nachhängen wird.
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Die syrischen Opfer? Für GKS offenbar irrelevant. Stattdessen suggeriert sie, dass die USA schlimmer sei, schließlich seien beim „Sturm auf Mossul“ 40 000 Menschen gestorben. Dieser Sturm hatte das Ziel, die Stadt vom IS zu befreien und war in der Tat grauenhaft
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für die Zivilbevölkerung. Aber warum erwähnt Frau Krone-Schmalz ermordete Menschen nur, wenn sie sie benutzen kann, um ihre pro-Putin Positionen zu verbreiten? Warum dieses Desinteresse für die zahllosen Opfer russischer Politik?
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Das gilt auch für die Opfer Putins in Russland & Tschetschenien: kein Wort über sie. Stattdessen: Putin habe RU seinen Stolz zurückgegeben. Es ist erwiesen, dass Putin schon in den 1990er Jahren Teil eines Netzwerks von organisierter Kriminalität, (Ex-)Geheimdienstlern,
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und Oligarchen. Kurz nach seinem Antritt als Premier begann er den Angriff auf Tschetschenien, nach den tödlichen Anschlägen in Moskau, die Terroristen in die Schuhe geschoben wurden, tatsächlich spricht sehr viel für eine Täterschaft des FSB (von dem Putin Chef war).
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Ebenfalls umgehend begann sein Angriff auf die freien Medien & die Opposition. Putin ist selbst der größte & verbrecherischste Oligarch. 2014 verharmlost GKS die Diskriminierung von Schwulen in RU und kritisiert die Aufmerksamkeit für Pussy Riot :
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D) Täter-Opfer-Umkehr: GKS wirft Selenskyj & anderen ukrainischen Politikern vor, diese seien nicht „staatsmännisch“ und beschuldigt sie der „Kriegsrhetorik“. Die Tatsache, dass die Ukraine sich WEHRT fällt dabei unter den Tisch. Natürlich fällt kein Wort über Putins
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vulgäre, aggressive und mörderische Rhetorik und die seiner Handlanger. E) Überraschung: in einem Punkt gebe ich GKS Recht, nämlich in der Frage, warum wir über den Angriff Aserbaidschans gegen Armenien kaum reden und ihn nicht genauso verurteilen. Nur was folgt daraus?
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Für GKS, dass wir mit dem verbrecherischen Putin-Regime nachsichtiger sein sollten. Eine andere Option ist die bessere: von der Bundesregierung einfordern, auch endlich Solidarität mit Armenien zu zeigen und die Korruption rund um Aserbaidschan aufzuarbeiten.
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🙏@ManieroArpine für deinen Einsatz. F) Die UA habe im Februar 2021 die "Rückeroberung" der Krim angeordnet und die USA dies im Nov. bestätigt. Tatsächlich legt die "Krim-Plattform" ihren Schwerpunkt auf Diplomatie und die Rechte der Krimtataren en.wikipedia.org/wiki/Crimea_Pl…,
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in der UA-USA Erklärung vom Nov. 2021 ist von "Rückerorberung" keine Rede: state.gov/u-s-ukraine-ch…. Einmal mehr: manipulativer Gebrauch von Quellen. Freundlich gesagt eine eigenwillige Interpretation, man könnte auch sagen: Desinformation
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Zusammenfassung: GKS inszeniert sich als mutige Kämpferin gegen den Mainstream und für kritischen Journalismus, ignoriert aber die von Syrien & Russland ermordeten Menschen (inkl. Journalist:innen), Opfer anderer Staaten instrumentalisiert sie für ihre eigene Diktatur-
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erteidigung. Sie weigert sich, den genozidalen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine zu verurteilen und macht Russland vom Täter zum Opfer, die Ukraine vom Opfer zum Täter. M.E. ist dieser Vortrag eine Verhöhung von Russlands Opfern. Das Vorgehen ist systematisch:
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Verdrehungen, Halbwahrheiten, Auslassungen von zentralen Fakten bis hin zur Desinformation. Der Ukraine, über die sie seit 2013 negative Stereotypen und Falschaussagen verbreitet, will sie die Unterstützung verweigern. Waffenlieferungen zur Selbstverteidigung findet sie
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„schlimm“. Stattdessen empfiehlt sie Geheimdienstdiplomatie, ohne freilich die Frage zu beantworten, wie diplomatische Lösungen aussehen können in einem Krieg, in dem der Aggressor sein Opfer vernichten will. Schon mehrere hunderttausend Menschen haben sich den Vortrag
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angesehen. Ich habe schon vor dem Auftritt eine Email an Herrn Bausch (er stellt Frau KS am Anfang bewundernd vor) und seine Mitarbeiter:innen geschrieben: vhsrt.de/info/unser-tea… . Die VHS wird auf den Seiten der @StadtReutlingen als eine Bildungseinrichtung dargestellt.
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Wie wäre eine Stellungnahme des Bürgermeisters der @StadtReutlingen, wenn eine Volkshochschule anti-ukrainische Desinformation unterstützt und bewirbt: und damit Putins Opfern ins Gesicht spuckt? reutlingen.de/de/Rathaus/Sta…
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P.S: Ein bisschen witzig ist fast, dass GKS zugibt, dass sie sich den russischen Einmarsch von Februar 2022 nicht erklären kann. Tja, den meisten Osteuropa-Fachleuten fällt das nicht ganz so schwer - vielleicht, weil sie die Realität zur Kenntnis genommen haben.
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Für alle, die "Cancel Culture" schreien: Kritik, wenn eine VHS eine Kreml-Propagandistin bewirbt, ist TEIL der Meinungsfreiheit. Frau KS kann ihre "Meinung" selbst auf You Tube hochladen. Sie hat kein Recht darauf, dass es kritiklos hingenommen wird, wenn eine VHS es tut.
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