Für den #KlassikerderWoche begebe ich mich heute Abend zu Heinrich Schaumann auf die Rote Schanze und damit mitten in Wilhelm Raabes "Stopfkuchen" - stay tuned! 💣
Ja, es gibt zugänglichere Autor:innen als Wilhelm Raabe. Der Stil: sperrig, der intertextuelle Anspielungraum: zu weit, um ihn bequem durchschreiten zu können. Und ganz unproblematisch war Raabe natürlich auch nicht immer unterwegs. /1
Was mich für Raabes Texte aber sofort eingenommen hat, ist der bösartig-humorige Blick, mit dem er seine (literarische) Welt verwaltet. "Stopfkuchen" ist da keine Ausnahme. /2
Worum geht es? Schon das ist (nicht nur) durch die komplexe Erzählsituation schwierig zu beantworten. Zum einen geht es um den Erzähler erster Ordnung, Eduard, Kolonialist, der nach jahrzehntelanger Abwesenheit kurz nach Deutschland zurückkehrt. /3
Nun auf der Seerückreise nach Afrika schreibt er seine Erlebnisse nieder. Was sich anfänglich als affirmativer Akt der Selbstbestätigung liest, im Leben den richtigen Platz eingenommen zu haben, erweist sich nach und nach als Protokoll /4
einer fundamentalen Verunsicherung über den eigenen Lebensentwurf. Eduard wird erfahren, dass sein väterlicher Freund Störzer, der seine 'Afrikafaszination' erweckt hat, der (mutmaßliche) Täter im ungeklärten Mordfall Kienbaum ist, in dessen Zusammenhang /5
einem anderen Verdächtigen das Leben zur Hölle gemacht wurde. Dass die Kolonialisten von Haus aus Arm in Arm mit Mord und Totschlag gehen, ist ein Motiv, das Raabe schon in "Zum wilden Mann" ausgestaltet hat, und das in "Stopfkuchen" /6
als eine von vielen Formen subtiler Kolonialismuskritik gedeutet werden kann. Man kann "Stopfkuchen" aber auch ganz anders rekapitulieren: Als Geschichte der Titelfigur, Heinrich Schaumann, dem in seiner Jugend aufgrund seines übermäßigen Appetits /7
und seiner Leibesfülle der Spottname Stopfkuchen gegeben wurde. Den 'guten lieben Freund Stopfkuchen', an den sich Eduard anfänglich sentimental erinnert, will Schaumann beim Wiedersehen nur unter Vorbehalt mimen. /8
Schonungslos konfrontiert er den Heimkehrer damit, dass 'Stopfkuchens' Jugend von Mobbing geprägt war, an dem sich auch Eduard beteiligt hat. Sein Außenseitertum kompensiert der junge Schaumann durch zwei Dinge: /9
Zum einen entwickelt er eine obsessive Faszination für die Rote Schanze, einen ehemaligen Befestigungswall, von dem aus er hofft, eines Tages wie eine Kanonenkugel unter die Leute fahren zu können. /10
Zum anderen schließt er sich dem Bauern Quakatz und seiner Tochter Valentine an, die die Rote Schanze nicht nur bewohnen, sondern ebenfalls Außenseiter:innen sind. Vater Quakatz steht unter Verdacht, jenen Mord am Bauern Kienbaum begangen zu haben, /11
für den (mutmaßlich) Störzer verantwortlich ist. Der erwachsene Schaumann, inzwischen Besitzer der Roten Schanze und Valentines Ehemann, ist nun, wie Eduard, ein weiterer Erzähler des Textes: und was für einer. /12
Die monomanisch redenden Figuren eines Thomas Bernhards vorwegnehmend lässt Schaumann nicht nur das Drama seiner Jugend Revue passieren. Er quält Eduard auch damit, dass er sich erzählend an die (vermeintliche) Lösung des Mordfalls Kienbaum macht: /13
unnötig umständlich, beständig wiederholend, die zentralen Informationen immer weiter hinauszögernd. So gelesen wird "Stopfkuchen" zur Geschichte einer einzigartigen Rache: /14
einer Rache durch Erzählen, bei der die selbst erlittenen Verletzungen an die zum Zuhören (und Lesen) Verdonnerten weitergegeben werden. /15
Was macht "Stopfkuchen" für mich zum Klassiker? Eine einzigartige Titelfigur, eine originelle Geschichte, eine Überfülle an diskussionswürdigen Themen und Motiven, ein kunstvoller Aufbau. /16
Viele Male habe ich an diesem Text in Seminaren die verschiedensten Theorien erproben, die unterschiedlichsten narratologischen Verfahrensweisen aufzeigen und diverse Themen diskutieren können. /17
Damit ist "Stopfkuchen" für mich einer der vielseitigsten Texte, die ich bislang kennenlernen durfte. /18 - und Ende 🍰
Fußnote: Das war schwieriger als gedacht, ich bitte Fehler wohlwollend zu übersehen 😅
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