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Dec 22, 2022, 27 tweets

- SCHÜTZENPANZER LYNX -

„Lasst uns doch den Lynx kaufen, der ist viel besser“

Ein kurzer Abriss dessen, was ich seitens des aktuell einzigen Abnehmers - Ungarn und seitens der Industrie an Erfahrungen mit diesem Fahrzeug habe, gepaart mit OSINT.

Den Lynx könnte man als „Bruder“ vom SPz Puma bezeichnen. Es ist kein Geheimnis: Mithilfe der seitens des Bundes bezahlten Entwicklung des SPz Puma hat Rheinmetall Erfahrungen gesammelt, Funktionen erprobt, Neues ausgetestet und für sich das Bewährte für den Lynx ausgesucht.

Der Lynx ist im Gegensatz zum SPz Puma nicht EIN System, sondern eine modulare Fahrzeugfamilie, die an die Wünsche und den Bedarf des Kunden angepasst werden kann. So gibt es u.a. Ausführungen SAN, GSI, Späh-, Führungsfahrzeug, CombatSupport, SPz, uvm.

2016 wurde der KF31 erstmals auf der Eurosatory vorgestellt und bezeichnet die kleinere Ausführung des Grundsystems, aufgebaut auf einer Marder-Wanne.

2018 stellte Rheinmetall erstmals den KF41 auf der Eurosatory vor. Die Wanne ist eine neue Wanne, zusammengeschweißt in den Hallen von Rheinmetall. Im Vergleich zur Marder-Wanne deutlich größer.

Neben unterschiedlichen Grund-Ausführungen gibt es unterschiedliche Bewaffnungen (30 bis 120mm), Sekündärbewaffnungen (RCWS, Spike LR2 etc.), Schutzsysteme (Rosy, APS StrikeShield etc.), Drohnen, individuell zusammenstellbar.

➡️„Der Lynx ist günstiger.. man kriegt zwei Lynx zum selben Preis wie einen Puma“

Man muss dazu verstehen dass ein schön angemalter SPz nicht automatisch fertig ist, denn bis zu dem Moment eines Vertragsschlusses geht der Hersteller konsequent in Vorleistung.

Eine Serienfertigung beinhaltet dann später zusätzlich zu veranschlagende Entwicklungskosten - gemäß den Ansprüchen der Kunden. Einige beworbene Funktionen des Fahrzeugs sind zu diesem Zeitpunkt teilweise noch gar nicht fertig entwickelt und/oder implementiert.

Dazu kommt, dass der Lynx ein Exportfahrzeug ist. Es wird bei Vertragsschluss mit bspw. den USA von 3000+ Fahrzeugen ausgegangen, das macht einige Komponenten in der Massenfertigung günstiger, als bei einer Abnahmemenge von 350 wie beim Puma.

Der Puma ist ein an deutsche Forderungen angepasstes Fahrzeug, während der Lynx noch ein nach vielseitigen Wünschen/Ansprüchen konfigurierbares Fahrzeug ist. Bei Vertragsschluss bestimmen Abnehmer die Anforderungen, die der Lynx erfüllen muss - er muss also 💰angepasst werden.

Den Lynx an die Ansprüche der deutschen Panzergrenadiere, deutsche Vorgaben/Gesetze, Schutzvorgaben uvm. anzupassen würde das Fahrzeug vermutlich ähnlich teuer machen, wenn dies überhaupt möglich wäre.

➡️ „Der Lynx hat mehr Platz für Besatzung und Ausrüstung und hält länger durch“

Ja und nein. 1. Der Lynx hat mit dem LANCE-Turm einen bemannten Turm, der entsprechend mehr Platz des Innenraums einnimmt als ein RC-Turm, wie der des Pumas.

2. In der Ausführung der Ungarn sind die Sitze ähnlich wie auf dem o.a. Foto an der Wannenseite montiert. Die Sitze sehen auch ähnlich aus, beinhalten aber noch eine ausklappbare Fußstütze, die man mit einem Bändchen zwischen den Beinen ein- bzw. ausklappen kann.

Dadurch ist zwar immens viel Platz im hinteren Kampfraum, die Nutzbarkeit für Ausrüstung, Munition, Wirkmittel, Nahrung/Getränke ist aber nicht viel größer als beim SPz Puma. Gem. Aussage Industrie ist der Lynx ebenso wie der Puma für 24h ohne Folgeversorgung ausgelegt.

Bei modernen Ausrüstungsstandards der Besatzung vereint mit Anforderungen an Schutz, Gewicht und Bewaffnung ist der Platz immer ein Problem.

➡️ „Der Lynx hat bei den Ungarn performed“

Jetzt muss ich vorsichtig sein. Aber nein, hat er bislang nicht. Ganz einfach erklärt, wieso: die Ungarn haben - Stand jetzt - 6 Vorserienfahrzeuge(!), von denen keines die vertraglich festgelegten Funktionen zu 100% erfüllt.

Und wie oben angesprochen sind auch im Fall Ungarn einige der bestellten Funktionen noch in der Entwicklung oder Implementierung. Genauso wie die Bundeswehr, muss die ungarische Armee nun zuerst testen & implementieren und wird bereits hier die ersten Problemchen feststellen.

Das ist aber auch vollkommen normal! Ich bestelle ein Fahrzeug im Katalog und möchte noch ein paar für mich individuelle Anpassungen vornehmen, bei einem System, das nicht erprobt ist. Das stellt die Industrie manchmal vor Herausforderungen, genauso wie es beim Puma der Fall war.

Das am 17.10. ausgelieferten HUN Fahrzeug hat in diesem Fall noch nichtmal den richtigen Turm verbaut. Der verbaute Turm ist ein Australien-Turm, ohne ABM-Elektronik. Eine Anpassung an individuelle Anforderungen kostet also scheinbar nicht nur Geld, sondern dauert auch!

➡️ „der Lynx ist ausgereift und kann schnell eingeführt werden“

Wie größtenteils bereits erklärt: Nein! Eine Anpassung des Lynx an deutsche Ansprüche ist aus meiner Sicht nicht möglich. Einige wenige Gründe dafür möchte ich mit aufführen:

1. Das Fahrwerk des Lynx ist im Gegensatz zur Hydropneumatischen Federung des Pumas mit Drehstäben gefedert. Diese sind zwingend in der Wanne verbaut. Dadurch ist der Wannenboden zum Minenschutz anders konzipiert als beim Puma. Sie schützt zwar, beult aber deutlich mehr ein.

2. die Tanks sind anders als beim Puma nicht in den Laufwerksträgern des von der Wanne entkoppelten Laufwerks verbaut sondern befinden sich an der Seite des Fahrzeugs direkt hinter der Panzerung.

3. Das Fahrzeug ist größer. Ein riesiger Klotz. Die Forderung für den Puma war, diesen mit A400M lufttransportieren zu können. Daran orientiert sich auch der Aufbau der Schutzkomponenten und dessen Modularität beim Puma. Das ist beim Lynx anders.

4. eine Anpassung an deutsche Panzergrenadiere mit digitalen Funkgeräten, Führungssystem, BV, IdZ, Besatzungsstandard sowohl hardware- als auch softwareseitig würde Jahre dauern - wenn es überhaupt möglich ist.

FAZIT: 1. Lynx und Puma zu vergleichen ist aus meiner Sicht Schwachsinn, da: Puma individuell entwickelt und Lynx anzupassendes(!) Exportmodell. 2. Einen „einfachen“ Austausch bzw. eine einfache Einführung des Lynx gibt es nicht.

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