Wir müssen leider mal wieder über das Thema Altersverifikation im Internet aus Jugendschutzgründen sprechen.
Ein Thema, das gestern im Bundestag im Rahmen der Anhörung zur #Chatkontrolle aufkam.
Darin erklärten @khaleesicodes und @Senficon richtigerweise, dass eine anonyme Ausweiskontrolle zur Altersverifikation im Internet quasi nicht möglich ist.
Also fast. Wie @golem heute Morgen mit Bezugnahme auf diesen Artikel von mir schrieb, gäbe es technische Möglichkeiten zur anonymen Altersverifikation im Internet, z. B. mit dem nicht mehr so neuen Personalausweis.
golem.de/news/bundestag…
Das Problem liegt hier zwischen Theorie und Praxis. Während es theoretisch möglich ist, ist es praktisch schwer umzusetzen und wäre vermutlich am Ende selbst auf einer technischen Ebene eher pseudonym als anonym.
Viel mehr sollten wir uns das Thema technisch implementierter Jugendschutz im Internet aber aus einer sozialen Perspektive anschauen.
Denn die Debatte um das Thema Ausweis vorzeigen zur Altersverifikation im Internet ist schon mehrere Jahrzehnte alt und die verschiedenen Umsetzungen führten bis heute nicht dazu, dass Kinder und Jugendliche besser geschützt werden.
Deswegen jetzt ein wenig Geschichte.
Die erste mir bekannte Umsetzung von Online-Altersverifikation im Internet ist dieser blaue USB-Stick. Jetzt etwa 20 Jahre alt.
Das Marketing erinnerte mich ein bisschen an einige SSI-Startups, die in den letzten 2 Jahren gegründet wurden. Das Geschäftsmodell ist dasselbe wie heute:
"Ich gebe jemanden meine garantiert echten Daten und bekomme dafür einen Vorteil."
Dieser blaue USB-Stick war jetzt nicht sonderlich erfolgreich.
Aber immerhin hatten mehr Shops diese Technologie gleichzeitig integriert als @VERIMI_Now (jemals).
Der Hauptzweck war allerdings die Zugangsbeschränkung zu Pornografie im Internet.
Man verknüpfte seinen Ausweis einmalig mit dem System von Coolspot und konnte dann Pornos schauen.
Überraschung: Hat niemand genutzt. Weil Leute keinen Bock haben, sich für Pornos auszuweisen.
Es folgten viele weiter mäßig erfolgreiche Systeme, z. B. das Eingeben einer Personalausweisnummer zur Altersverifikation. Das können 12-Jährige mit einem Personalausweis-Generator austricksen - ich spreche da aus Erfahrung, denn diese Systeme gab es vor 15 Jahren schon.
Keines davon funktionierte bisher. Deswegen hätte die Politik jetzt gerne etwas Zuverlässiges. Warum also nicht "Ausweis vorzeigen im Internet"?
Naja, weil Leute dann einfach Angebote nutzen, die das nicht verlangen.
Wenn die großen das implementieren müssen, weichen Menschen auf kleinere Porno-Angebote aus. Das würde dann vermutlich dazu führen, dass die relativ guten Produktionsvorgaben/Nutzungsbedingungen, die wir heute auf den großen Porno-Portalen haben, wieder schlechter werden.
"Naja dann blocken wir die halt mit Netzfiltern/Jugendschutzfiltern/…" - würde der gemeine SPD-Abgeordnete da jetzt vielleicht entgegnen.
Ja, das mit den DNS-Filtern. Die kann jedes Kind umgehen, das einen Personalausweisnummern-Generator benutzen kann.
Das ist so einfach, selbst die Landesmedienanstalt NRW kann euch erklären, wie das geht:
Außerdem funktionieren solche DNS-Filter nicht wirklich gut als Jugendschutzmaßnahme.
Ich habe 70 Millionen Domains mithilfe des einzigen zugelassenen Jugendschutzprogrammes "JuschugProg" nach Alterskategorien einordnen lassen. Und während es viele wichtige Angebote (z.B. Selbsthilfe bei LGBT-Themen) blockiert, werden einige Porno-Angebote ab 12 freigegeben. Toll.
Zusammengefasst: Es gibt keinen sinnvollen Weg, Beschränkungen im Internet so zu bauen, dass es weiterhin für Erwachsene zugänglich bleibt und Kinder bis zu ihrem 18. Lebensjahr schützt.
Weil es ein soziales und kein technisches Problem ist. Ein soziales Problem, das wir in den letzten 20 Jahren erfolglos mit Technik beworfen haben, um uns nicht die Gedanken darüber machen zu müssen, wie wir es im Sozialen lösen.
PS. In meiner Kindheit wurden "jugendgefährdene Inhalte" i.d.R. per USB-Stick und Bluetooth geteilt, Internet brauchte da niemand. Geschweige denn Netzfilter.
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