(TW Suizidgedanken (los werden))

So, Schnuffis, ich muss kurz was los werden.
Ich hatte Suizidgedanken seit ich 10 war. Ich weiß das ziemlich genau, weil ich weiß, wie ich mitm Messer in der Hand in der Küche stand und es mir in den Bauch drückte, das tat aber zu sehr weh.
Richtig versucht dann das erste Mal mit 15. Auch später gab es Situationen, in denen ich gerettet werden musste (mit 19 z.B.) und/oder mich selbst in letzter Sekunde davon abhalten musste.
Ich hasse diesen Scheiß von wegen "Hilfeschrei" oder "nur Aufmerksamkeit". Denn bei mir wurde das, sowie die Narben an den Armen, immer als kindische Dummheiten abgetan. Lass halt den Quatsch, das sieht nicht hübsch aus. You don't say. Ich sah keinen Wert in mir und meinem Leben.
Der Schmerz, das Leiden, dieses Kindes, dieses Teenies, das ich war, wurde wenn überhaupt nur punktuell wahrgenommen. Also musste ich doch einfach nur dumm und schwach sein. Ich bekam halt nix auf die Reihe. Ich war verzweifelt. Und ich wusste nicht, wohin mit mir.
Massiv verschlimmert wurde das auch in der Zeit, in der man eigentlich rausgefunden haben sollte, was man beruflich machen will. Das heißt, Schulabschluss ist bald, Du musst Bewerbungen schreiben! Aber ich hatte keine Ahnung. Das war alles so falsch für mich.
Immer schon wollte ich was kreatives machen. Ungefähr mit 7 oder 8 begann ich, Comics zu zeichnen, und meine Superheldinnen. Ich wollte Künstlerin werden. Es gab absolut sonst nichts in mir, was ich sonst hätte sein können. Und als Kind hatte ich daran geglaubt, dass es geht.
Als Kind und junges Teenie zeichnete und schrieb ich. Es war das natürlichste für mich. Das war ich, das war das was ich tat. Ich lernte sogar HTML und machte meine eigene Gallery-Seite. Mit Domain und allem. Und auf englisch! Das war einfach ich. Dafür brannte ich.
Heute haben wir alle Instagram und Twitter und n Blog, ich hab damals noch selbst Einträge gemacht und das Datum dazugeschrieben, und selbst Thumbnails zurechtgeschnippelt für die Bilder, die ich nachts heimlich zeichnete. Und mit anderen Künstler'innen Links & Banner getauscht.
Ich erinnere mich sehr genau daran, wie endlos stolz ich war.

Und wie sehr ich für mein Zeichnen verachtet, beschimpft, geschlagen wurde.
Von den Erwachsenen kam immer nur Verachtung, Beschimpfungen, ich wurde als faule Sau betitelt wenn ich zeichnete statt was "gescheites" zu machen.
Die Berufsberater'innen meinten auch nur "Naja wir brauchen dringend Bäckereifachverkäuferinnen und Metzergereifachverkäuferinnen".
Mein Glaube, dass man, dass ICH, als Künstlerin und Comiczeichnerin leben konnte, wandelte sich. Vorfreude wurde zu Verzweiflung und Überforderung. Zeichnen war ich. Es gab sonst nichts anderes für mich. Und meine Zukunft wurde zu einem tiefschwarzen Loch.
Über mich und meine Zukunft entschieden andere. Die, die mein Zeichnen für lächerlich hielten. Ich wurde gezwungen, Bewerbungen zu schreiben. Die Zusage zur Ausbildung als Verkäuferin bekam ich im Bett, im Krankenhaus, nach meinem ersten S-Versuch.
"Na siehst Du, Du hast eine Ausbildungsstelle gefunden! Jetzt ist doch alles gut, freu Dich doch!"
Ich weiß noch, wie ich auf dem Bettrand saß und sie kahlen Äste der Bäume vorm Fenster anstarrte. Lange. Vielleicht stundenlang. Ich war so endlos fertig mit der Welt.
So sollten 15jährige sich eigentlich nicht fühlen.
Ich wurde gezwungen, hinzugehen. Ich wurde gezwungen, später auch mit körperlicher Gewalt, heulend, zur Arbeit zu gehen. Ich wurde gemobbt. Sie sahen meine Narben. Der Chef erniedrigte mich.
Dann erst erzählte mir ein Berufsschullehrer, dass es eine Kunstschule gibt. Auf das Ziel arbeitete ich ein paar Jahre hin, doch es klappte nicht. Ich stürzte völlig ab, und landete in der Hartz4-Falle.
Ein endloser Kreislauf begann, aus zu unpassenden Jobs gezwungen werden, komplett zusammenbrechen, arbeitsunfähig sein, sich erholen, wieder zu irgendwas gezwungen werden, wieder zusammenbrechen... (Aus vielen Gründen, eben auch psychisch, Autismus, unpassend, etc.)
Und vor allem dann immer, wenn wieder so ein Jobding nicht klappte, fragte ich mich, warum ich so kaputt war. Warum ich so unfähig war, diese Dinge zu ertragen. Wieso ich es nicht schaffte, wo es doch alle anderen schafften. Vielleicht war ich wirklich nur dumm und faul.
Nicht selten war dieses Ausbrennen innerhalb weniger Monate der Grund, dass ich wieder in Suizidgedanken und konkreten Plänen landete. Und ich sollte mich endlich reparieren und "stabil" werden. Wie man mich repariert und was "stabil genug" bedeutet, entschieden wieder andere.
Psychiater, die mich 3x im Jahr sahen um Tabletten zu verschreiben, oder Therapeuten, die meinten mir fehle nur die Motivation, oder JobCenter-Mitarbeiter, die meinten ich wirke doch fit denn ich lächelte sogar. Oder Krankenkassen-Mitarbeiter, für die ich nicht krank genug klang.
Ihr fragt bestimmt, wieso ich das alles zuließ? Denn das ist definitiv eine berechtigte Frage. Ich war der passive Spielball. Denn genau das hatte ich als Kind eingetrichtert bekommen. Die anderen wissen es besser, und ich darf meinen Gefühlen nicht trauen, denn die sind dumm.
Alles was ich bin, alles was ich kann, alles was ich will, ist falsch, korrekturbedürftig, nichts wert. Ich wollte nicht faul, nicht dumm sein. Ich wollte nicht falsch sein. Ich wollte nur endlich normal sein und ein normales Leben führen in dem ich endlich akzeptiert werde.
Und immer war da der Wunsch, doch von Kunst leben zu können. Und doch gleichzeitig gab es Phasen von Monaten, in denen ich absolut nix zeichnete oder schrieb. Es war ja nur wertloser Quatsch, nicht wahr? "Hör auf zu träumen und arbeite was gescheites".
Hatte die Überzeugung, dass Leben als Künstlerin für mich NOT AVAILABLE war. In etwa so unmöglich wie im Weltall atmen. Aber alles andere klappte ja auch nicht. Ich war ein Versager. Ein Nichtsnutz. Ich konnte nix und schaffte nix, ich konnte quasi ein Grab für mich schaufeln.
Es gab Zeiten, in denen ich trotzig war, und wütend, und mir schwor, diesen Scheiß nicht mehr mitzumachen und endlich das Kreative ernst zu nehmen, aber ließ mich doch wieder dazu manipulieren, was neues zu versuchen. Was natürlich wieder nicht klappte. Repeat.
Es war ein langer Weg, und bin endlich aus der JobCenter-Spirale raus. Es ist überraschend schwer, das zu ertragen. In mir ist immer noch der Wunsch, ein Geld verdienender Teil der Gesellschaft zu sein. Nicht auf dem Geld des Staates zu hocken und so. Kein "Schmarotzer" zu sein.
Aber die große Veränderung kam schon davor. Denn ich lernte, an mich zu glauben. Und wie unglaublich wichtig es ist, überhaupt zu GLAUBEN. Nein, ich meine nicht religiös. Sondern glauben daran, dass etwas MÖGLICH ist. Auch für Dich. Egal wie scheiße Du Dich selber findest.
Ja selbstverständlich ist das nicht leicht, natürlich ist das nicht bequem, und mit viel Arbeit & Mühe verbunden, aber die sinds eben wert, dass Du den Weg gehst. Das ist nicht irgendein blöder Quark, den man einfach abwinken sollte. Denn man handelt nur nach dem, was man glaubt.
Und natürlich sind die Ziele endlos weit weg, und man kann da konkret jetzt nicht viel dran tun. Aber das bisschen, was man tun kann, das KANN man tun. Aber muss muss wirklich GLAUBEN, dass man es tun kann und dass es das wert ist. Egal was dabei rauskommt.
Ich muss tief und fest daran glauben, dass die Minibinzibabyschrittchen, die ich tue, einen Sinn haben, und mich irgendwohin führen werden. Ich muss tief und fest daran glauben, dass Ziele für mich mich möglich sind. Dass Veränderung für mich möglich ist.
Es wird scheiße unbequem sein, und man muss durchhalten. Aber ~surprise~ wenn es wirklich das ist, was ich will, und das ist, woran ich glaube, dann tue ich das. Man kann keine Berge als ganzes versetzen, aber kann Steinchen für Steinchen woanders hin schleppen.
Es bringt absolut nix, wenn ich sitze und mich bemitleide, weil ich doch so doof und dumm bin. Aber das ist eben das, woran ich gewohnt war. DAS war das woran ich glaubte. Auch sich selbst scheiße finden ist eine Angewohnheit.
Ein Verhalten, das automatisch abläuft &einen im immergleichen Zustand festhält.
Da auszubrechen ist nicht leicht. Denn jede Veränderung, auch und vor allem positive, fühlt sich erstmal unbequem an. Das muss ich aushalten, wenn ich will, dass morgen anders sein soll als gestern.
Und ich habe mich dazu entschieden, Künstlerin zu sein. Ich habe mich dazu entschieden, daran zu glauben, dass ich das hinkriegen werde, egal wie. Dass ich das kann, und dass das das was wird und Türen öffnen wird, wenn ich nur Schritt für Schritt vorwärts gehe.
Es ist nicht leicht, das auszuhalten. Nicht zu wissen, ob WIRKLICH was draus wird. Aber eigentlich weiß ich doch nichtmal, ob ich morgen abend noch lebe weil tagsüber mich ein Blitz erschlagen könnte. Aber ich gehe davon aus. Mit einer selbstverständlichen Gewissheit.
Wo ist diese selbstverständliche Gewissheit eigentlich für Dinge die uns gut tun?

Aber um den Bogen zurückzuspannen, denn der Thread ist ewig lang. Also:
Seit etwa einem Jahr mache ich fast jeden Monat Aufträge. Der Anfang war zaghaft, aber es wurde besser.
Doch ich musste erst daran glauben, dass ich das kann. Dass es nicht vergeblich ist. Dass es möglich ist. Und aus dieser Gewissheit heraus endlich damit anfangen.
Das tut mir sehr gut. So sehr gut, dass ich ehrlich sagen kann, dass es mir so gut geht wie vielleicht noch nie.
Denn ich mache was ICH will, was ICH KANN, was MICH FORDERT, worin ich bereits so viel gelernt habe und das Gelernte anwenden kann, wo ich Lob und Wertschätzung erfahren kann die mir was bedeutet, wo ich einfach tue was sich für mich so normal anfühlt wie atmen.
Und deshalb ist alles, was mir sonst so massiv Probleme macht dass es Migräneanfälle auslöst ... wie zb. länger konzentrieren als 1 Minute, autismusbedingte Reizüberflutung, Irgenwas Mit Menschen(tm), Kundenkontakt, Schmerzen ... das alles spielt keine oder nur ne kleine Rolle.
Natürlich ist nicht alles Zucker. Aber man muss eben auch drauf schauen.... also... wenn jeder Job ein Kackesandwich ist, dann muss man gucken welches einem am besten schmeckt, ne? Also, jeder Job hat Schattenseiten, und die muss man mitdenken und mit ertragen.
DAS ist die Nische, in die mein Arsch genau reinpasst. Und verfluchte Scheiße, ich bleibe!

Übrigens:
Nope, ich will nicht mehr sterben. Ich will einen verdammten Van und damit durch Island reisen.

Keine Ahnung, wie ich das schaffen soll.
Aber wisst ihr was? Ich glaube daran.
(Wer diesen Thread benutzt um leidenen Menschen zu sagen, sie müssen nur mal bisschen an sich glauben, der ist ein Arschloch. Ich könnte eine lange Liste an Themen aufschreiben, mit denen ich mich auseinandersetzen und quasi selbsttherapieren musste, bis ich an diesem Punkt war.)
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