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Daniel Lücking @DanielLuecking
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Es wird ein Thread zum Thema #Trauma. Anlass ist die @ndr-Reportage, der einige Aspekte fehlen, die zeigen, dass es bei der Versorgung der @bundeswehrInfo-Soldat_innen an vielen Ecken hapert. Disclaimer: ich bin selbst in der #Schutzzeit, aber kein Soldat. ndr.de/fernsehen/send…
Das Thema frisst mich gerade besonders an, weil meine #Schutzzeit in gut 1,5 Jahren endet. Oder vielleicht schon im März 2019 nach der Masterarbeit, an der ich eigentlich gerade arbeiten sollte. Das Studium gilt als "berufliche Reha".
Wie in der Doku gezeigt, gibt es einiges, was getan wird. Das hilft mir gerade aber sehr wenig. Warum? Weil ich nicht vertrauen kann, dass mir der zugesagte Schutz auch weiterhin gewährt wird. Es existieren keine schriftlichen Zusagen, kein festgelegtes Enddatum.
Die @bundeswehrInfo schafft es zwar, halb Berlin mit Hochglanzwerbung zuzupflastern, aber es existiert bis dato nicht einmal Infomaterial zu wesentlichen Fragen, die Leute betreffen, deren #Schutzzeit bald endet. Ich rechne immernoch damit, dass ich möglicherweise ...
... mit bestandenem Studium sofort aus der Schutzzeit entlassen werde. Auf eine ausgedruckte eMail eine nachgeordneten Sachbearbeiters mag ich mich nicht verlassen. Dafür habe ich schon zu viel Fehlberatungen erlebt.
Seit gut 10 Wochen läuft die Anfrage, die ich über den Wehrbeauftragten angestoßen habe. Mittlerweile bin ich innerhalb der Bearbeitungszeit meiner Masterarbeit, ziemlich blockiert und anfällig für Trigger. Nachvollziehen kann das offenbar niemand. Der Grund:
Reportagen, wie die vom @ndr zeigen immer die Standard-Traumasituationen. Beschuss, Kampf, Explosionen, in denen die Soldat_innen traumatisiert wurden. In meinem Fall aber gibt es das nicht so direkt. Mein Trauma resultiert aus der Medienarbeit vor Ort.
Ohne nennenswerte Ausbildung leitete ich eine deutsch/afghanische Redaktion. All das zu Zeiten der Mohammed-Karrikaturen 2006. Reichweite des Senders: 1.000.000 Hörende im Norden Afghanistans. Programm: in Landessprache. "Winning Hearts and Minds".
2006 wurde es "stressig". Bei Demos starben im Irak Menschen. Der deutsche General (zuständig für 3.500 Soldaten) brachte es auf den Punkt: mit Waffen kann man hier nichts ausrichten. Die Wirkungsforderung an mich: "Machen Sie Radio so, dass hier keine Soldaten sterben."
Auch ansonsten war es ein "spannender" Einsatz. Im Laufe der Entwicklung rund um die Karrikaturen waren wir kurz davor, ein norwegisches Camp zu verlieren. All das neben dem "üblichen Stress", wie Raketenangriff auf das Camp, Anschlägen mit Verletzten, Fahrten durchs Land usw.
Auch die Einsätze 2007/2008 und mein letzter Einsatz rund um den 27.09.2008 waren nicht frei von Stress. Ich ließ das alles mit mir machen, weil es Teil meines Berufes war. Am Ende war ich doppelt so oft im Einsatz. Es hätte drei Mal so oft sein können, hätte ich nicht opponiert.
Die Einsatzplaner nutzten aus, das ich auf gute Beurteilungen sowie die Freistellung für berufliche Weiterbildungen angewiesen war. Der kürzeste Abstand zwischen Rückkehr aus dem Einsatz und Erföffnung des nächsten Einsatztermins war 12 Stunden nach Rückkehr.
Um sich das vorzustellen: ihr verpasst erstes Weihnachten und den ersten Geburtstag eures Kindes und müsst dafür noch am ersten Tag euer Rückkehr nach 4 Monaten irgendwie der Familie beibringen, dass ihr schon in 4 Wochen wieder auf den Weg müsst.
Es dauerte einige Zeit, bis sich die Posttraumatische Belastungsstörung ihren Weg gebahnt hatte. Die Zeit kann zwischen 6 Monaten und 10 Jahren oder sogar mehr liegen. In meinem Fall war es 2010 soweit. Als im Karfreitagsgefecht und wenige Wochen später Soldaten starben.
Die Psyche kannte keinen Unterschied zwischen der Wirkungsforderung aus dem Jahr 2006 "Machen Sie Radio so, dass hier keine Soldaten sterben" und den Todesfällen, die in diesem April im Jahr 2010 passierten. Ich fühlte mich verantwortlich und schuldig.
2011 verschlimmerte sich die Lage als weitere Soldaten starben. Im realen Leben befand ich mich im Journalismusstudium. Psyche und Körper kannten derweil keinen Unterschied zwischen Dieburg und Kunduz.
Therapien konnte ich damals nicht beginnen. Weil mir ein Berufsabschluss fehlte und ein Offizierpatent ohne Studium kein anerkannter Beruf ist, versuchte ich irgendwie das Studium durchzuziehen. Es galt schließlich zwei Kinder zu versorgen. Die Ehe war mittlerweile kaputt.
2013 kam ich am Tiefpunkt an, bewegte mich über Wochen kaum aus dem Haus, konnte mich auf nichts konzentrieren & suchte Hilfe im Psychotraumazentrum. Es dauerte 2 Jahre bis die Schädigung als einsatzbedingt anerkannt war & die Schutzzeit gewährt wurde. Schulden bauten sich auf.
Mittlerweile kann ich über all das reden. Mittlerweile ist mir überhaupt bewusst, dass es eine Belastung gab, die ich nicht verarbeitet hatte. Doch die Trigger sind immer wieder relevant und schränken mich im Alltag ein.
Mein Urteilsvermögen ist in solchen Triggerphasen nicht getrübt. Genau wie damals spüre ich eine Gefahr, bin hochkonzentriert, brauche wenig Schlaf, wenig Nahrung und vergesse letztere auch mal. Phasen mit viel Arbeit halte ich besser aus, als Phasen der Ruhe und Entspannung.
Nur holt mich der körperliche Stress dann immer wieder ein, denn unbegrenzt ist das nicht durchzuhalten. Über die letzen Jahre kann ich Triggerphasen identifizieren. In diesem Jahr war es zur Zeit der @republica und während der Ausschreitungen in Chemnitz.
Trigger sind dabei nicht nur die Demo-Situationen (mein Link zu Chemnitz), sondern auch das Fehlverhalten ranghoher Militärs, wie ich es im Einsatz 2007/2008 auszuhalten hatte (mein Link zur unsäglichen republica-Aktion der Bundeswehr).
Für mich bedeutet Medienarbeit an solchen Themen zu solche Zeiten dann eine gefühlte Bedrohungslage, wie in den Einsätzen. Damals lebten wir mit den Warnungen, dass Handgranaten über die Lagermauer des Camps geworfen werden könnten. Unser Camp lag damals in der Innenstadt, war
in einer ehemaligen Gärtnerei angelegt und von einer bröseligen Lehmmauer umgeben. Die gleiche Mauer, die wir tagsüber wegen der Bedrohungslage meiden sollten, führte an der Rückseite des Wohncontainers entlang, wo wir nachts schiefen.
(Kleiner Einschub: Nachteil, hier im Wedding zu leben sind Momente, wie gerade eben, als draußen zwei Böller detonierten. Das sorgt für unangenehme Schreckmomente).
Mittlerweile kenne ich mein Reaktionen und kann Gegenmaßnahmen treffen. Das kostet immer wieder Zeit und Energie. In vielen Reaktionen (Unfähigkeit zu Vertrauen, kein Selbstvertrauen usw.) ähneln meine Symptome dem im @ndr-Film beschriebenen Fall.
Mein vielem kann ich umgehen. Manches geht aber mit mir um. 2018 war privat bisher ein tolles Jahr. Aber mit einem Therapieversuch im März sowie den Triggersituationen im Mai und Ende August fehlte mir bisher die Energie für Sport und Laufen.
Eine Marathonanmeldung für den 18.9. lies ich verfallen, weil ich kein Training zustande bekam. Das ist ärgerlich, aber kein Weltuntergang.
Was mich bei der @ndr-Doku so anfrisst ist, dass sie verschweigt, dass die Bundeswehr kein Therapiekonzept für Leute wie mich hat. Leute, die keinen Dienst als Soldat mehr leisten können, weil die Erlebnisse (bei mir 27.09.2008) das nicht zulassen.
Mir bleibt aber nichts anderes übrig, als die Hilfe der Bundeswehr in Anspruch zu nehmen, denn zivil habe ich keinen Anspruch auf Krankengeld und wäre sofot gezwungen alles zu tun, um genug Unterhalt für die Kinder zu erwirtschaften.
Auch mit dem tollen Sportlehrgang für Traumatisierte wäre mir nicht geholfen. Ich halte weder Kasernierung aus (die Lagersituation in Kunduz holte mich sogar in der Kureinrichtung ein), noch mag ich lange von Uniformen umgeben sein.
Hinzu kommt: den wenigsten betroffenen Soldat_Innen ist bewußt, dass es einen solchen Lehrgang an der Sportschule in Warendorf gibt, geschweige denn ist ihnen bekannt, wie der Antragsweg ist.
Meine "Musiktherapie" ist eine wöchentliche Schlagzeugstunde (wenn ich es schaffe dorthin zu gehen), die ich selbst zahle (ist auch ok so). Positiv an der @ndr-Reportage: die Ministerin zeigt sich öffentlich mit Einsatzgeschädigten. Das passiert selten bis gar nicht.
Problem: es wird derzeit nur ein Narrativ akzeptiert und auch vom @ndr so gezeigt: "Dankbare Ex-Soldat-Innen, die schlimmes erlebt haben, um die getöteten Kameraden (ich hasse dieses Wort) trauern und immernoch gerne, gerne Soldat_in sein wollen."
Verschwiegen wird, dass oft psychisch erkrankte Soldat_innen im Tagesdienst "gemieden" werden. Offenbar sind manche Einheiten überfordert, wissen nicht, wie Inklusion stattfinden kann. Die @ndr-Reportage zeigt das nicht.
Gezeigt wird beim @ndr auch nicht, was denjenigen blüht, die nicht auf Bundeswehrlinie sind. Hier wird dann die "Kameradschaft" spürbar. Wer es wagt Kritik zu äußern, wird sanktioniert. In meinem Fall waren das explizite Drohungen, weil ich darüber redete,
das die Bundeswehr am 27.09.2008 einem Lynchmord zuarbeitete, der durch einen afghanischen Kooperationspartner begangen wurde. Ich arbeitete 2013 das Erlebte zusammen mit der @Linksfraktion im Bundestag auf.
Seither drohte mir ein Truppenausweisinhaber mit Überwachungsmaßnahmen in Form einer "Kaderakte", die alles enthalten würde, was ich online so tue, "plus das, was man hinzuerfinden kann". Ausweg: ich solle meine Onlineauftritte löschen.
Über Monate hatte ich "Facebook-Begleitung" durch einen Generalanwärter aus der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, der jegliche Äußerung, die ich auf Facebook tätigte sofort auf "Daniel ist krank - hört ihm nicht zu" drehte.
Entlang der @republica-Guerillaaktion der Bundeswehr ließen mich Leute der Identitären Bewegung wissen, dass man sich sehr genau mit mir befasst habe. Nicht ohne mich als "Schande für das Offizierkorps" zu diffamieren.
Andere, die sich angeblich "für Veteranen" einsetzten beschimpften mich, weil ich nicht auf ihrer verklärten ideologischen Linie bin. Einer davon der Co-Autor des Hauptakteurs bei der @republica-Aktion, der auch schon mit Leuten von der Identitären Bewegung "Schnittmengen" hat.
Weitere Repressalien der letzten Jahre waren Anrufe bei den Verwaltern meines Versorgungsvorgangs, um Druck zu machen. Ich hatte in einem Artikel die Haltung der Bundesregierung kritisiert, man könne Menschen nach Afghanistan abschieben.
Daraufhin riefen feige und hinterhältige Intriganten meinen Chef d. Stabes an & meinten, man müsse doch gegen eine solche Berichterstattung etwas tun können. Schließlich bekäme ich ja Geld von der Bundeswehr. Er unternahm nichts. Beim aktuellen Verwalter bin ich mir nicht sicher.
Geduldet wird, wenn sich einsatzgeschädigte Ex-Soldaten so äußern, wie in der @ndr-Reportage gezeigt oder in einem Sinn, der dem Verteidigungsministerium nützt.
Du darfst jederzeit öffentlich für Kampfdrohnen sein, aber nicht gegen die Unterstützung eines Kriegsfürsten, der mit den Methoden eines Mafiachefs regiert (und 2008 die gefangengenommenen Afghanen exekutierte, was die Bundeswehr dem Bundestag verschwieg) nzz.ch/baertiger-krie…
Zurück zur Reportage des @ndr und zum Thema Versorgung. Dass ich überhaupt versorgt werde, wäre ohne öffentlichen Druck womöglich nicht passiert. 2013 bis 2018 (DSGVO) führte ich einen Blog und dokumentierte Fehlberatungen und den Umgang von Ärzten mit mir.
Freiwillig kam da meist nichts und es ist nicht gut für das Arzt-Patientenverhältnis, wenn solch ein Druck ausgeübt werden muss, damit sich überhaupt etwas tut. Einen unabhängigen Versorgungsweg gibt es nicht. Ich kann dazu aber nur sagen: meine Uniformzeit ist vorbei.
Eine Reihe von Einschränkungen wird wohl bleiben. Derzeit stehe ich vor der Entscheidung, in 2019 einen erneuten Therapieversuch zu starten. Man will mich aber wieder auf ein stationäres Therapieumfeld hin verargumentieren, das in Bundeswehrräumlichkeiten stattfinden soll.
Ich kann nur sagen: in einem solchen lagerähnlichen Umfeld bin ich massiv getriggert - 24/7. Von der zivilen, ambulanten Behandlung rät man mir ab, obgleich man das wohl finanzieren würde. Aber auch dort wäre die Unterbringung in einem lagerähnlichen Krankenhaus nicht förderlich.
Derzeit würde es mir reichen, wenn ich mal eine Verlässlichkeit hätte. Einen schriftliche Zusicherung dessen, was der nachgeordnete Bearbeiter in einer eMail zwar zusicherte, was aber nicht den Charakter einer verbindlichen Zusage hat.
Es gäbe die Option von Einarbeitung und Praktika für die Gestaltung des Übergangs ins Zivilleben. Dort will ich hin. Und gleichzeitig weiß ich um die Einschränkungen, die immer wieder relevant werden dürften.
Zuletzt in Chemnitz, als der wütende, gewaltbereite Nazi-Mob so gar keinen Unterschied für mich ausmachte zu den 2006 demonstrierenden Afghanen. Statt mich um meine Masterarbeit zu kümmern, die so langsam zeitkritisch wird, war ich an dem Thema.
Medienarbeit wird mich aufgrund meiner Erfahrungen wohl immer wieder mal triggern. Ich weiß nicht, wie ich damit in Zukunft umgehen soll. Erst recht nicht, wenn davon mein Lebensunterhalt und der Unterhalt für meine Kinder abhängt.
Ganz zu schweigen davon, wie das jemals in einen Arbeitsalltag passen soll, der ohnehin keinen Raum für das Maß an Regeneration lässt, das dann geboten wäre.
Morgen läuft im @ZDF die Reportage "Armee ohne Kompass". Den Trailern nach zu urteilen, wird es auch dort wieder um das "akzeptierte Bild" von traumatisierten Soldat_innen gehen. l
Auch wird es wohl Bilder von der @Republica-Aktion geben, die für mich in Mobbing durch die Identitäre Bewegung und durch Einsatzveteranen endete, die meine Sicht auf das Thema Trauma nicht dulden., aber besser in die @bundeswehrInfo -PR passen, als ich: zdf.de/dokumentation/…
Im Hinblick auf den Rest der Woche, den ich hoffentlich ein bisschen mehr in der Nähe meines Masterarbeitsthemas sein werde, als in diesem Thread, werde ich mir die Reportage irgendwann und mit Abstand geben.
Vielleicht hat dann auch mal jemand auf die Eingabe beim Wehrbeauftragten reagiert, die seit 10 Wochen anhängig ist. Wohlgemerkt: ich hätte nur gern eine verbindliche Aussage über die Ausgestaltung des Übergangs von der Schutzzeit ins Zivilleben.
Disclaimer: bei der Bundeswehr werde ich als "Soldat" geführt. Ich bin freigestellt für das Journalismus-Studium, das ich gerade absolviere, suche meine Themen nach journalistischen Kriterien aus und schütze dementsprechend auch meine Quellen.
Lebt damit. Soldat bin ich seit Jahren nicht mehr. Damit muss die Bundeswehr klarkommen. Meinen Vertrag habe ich erfǘllt - übererfüllt angesichts der Einsatzbeschickung. Von der Fürsorgepflicht entbindet euch das nicht.
/End of Thread. Gute Nacht für heute.
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