Da der #Seeräuberhund hier ja schon so langjährige Fans hat und ich glaube ich noch nie ihre Geschichte erzählt habe, hole ich das mal hiermit nach. Und ja, es werden viele niedliche Fotos folgen. Das ist die Geschichte von Seeräuberhund & Seeräuberbatman (Thread)
Als ich 2012 nach meinem Studium von Wien nach Hamburg zog, war ich ein bisschen traurig, meine Pflegehunde in Wien zurücklassen zu müssen. Ich hab mein Studium zT durch Hundesitting und -training finanziert und hatte immer so 2-3 Fälle parallel.
Traurig sah ich nun meiner hundelosen Zukunft entgegen und fand in Hamburg schnell einen Job bei einem Softwareunternehmen. Was mir sofort auffiel: Dort hatten alle Hunde. Natürlich witterte ich sofort meine Chance.
Ich begann, mich umzuhören. Es war für mich klar, dass nur ein Tierschutzhund in Frage käme. Ich war schwierige und verhaltensauffällige Hunde gewohnt, weshalb ich keinen Grund sah, einen Zuchthund zu mir zu holen.
Die Endwahl fiel auf 2 Hündinnen: Tila und Chloe. Tila war ein super niedlicher Border-Collie-Windhund-Mix, Chloe ein Schäferhund-Mischling. Ich traf mich mit Tila, es war sofort Liebe. Dennoch wollte ich auch Chloe eine Chance geben.
Als ich Chloe, den späteren #Seeräuberhund, zum ersten Mal traf, war sie regelrecht katatonisch. Dennoch legte sie sofort ihren Kopf auf mein Bein und die Pflegestelle, Ines, war ganz aus dem Häuschen, weil die Hündin Fremde eigentlich gar nicht mag.
Als ich das erste Mal mit Chloe Gassi ging, trottete der Hund wie tot neben mir her. Schnüffelte nicht, guckte nicht umher. Der Kopf hing bis zum Boden, der Schwanz auch. Sie fand alles SEHR, SEHR schlimm.
Ines erzählte mir, dass Chloe innerhalb eines Jahres schon 12 Stellen hatte. Geboren in Griechenland wurde sie mit ca. nach Deutschland gebracht, nachdem sie einen schweren Unfall hatte (wurde überfahren). Hier kam sie zu einem Bauernpaar auf einen Hof.
Die Bäuerin bekam aber nach 6 Monaten einen Schlaganfall und wurde Pflegefall, weshalb ihr Mann den Hund wieder abgab. Und dann wurde er von Familie zu Familie gereicht, bis er endlich total traumatisiert bei Ines gelandet war, wo er schon seit 7 Monaten lebte.
Sie schwätzte mir auf, dass ich den Hund mal eine Nacht nehme. Das verlief so: Zuerst legte der Hund sich in mein Bett. Sie war SO viel größer, als ich dachte. Als ich sie aus dem Bett scheuchen wollte, knurrte und fletschte sie mich an.
Als mein Mitbewohner nach Hause kam, stellte sie ihn im Flur und knurrte und fletschte. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis er in sein Zimmer konnte, ohne, dass sie ihn killen wollte.
Als ich dann im Bett lag, traute sie allem so wenig, dass sie sich nicht entspannen konnte. Sie stand in einer Ecke und starrte mich an. DIE GANZE NACHT. Und ich blieb auch wach aus Angst, dass sie mich im Schlaf abmurkst.
In den Morgenstunden bin ich kurz weggedämmert und als ich aufwachte, stand sie immer noch an Ort und Stelle, vor Erschöpfung zitternd, Kopf gesenkt, ganz verängstigt. Bin aufgestanden und sie ist sofort ins Bett gerannt und weggeknackt.
Als Ines sie abholen wollte, wollte sie dann aber nicht mit. Sie sah sie im Flur, schaute nur kurz und legte sich dann wieder in mein Bett. Ines, die ja überlegte, Chloe selbst zu behalten, war dann doch relativ verletzt, dass sie sie so schnell abgeschrieben hatte.
Irgendwie haben wir es dann geschafft, den (sich mit Pfoten und Zähnen wehrenden) Hund ins Treppenhaus zu befördern und weg war er. Bis 2 Tage später. Ich willigte nämlich ein, den Hund zu sitten, während Ines in München bei einem Casting war.
Dazu musste ich ihn mit auf die Arbeit nehmen. Zuerst pisste sie auf den Teppich meines Chefs, dann hatte sie Sex mit einem anderen Hund und verschanzte sich anschließend in einer Ecke mit dem Spielzeug eines anderen Hundes.
20 Kollegen filmten mich, wie ich versuchte, ihr das Spielzeug wegzunehmen. Dabei versuchte ich es hinzukriegen, dass sie mir nicht den verschissenen Arm abriss. Es war ne Vollkatastrophe.
Als Ines sie dann nach ein paar Tagen abholen wollte, wollte Chloe nicht mit. Ich war zu müde für Widerstand und willigte ein, sie noch ein paar Tage zu behalten. Aus diesen paar Tagen sollten 6,5 Jahre werden.
Das erste Jahr war ein Albtraum. Ich bin nicht sicher, wer den anderen jeweils mehr verabscheute: Der Hund mich oder ich den Hund. Es war ein Kampf. Er war aggressiv, ängstlich, unberechenbar. Es dauerte Wochen bis ich schnallte, dass sie nicht wie andere Hunde kommunizierte.
Sie kommuniziert noch sehr ursprünglich. Das bedeutet zum Beispiel: Mit ihren Augenbrauen. Ein Labrador hat noch so 9 Gesichtsausdrücke drauf, ein Schäferhund 23, ein Malamute über 60. Chloe tendierte eher so zwischen Schäfi und Malamute.
Mittlerweile können sie und ich ausschließlich über Augenbrauen kommunizieren, weil sie meine auch lesen kann. Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis ich gemerkt habe, dass mündliche Befehle GAR NICHT bei ihr fruchten.
Wenn man ihr mit positiver Bestärkung und Klickertraining kommt, lacht sie sich schlapp. Unsere Kommunikationsform: Augenbrauen, Kehle zeigen, all das. Über die Lippen lecken, gähnen, pipapo. Unsere nonverbale Kommunikation läuft über das Gesicht ab.
Bis ich das raus hatte, war ich jeden Tag nur frustriert. Die hartgesottensten Hundesitter haben sich an ihr die Zähne ausgebissen. Keine Ahnung, wie oft ich geheult habe. Keine Ahnung, wie lang sie sich unverstanden fühlte.
Unterwegs fiel sie alles und jeden an, was bei 3 nicht auf den Bäumen war. Hatte extreme Trennungsängste und ließ mich nicht einmal allein aufs Klo. Alles, was ich tat, war eine Gruppensportart. Ich konnte nicht einmal durchs Zimmer laufen und was holen, sie stand auf & lief mit.
Mein Umfeld sagte: Das ist der traurigste Hund der Welt. Immer hing ihr Kopf auf den Boden, ihr Schwanz ebenfalls, sie schleifte sich durchs Leben, hatte keine Freude an irgendwas. Ich mochte sie nicht, sie mich nicht, es war grauenhaft und absolut unromantisch.
Ich sprach mit der Tierschutzorga, ob sie sie nicht nehmen wollen. Sie meinten, dass noch nie jemand "so gut" mit dem Hund klargekommen sei. Ich sagte: Okay, ich versuch es noch 4 Wochen. Und dann wedelte sie mit dem Schwanz.
Bis dahin dachte ich, durch den Bruch könne sie den Schwanz gar nicht bewegen. Sie hat ihn in 6 Monaten nicht EINMAL bewegt. Nie. Niemals. Gar nicht. Und da kam ich nach Hause und da stand sie. Normalerweise nahm sie meine Ankunft nur desinteressiert zur Kenntnis.
Doch da stand sie, Kopf hing wie immer, doch hinten rührte sich was. Der Schwanz ruckte in krampfartigen Bewegungen hin und her. Das schien sie selbst so zu erschrecken, dass sie sich abrupt nach hinten umdrehte. Sie wusste selbst nicht, was da geschah.
Noch nie habe ich einen Hund so unbeholfen und seltsam mit dem Schwanz wedeln sehen. Sie stand da also und wedelte unbeholfen und abgehackt mit dem Schwanz, versuchte, ihn mit dem Maul festzuhalten und winselte leise und verzweifelt.
Und ich ließ meine Tasche auf den Boden fallen und ging zu ihr und sie starrte mich an, der Schwanz mittlerweile AUSSER KONTROLLE propellerartig in alle Richtungen schlagend. Und dann heulte ich erstmal, und zwar so RICHTIG.
Das war das erste Mal, dass sie mich überhaupt wahrnahm. Sie hatte mir bis dahin noch nicht einmal ins Gesicht geschaut. Nicht auf meine Stimme reagiert, nicht auf Berührungen, außer mit Knurren, geantwortet. Sie war wie ein aggressives Möbelstück.
Ab da wurde es langsam besser. Ich wusste mittlerweile, vor was sie Angst hatte (vor so ziemlich ALLEM) und nach dem Schwanzwedelmoment fingen wir an, unsere gemeinsame, Augenbrauenbasierte Sprache zu entwickeln. Es dauerte fast zwei Jahre, bis sie richtig ansprechbar war...
.. und auf mich reagierte. Bis sie mir genug vertraute und sich fallenlassen konnte und nicht mehr das Gefühl hatte, alles selber regeln zu müssen. Ich baute ihr eine Welt voll Routine um sie herum, weil sie Routine braucht, um entspannen zu können.
Ich erfand "das Ritual", das sicherstellt, dass Menschen mich besuchen können, ohne, dass sie ihnen das Gesicht abreißen will. Fand heraus, was man machen muss, damit sie plötzlich die zahmste Schmusekatze ever war.
In unserem dritten gemeinsamen Jahr durfte ich endlich mit ihr Kuscheln. Ich hatte mir schon die Anfass-Rechte ihres Körpers Stück für Stück gesichert und nach 3 Jahren begann sie es endlich zu mögen, wenn man sie streichelt.
Chloe war ein Marathon. Im fünften Jahr unserer gemeinsamen Zeit hat sie zum ersten Mal in ihrem Leben gespielt. Sie findet es immer noch so mittel-interessant, aber ab und zu überkommt es sie und dann wird ein bisschen gekämpft oder Ball gespielt.
Mittlerweile ist sie ein lebenslustiger, aufgekratzter Hund und gleichzeitig total verkuschelt. Sie ist aufgeweckt, neugierig und hat gelernt, dass die Welt nicht nur ganz grauenhaft ist und nicht jeder Mensch sie misshandelt.
Sie ist immernoch ein schwieriger Hund für andere Menschen. Ich lasse sie nur beim dem Hundesitter in Hamburg, der sie sogar länger kennt als ich sie, weil er um ihre Schwierigkeit weiß. Sie wirkt immer so lieb, dass sie unterschätzt wird.
Kinder gehen nicht, die Müllabfuhr nicht, wenn Menschen schnell um die Ecke gehen, wenn Leute ihre Jacke ausschütteln, pipapo. Die Liste ist lang, aber vor 6 Jahren schien sie endlos, doch das meiste schafft sie jetzt gut.
Weil wir jahrelang geübt haben, dass sie sich sicher fühlen kann, wenn ich da bin. Dass ich schon alles regel. Dass ich sie beschütze und dafür sorgen, dass alles so ist, wie immer. Dass nichts schlimmes passiert.
2012 hätte ich niemals gedacht, dass ich das mit diesem Hund irgendwie hinkriegen würde. Dass ich mein Leben und ihrs damit nicht total gegen die Wand fahre und mich nur noch einschränken muss. Aber es hat geklappt.
Einen so schwer traumatisierten Hund wie sie aus dem Tierschutz zu holen, ist ein jahrelanger Marathon, der 110% der eigenen Kraft abverlangt. Aber jetzt sind wir ein unzertrennliches Team und trotz all der Schrecken ist sie das Beste, das mir je passiert ist. Ende.
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