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susanna @senior_witch
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Ich nehme dies mal als Anlass zum Schreiben. Schon einer Weile habe ich gelesen, dass @ProfSalzborn die mangelnde Aufarbeitung in den Familien als großes Problem angesehen hat, und am Donnerstag habe ich einen Vortrag gehört, in welchem ebenfalls geklagt wurde, dass keine
wirksame Aufarbeitung stattfände, aber es war nicht klar, wie eine solche Aufarbeitung aussehen könnte. Familiäre Vergangenheitsaufarbeitung ist kein Wundermittel - wobei in aller Regel noch nicht einmal klar ist, wofür oder wogegen sie ein Wundermittel sein soll. Das andere
Problem besteht darin, dass sie zu einem endlosen Prozess werden kann. Vielleicht ein Punkt aus meiner eigenen Erfahrung: Ich hätte mir gerne gewünscht, Menschen zu begegnen, die mir zuhören und dann entweder sagen: "Ich denke, die Informationen, die du bis jetzt hast, decken die
ẃichtigsten Punkte ab, du wirst nur noch Details finden, keine Erkenntnisse, die dein Bild über deine Vorfahren über den Haufen werfen" oder "in den Geschichten über deine Vorfahren gibt es Merkwürdigkeiten (innere Widersprüche, Widersprüche zur allgemeinen Geschichte, Lücken),
da solltest du noch einmal genauer nachforschen." - und der dieses Urteil auch begründet hätte. Dabei ist die Erforschung der Fakten nur der erste Punkt bei der Aufarbeitung der Vergangenheit. (In einem Aufsatz von Dan Bar-On habe ich eine Liste von fünf Punkten gefunden - von
den anderen vier Punkten ist selten die Rede.) Es reicht nicht zu wissen, was die Vorfahren getan oder nicht getan haben - der nächste Schritt (vielleicht auch der übernächste) wäre die moralische Bewertung dieser Taten. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die sehr genau
wussten, was die eigenen Vorfahren getan hatten und eine intensive Forschung in Archiven hinter sich hatten, aber wenn sie sich die Frage stellten, warum ihre Vorfahren mitgemacht hatten, fanden sie alle möglichen Antworten, nur nicht: "sie waren überzeugt, dass dies richtig so
war." Eine weitere Frage, die sie sich nicht stellen, lautet: "Welche Auswirkungen haben die Taten meiner Vorfahren auf mich?" Dabei wäre das die entscheidende Frage. Wenn sie überhaupt gestellt wird und nicht einfach behauptet wird, es gäbe keine Auswirkungen, wird geantwortet:
Ich habe unter meinen Vorfahren, unter ihrem Schweigen, ihrer Aggression, wenn ich Fragen stellte, gelitten, bin depressiv geworden, habe Schuldgefühle anstelle meiner Vorfahren entwickelt, hatte Alpträume. Was niemand sagt: "Ich habe Ansichten meiner Vorfahren übernommen und
musste mich mühsam herausarbeiten." Der nächste Kritikpunkt: die fehlenden Unterscheidungen oder die falschen Unterscheidungen. Meist werden dichotome Unterscheidungen getroffen: Nazi oder kein Nazi. Täter oder kein Täter. Irgendwie wird dann versucht, die eigenen Vorfahren auf
guten Seite zu halten. (Dies gilt selbst für viele Menschen, deren Vorfahren sehr stark beteiligt waren, auch an Verbrechen.) Besser wäre, das Ausmaß der Beteiligung zu betrachten und zu akzeptieren, dass viele - vielleicht die meisten - weder hunderprozentige Nazis waren, die
vor lauter Fanatismus nicht mehr denken konnten, noch unschuldige "Zuschauer", die durch und durch dagegen waren. Natürlich gibt es beide Extreme, Menschen im Widerstand und Menschen, bei denen man sich fragt, ob sie überhaupt noch dachten, aber wenn man verstehen will, wie der
Nationalsozialismus Erfolg haben konnte, dann muss man all jene betrachten, die Hitler durchaus gut fanden, aber nicht alles und nicht immer und schon gar nicht alles, was seine Leute taten (in der falschen Annahme, dass Hitler dies nicht gutheißen würde.) Wenn Aufarbeitung
sinnvoll sein soll, dann muss "war zeitweise durchaus begeistert und trug damit zum Erfolg der NS-Diktatur bei, beteiligte sich nicht an Verbrechen, tat aber auch nichts dagegen" ein mögliches Ergebnis sein - wenn die Unterscheidung nur Nazi/Nichtnazi oder Täter/Nichttäter ist,
werden viele Menschen (außer jenen, deren Vorfahren direkt an Verbrechen beteiligt werden) zum Schluss kommen, ihre Vorfahren seien unschuldig gewesen, und die Begeisterung für Hitler wird nicht erfasst werden. Dann läuft die Logik folgendermaßen: Meine Eltern, Großeltern,
Urgroßeltern waren nicht an Verbrechen beteiligt, also waren sie keine Nazis und hatten mit allem nichts zu tun, und daher können die Ansichten, die ich von ihnen übernommen habe, nichts mit dem NS zu tun haben. - Ich komme wieder zum Anfang zurück: Wundermittel wogegen? Im
Idealfall hätte die Aufarbeitung der famliären NS-Vergangenheit zum Ziel, dass Menschen, die von ihrem Selbstverständnis her links oder linksliberal oder vielleicht auch konservativ sind, nicht die Meinungen ihrer Vorfahren vertreten oder Erzählungen ihrer Vorfahren als Wahrheit
verbreiten, von denen sie eigentlich als linke oder linksliberale oder konservative Menschen wissen müssten, dass es sich um NS-Denken handelt oder dass diese Erzählungen historisch falsch sind - und vor allem, dass sie, auf diesen Widerspruch aufmerksam gemacht, nicht in absurde
intellektuelle Anstrengungen verfallen, um sich vor dem Wahrnehmen dieser Widersprüche oder dem Bruch der Loyalität mit den Vorfahren schützen zu müssen. (Es geht also nicht um Depression und falsche Schuldgefühle. Es geht auch nicht um öffentliche Bekenntnisse oder Bußrituale,
und schon gar nicht geht es darum, dass man, nachdem man genug gebüßt hat, wieder stolz auf Deutschland sein darf. Es geht darum, zu lernen und ein besserer Mensch zu werden, der rechte Ansichten als solche erkennt, der Exkulpationsstrategien als solche erkennt, der andere
Menschen, insbesondere die damaligen Opfer und ihre Nachkommen, nicht vor den Kopf stößt und in Situationen bringt, wo sie sich überlegen, ob sie widersprechen oder lieber nicht. Dazu reicht familiäre Vergangenheitsaufarbeitung nicht aus, aber sie kann dazu beitragen.
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