Ich war gestern nach sehr, sehr langer Zeit mal wieder in der Sauna.

Kurz bevor wir dort hin aufbrachen fiel mir auf, dass es dort nur binär geschlechtergetrennte Duschen gibt.

Und als Workaround die Herrendusche zu verwenden einfach keine Option mehr für mich ist.

Upsi. 🙃
Beim reinkommen war das noch kein Problem. Ich hab einfach die normalen Saunaduschen drinnen genutzt. Die sind ein bisschen kalt und da darf man halt keine Seife benutzen, aber das war okay. Problem auf später verschoben.

Stattdessen ergab sich eine andere Herausforderung.
Eine Freundin mit der ich da war, schlugen vor ein spezielles Sauna-Peeling-Event zu besuchen - das aber nur mit Anmeldung und exklusiv im abgetrennten Saunabereich für Frauen stattfinden würde.

Es war klar, dass sie mich dabei haben wollte. Für sie bin ich einfach Frau.
Ich stammelte ein bisschen rum und teilte die Ängste, die ich damit verbinde. Was, wenn andere mich anders lesen würden? Meine Körperform wird glaube ich durchaus weiblich gelesen, aber meine Genitalien...

Was wenn mich irgendwer misgendern würde? Oder gar rausschmeißen? Uff.
Was mir Sicherheit gab war, mit zwei Freundinnen da zu sein.

Wir vereinbarten, dass ich bei der Anmeldung einfach fragen würde, was deren Policy zu trans Personen ist und ob ich teilnehmen dürfe. Wenn die Antwort "nein" wäre, würden sie aus Protest auch nicht teilnehmen.
Ich wusste, dass sie zu mir stehen würden, egal was passiert. Das gab mir Sicherheit. Also meldete mich an und stammelte dabei etwas rum:

"Also... ähhh... ich würde mich gerne anmelden... aber ähhh... das ist ja in der Frauensauna und.. ich bin trans... darf ich teilnehmen?"
Der Mitarbeiter war super freundlich und sagte sofort "ja klar, überhaupt Problem" und meldete uns an.

Ich war mega froh darüber. Aber gleichzeitig war ich ehrlich gesagt nicht sicher, ob er meine Frage überhaupt verstanden hatte. Ob er wusste, was dieses "trans" ist. 😅
Voller Herzklopfen und sowohl mit einem Saunahandtuch als auch mit einem Bademantel umwickelt betraten wir drei dann also ein paar Stunden später die Frauensauna.

Sie war gottseidank völlig leer. Und ganz hübsch. Eine normale Sauna, eine Dampfsauna, Duschen und ein Liegebereich.
Der Mitarbeiter (ja, männliche Mitarbeiter dürfen offenbar in die Frauensauna? Hat mich überrascht) kam und gab uns das Peeling, erklärte uns, dass wir das in der Dampfsauna nutzen sollten, dass noch zwei weitere Frauen kommen würden und ging dann auch selbst wieder.
Das... ergab das nächste Problem. Ich hatte gehofft, mein Handtuch wenigstens einfach untenrum um mich gewickelt lassen zu können. Aber die Dampfsauna ist textilfrei und ohne Handtuch. Man ist wirklich splitternackt.

Erneutes Herzklopfen. Wahhh! Okay. Ich ziehe das jetzt durch.
Es war gut, dass wir die ersten waren. Wie setzten uns einfach rein und saßen zu dritt rum. Ich konnte meine Aufregung teilen, beruhigte mich etwas. Merkte aber alleine an meiner Stimme, dass ich weiter aufgeregt war: die wird immer deutlich höher wenn ich Passing-Stress habe. 😅
Ich arrangierte mich so, dass in meinem Schritt nichts sichtbar war. Presste meine Beine zusammen. Der Dampf in der Sauna gab mir dann zusätzliche Sicherheit: man konnte keinen Meter weit sehen.

Kurze Zeit später kamen dann die anderen beiden Frauen rein.
Es gab dann null komische Kommentare, nix. Die waren eh sehr aufeinander fokussiert, und wie gesagt: man konnte eh nicht weit sehen in dem Dampf.

So etwas wie Entspannung legte sich langsam. Es funktionierte. Ich konnte hier existieren. Ohne transfeindlichen Müll.

Wow! 😊💖
Es wurde dann nochmal etwas spannend, als ich dieses Peeling dann abwaschen musste - das sollte nämlich um den Saunabereich draußen nicht zu verdrecken mit einem Wasserschlauch in der Sauna stattfinden.

Ich würde also aufstehen und längere Zeit da rumstehen müssen. Ups.
In einem Moment wo die beiden mir unbekannten Frauen sich gerade gegenseitig den Rücken mit Peeling einrieben, traute ich mich dann schnell aufzustehen, mich schnell mit dem Rücken zu ihnen zu drehen und mich abzuwaschen.

Das Wasser aus dem Schlauch war übrigens kalt... 😂
Normalerweise ziere ich mich sehr vor kaltem Wasser, brauche lange Zeit um mich dran zu gewöhnen. Aber das war mir in dem Moment sowas von egal. In der Aufregung war die Kälte mein geringstes Problem, ich wollte es einfach möglichst schnell hinter mich bringen und raus da.
Als ich rausging, war zum Glück immer noch keine andere Person in dem Saunabereich. Sonst wäre das womöglich sehr awkward geworden? Ich weiß es nicht. Ich duschte dann nochmal warm und wickelte mich schnell in meinen Badenmantel ein.

Ich hatte es geschafft! 👍
Das war wohl das nervenaufreibendste Tunnelspiel, was ich je hatte! 😅

(Tunnelspiel heißt: sobald du einmal anfängst, musst du da halt durch bis du am anderen Ende des Tunnels wieder raus bist. Gibt keine Möglichkeit auszuweichen oder es irgendwie abzubrechen.)
Habe auch einen Tag später noch so viele Gedanken dazu.

Ich weiß ja längst, dass ich eine Frau bin. Aber das heißt nicht, dass ich mich einfach jedem Raum für Frauen zugehörig fühlen kann. Jedes Mal sind da diese Zweifel, ob es eine "nur für cis Frauen"-Policy gibt.
Nehmt aus diesem Thread bitte mit, wie nervenaufreibend der Mangel an klaren, kommunizierten Policies zu trans Personen ist.

Mir persönlich ist eine offen trans ausschließende Policy lieber als eine versteckte, wo ich erst fragen muss oder Gefahr laufe, Grenzen zu übertreten...
Trotz der Antwort des Mitarbeiters konnte ich nämlich nicht darauf vertrauen, mich einfach frei dort bewegen zu können. Wenn ich sicher gewesen wäre, dass sie eine transinklusive Policy haben - und diese allen Saunagästen klar kommunziert wird - hätte ich nix verstecken müssen.
So muss ich um jeden dieser Räume kämpfen. Das ist wirklich anstrengend und kostet viel Energie. Viele trans Personen trauen sich das aus Angst gar nicht, dadurch wird ihnen die gesellschaftliche Teilhabe an z.B. Sport oder Saunen erschwert oder verunmöglicht.
Trotzdem feiere ich mich jetzt: ich habe mir endlich einen neuen weiblichen Raum zugestanden! Woohoo!

Nächstes mal wird es immer noch aufregend. Aber bestimmt ein klein bisschen weniger schlimm. Mein Selbstbewusstsein ist gestärkt.

(Obligatorisches #invadingwomensspaces! 😂)
So, nachdem das Löwenkind nun schläft, endlich der Rest des Threads den ich schreiben wollte. Ihr erinnert euch an das Problem vom Anfang, mit den Duschen? Das hatte sich nicht in Luft aufgelöst.

Ich musste nach dem Saunatag einfach duschen gehen, mir die Haare waschen. Aber wo?
Eine meiner Freundinnen war schon vorgegangen. Die andere stand mit mir rum und versuchte mich zu bestärken, mich mit ihr in die Damen-Gruppendusche zu trauen. Die gerade rappelvoll und sehr klein/eng war.

Ich lugte rein. Und wich wieder ein paar Schritte zurück.

Scheiße. 😰
Ich umklammerte mein Handtuch, das noch die Vorderseite meines Körpers bedeckte. Ich würde es vor der Dusche aufhängen müssen. Ich könnte mich zwar beim Duschen zur Wand drehen, aber würde auf den Metern dorthin keine Chance haben meine Genitalien zu verdecken.

Fuck. Fuck. Fuck!
Ich drehte mich zu meiner Freundin und... schüttelte mutlos den Kopf.

Ich wollte. Aber ich wusste nicht, wie ich das anstellen sollte. Ich hatte Angst, dass irgendwer einen Mistkommentar macht, es gar eine Szene geben könnte, dass irgendwer mich für einen Spanner halten würde.
In der Sauna ist das nochmal besonders absurd. Man sieht sich sowieso gegenseitig nackt dort! Und anscheinend wurde die reine Damensauna bis auf das eine Event gar nicht genutzt. Wohl niemand hatte ein Problem, sich von Menschen anderer Körperformen nackt sehen zu lassen.
Aber die Duschen sind dann trotzdem geschlechtergetrennt, haben einen Sichtschutz und gelten als durchaus intime Bereiche.

Und das macht auch in mir das ganz klare Gefühl: ich will nicht in die Herrendusche, ich will dort mit meinem Frauenkörper nicht gesehen werden. Geht nicht.
Aber es half ja nichts. Ich erstarrte und bedeutete meiner Freundin, ohne mich duschen zu gehen. Sie akzeptierte meine Entscheidung und ging.

Würde ich es halt zuhause machen müssen? Fühlte sich auch nicht gut an. Ich stand einfach so rum und überlegte und zweifelte und hoffte.
Irgendwie vergangen gefühlt Stunden, aber es können real maximal zehn Sekunden gewesen sein?

Ich dachte nach. Was ich wohl sagen könnte, wenn mich jemand irritiert ansprechen sollte?
Klick.
"Das hat schon seine Richtigkeit. Ich *bin* eine Frau. Ich bin trans."
Durchatmen. Okay.
Wenn das jemand für eine faule Ausrede halten sollte? Ach komm. Ich trage ein verdammtes Trans-Symbol als Tattoo auf meinem Arm. Ich verstecke mein trans sein nicht. Ich stehe zu mir.

Und: ich hab immer meinen Reisepass dabei. Mit Geschlechtsmarker "weiblich". PÄ, fuck yeah.
Ich führte mir vor Augen, wie ich an dem Tag schon einmal eine riesige Mutprobe gemeistert hatte. Und es in der Frauensauna alles gut gegangen war. Klar, ich hatte mich irgendwie verstecken können... aber trotzdem.

Dann der finale Gedanke: das ist MEIN Raum. Ich gehöre da hin!
Ein Fuß vor den anderen. Handtuch aufgehängt. Da, ein freier Duschplatz. Schritt für Schritt darauf zu.

Scheiße, zwei unbekannte Frauen schauen in meine Richtung. Was wird passieren?!

Ich kneife die Augen zu. Gehe zielstrebig zur Dusche. Wasser marsch.

Brace for impact.
Aber es passiert... nichts. Niemand sagt etwas?!

Massives Herzklopfen bei mir. Ich dusche mit geschlossenen Augen. Shampoo ins Haar, einmassieren, schnell ausspülen. Rudimentär wasche ich den Rest meines Körpers (ohne Seife ist soweit ich weiß nach Sauna besser).

Durchatmen.
Ich drehe mich schnell um. Will aus der Dusche raus, schnell zu meinem Handtuch, meine Rettung die mich bedeckt.

Zwei Frauen sind schneller, es bildet sich eine kleine Schlange zum Ausgang. Ich laufe fast in eine von ihnen rein und kann mich gerade so bremsen.
Sie findet ihr Handtuch und geht weiter, ich finde meines.

Ich binde es um mich.

Raus aus der Dusche. Puls auf 180. Wird mir jemand nachlaufen, mich schelten?

Ich stehe nur so rum und zähle bis zehn.

Dann ist es überstanden.

Wow. Es hat wirklich geklappt?!

🤩🤩🤩🤩🤩

YEAH!
Das war definitiv die schwierigere Challenge des Tages.

Ich hatte so eine scheiß verdammte Angst, Leute. Ich glaube wenn ihr cis seid könnt ihr euch das wahrscheinlich gar nicht richtig vorstellen.

Ich war gestern Mut-Maya. Aber so richtig.

Ich habe mir diese Räume erkämpft!
Es bleiben trotzdem Wehrmutstropfen bei der ganzen Geschichte.

Ich realisiere: ich werde jedes Mal ums Neue darum kämpfen müssen. Ich kann mich aufs nichts verlassen. Es könnte leider in Zukunft anders laufen.

Und dazu kommt ein ganz ganz fieser Gedanke.
Ich bin in diesen Situationen abhängig davon, ob mich die jeweils anwesenden cis Frauen unter ihresgleichen akzeptieren. Wenn auch nur eine transfeindlich ist und was merkt - ist vermutlich die Hölle los.

Und das wird sich leider NIE ändern ohne explizit transinklusive Policies.
Ich habe zum ersten Mal einen ganz komischen Neid auf die trans Personen, für die eine operative Veränderung ihrer Genitalien wichtig ist. Sie haben eine Chance darauf, in diesen Situationen stealth zu sein und niemanden etwas merken zu lassen.

Ich habe diese Option nicht.
Also ja, theoretisch habe ich sie auch, aber es fühlt sich nicht richtig für mich an. Ich mag meine Genitalien. Ich will daran derzeit nichts verändern und glaube auch nicht, dass ich das in Zukunft wollen würde.

Verändere dich niemals, nur damit andere dich akzeptieren!
Egal wie meine Körperform sich durch HRT noch weiter entwickelt: diese Situationen wird es weiter geben. Jedenfalls sehe ich keinen Ausweg.

Und ich werd mich nicht fürs Cistem unters Messer begeben.

Nein: ich bin eben einfach Frau mit Penis. Darauf muss die Welt klar kommen! ✊
Ich hoffe, ich konnte besonders den cis Personen unter euch einen Einblick darin geben, wie furchtbar stressig selbst die banalsten Entscheidungen für trans Personen sein können.

Bitte überlegt euch, was ihr dagegen tun könnt. Wie ihr für trans Personen einstehen könnt.
Lobbyt z.B. eure Saunen und Sportvereine für explizite Transinklusivität, die fett auf deren Webpräsenz sichtbar ist.

Macht auch in linken Bubbles klar, dass TERFs und Transfeindlichkeit unter keinen Umständen geduldet werden dürfen.

Macht klar, dass ihr zu uns steht!
Und ja: ich hasse den Umstand, dass cis Frauen als Gebieter über das Frausein von trans Frauen wahrgenommen werden. Idealerweise ändert sich das und es braucht keine derartigen "Bürgen".

Aber bis dahin ist es wohl noch ein weiter Weg. Ich nehme die Hilfe, die ich kriegen kann.
So, ich muss dringend schlafen - mir fallen die Augen zu, das Löwenkind ist außerdem krank und es wird bestimmt eine unruhige Nacht. 😅

Danke euch allen, dass ihr diesen langen, LANGEN Thread gelesen und sogar echt oft geteilt habt. Obwohl das so persönlich war. 🥰
Ich geh dann mal von Saunabesuchen mit ner Meute cis Frauen hier von Twitter träumen, die jeden komisch anguckt, der einer trans Frau das Frausein abspricht.
Die durch ihre Anwesenheit uns trans Frauen schützen + sagen: wir gehören dazu.

Let's invade women's spaces together! 😇
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