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Es war einmal eine Prinzessin, die hatte unermessliche Reichtümer und wohnte mit ihren Eltern, dem König und der Königin, in einem riesigen weißen Schloss mit roten Zinnen und einem goldenen Tor. Ihr Gemach (das ist ein altes Wort für Zimmer) im Schloss war so groß, dass man beim
Laufen von einem Ende zum anderen vor Erschöpfung in der Mitte des Raumes bei einem baumhohen Schminkspiegel eine Pause einlegen musste. Kurzum, viele beneideten sie für ihr Luxusleben. Tagsüber wusste sie ihre Privilegien auch durchaus zu schätzen und konnte sich immer irgendwie
ablenken. Nachts jedoch, wenn sie, wie so oft in letzter Zeit, nicht einschlafen konnte, die Diener bereits in ihren Dienstzimmer um die Wette schnarchten und ihre Eltern auch schon ins Land der Träume gereist waren, überkam sie eine gewisse Traurigkeit. Sie wälzte sich hin
und her auf ihrem riesigen Himmelbett und dachte darüber nach, wer oder was an ihrer trüben Stimmung Schuld sein könnte. Ihre Partnerin, eine arme, aber stolze Bauerntochter, die ihre Eltern aber wegen ihres Intellekts und der ehrlichen Art akzeptierten, gab zum Unglücklichsein
nun wahrlich keinen Anlass. Im Gegenteil: Sie waren auch nach nun schon fünf Jahren verliebt wie am ersten Tag und sie war nicht nur mittlerweile ihre Verlobte, sondern auch von Anfang an ihre beste Freundin und eine Stütze in schwierigen Zeiten gewesen. Also grübelte sie weiter.
Klar, dass mit dem Studium der Heilpflanzen hätte besser laufen können, aber wer konnte auch ahnen, dass die Ordensschwestern die Askese derartig ernst nahmen und sie wegen einer(!) Verfehlung aus der Klause werfen würden, so dass sie nun mit Anfang 30 wieder im golden Käfig, wie
sie das Schloss manchmal halb im Scherz, halb im Ernst nannte, wohnen musste. Vielleicht lag hier das Problem! Ein gemeinsames Zuhause, nur sie und Hilde (so hieß ihre Freundin), wünschte sie sich schon so lange. Doch der Immobilienmarkt war umkämpft und nun Papa darum zu bitten,
ihnen eine Anschubfinanzierung zu spendieren oder gar ein Häuschen zu schenken, kam nicht in Frage. Und außerdem, wenn sie ganz ehrlich zu sich war, war es doch auch schön, dass sie ihren Rückzugsraum hatte, vor allem, wenn Hilde mal wieder auffieberte. Hilde hatte nämlich schon
seit längerem unerklärliche Tobsuchtsanfälle, bei denen sie rot wurde wie ein überreifer Paradeiser und ungenießbar wie ein unreifer. Während sie sich an den letzten Streit unter diesen Bedingungen erinnerte, kam ihr die Möglichkeit in den Sinn, dass eventuell doch ihre Beziehung
nicht so harmonisch verlief, wie sie sich gerne, sogar vor einer knappen Minute noch, vorzumachen versuchte? Unschlüssig und des Grübelns überdrüssig entließ ihr Gehirn den Rest der Prinzessin in den Schlaf. Am nächsten Morgen, nachdem sie sich die Knirschschiene aus dem Mund
manövrierte, schmiss einer der Diener, ohne Anzuklopfen, wie es sich eigentlich geziemte, die Tür auf: "Prinzessin! Prinzessin!" Die Prinzessin antwortete: "Diener! Diener! Was los?" "Sie müssen...", schnaufte der luftarme Diener, "...mitkommen! Schnell! Es brennt!" Panisch nahm
sie ihr Mobiltelefon samt Ladekabel, warf sich ihren Bademantel um, nahm das Portmonee zwischen die Zähne und sprintete dem Diener hinterher über die Massivholztreppe ("Na, danke", dachte sie) Richtung Atrium, wo sich bereits Vater und Mutter sowie die in voller Montor gekleidete
Feuerwehr in einem hitzigen Disput darüber befanden, ob sich nun auch wirklich niemand mehr in den oberen Etagen befand. Sie wollten dem König nicht glauben, denn er war nicht wirklich als arbeitnehmerfreundlich bekannt und nicht wenige im Königreich trauten ihm sogar zu, ohne
mit der Wimper zu zucken, Bedienstete den Flammen preiszugeben, um die Löscharbeiten zu beschleunigen und noch etwas mehr vom königlichen Besitz vor den Flammen zu retten. "Jetzt macht mal nen Punkt!", schrie die Prinzessin, "Vater ist vielleicht ein Arsch, sicherlich auch unfass
bar gierig, aber so skrupellos, dass er Mitarbeiter einfach im Feuer verrecken lassen würde, so schlimm ist selbst er nicht!" Die Feuerwehr zeigte sich überzeugt von den Ausführungen der Prinzessin und rannte ins Obergeschoss. Der König blickte sie an, hustete in die Wolldecke
und konnte sich nicht entscheiden, ob er sie für die schonungslose Wahrheit bestrafen oder auf sie, für die pragmatische Auflösung der Situation, stolz sein sollte. Die Entscheidung, wie er fühlen sollte, übernahm dann aber die Angst, denn er war sich alles andere als sicher, ob
sich wirklich keine Dienerinnen oder Diener im Obergeschoss befanden. Ruth und Dennis zumindest befanden sich nicht bei ihnen im Atrium. Beide waren mit der Wäsche beauftragt, also normalerweise entweder im Waschkeller oder auf dem Dachboden zu finden, wo sich niemand anderes
regelmäßig aufhielt. Daher wusste auch niemand, ob die beiden aus dem Waschkeller nach draußen geflohen waren, was gut wäre, oder ob sie - was ein schrecklicher Gedanke war - auf dem Dachboden, von Flammen umzingelt, auf Hilfe warteten. Plötzlich fiel ihm ein, dass im Briefkasten
neben den üblichen Prospekten auch eine AU-Bescheinigung gelegen hatte. Von wem die jetzt aber wiederum war, hatte er in der ganzen Panik vergessen. "Hey ihr Ficker!, Hier unten!", schallte es auf einmal aus dem Vorgarten durch das geöffnete Eingangstor in die Vorhalle. Winkend u
nd feixend statt Dennis im Ginster. In die Freude um sein augenscheinliches Nichtverbrennen mischte sich eine empörte Grundstimmung, ob seiner, der Situation nicht angemessenen, heiteren Verfassung. "Ok, voll schön, dass du lebst, Dennis", der König bemühte sich um Coolness,
"Hast du zufällig auch 'ne Ahnung, wo Ruth sein könnte?" "Dennis nickte schmunzelnd "Ja, die hat sich krankgemeldet. Akute Faulheit - steht natürlich anders auf dem gelben Scheinchen von Doc Holiday, höhöhö" Der König schmunzelte gequält, wandte sich ab und umarmte erleichtert se
ine Frau. "Schatz, ich bin auch erleichtert", die Königin versuchte die Umarmung zu lösen, "aber lass uns jetzt mal lieber mit allen zusammen eine Übergangslösung für die nächsten Tage finden." Der König äffte sie gedanklich nach: "üBerGAngsLöSUNG", "Mit ALLen ZuSAMmEn"- wie er d
ieses Sozi-Gewäsch hasste. Aber er war ja selbst schuld, was nahm er sich auch die SPD-Unterbezirksvorsitzende zur Frau? Andererseits brachte ihm das, zumindest vor der Agenda 2010, Sympathien beim Volk, die er, als Adeliger ohne Stallgeruch oder Berufserfahrungen, mehr als dring
end benötigte. Während seine Frau nun also mit Flipcharts und ihrem Methodenköfferchen (die Gewerkschaftsseminare in Thüringischen Mehrzweckhallen und ihre Überbleibsel) versuchte, "im Konsens" die durch das Feuer entstandene Not zu wenden, dachte keiner an die Prinzessin, die in
der Zwischenzeit die Kluft einer Magd angezogen hatte und sich nun nach und nach dem hektischen Treiben entzog. Auf Zehenspitzen erreichte sie das einen Spalt weit offenstehende Tor, schob sich in die Lücke und gelangte so unbemerkt nach draußen in die Auffahrt. "Jetzt oder nie",
dachte sie sich, faustballend und mit wild entschlossenem Blick. Nachdem sie sicherstellte, dass wirklich niemand ihr Fehlen bemerkt hatte, rannte sie die Straße zu den Parkplätzen hinunter und setzte sich in den Alfa Romeo eines Dieners. Sie riss die Verkleidung unter dem Hand
schuhfach herunter und versuchte, wie man das ja so aus Filmen kennt, durch Kombinieren verschiedenster Kabel die alte Mühle zum Laufen zu bringen: Nichts passierte. Dann fiel ihr ein, dass sie die Dienstkleidung, die sie am Leib trug, bisher noch gar nicht auf Wertgegenstände
überprüft hatte. Sie holte dies sofort nach und fand: 1 Sanifair-Bon, 2 Wertmarken von der letztjährigen Dorfkirmes, den ausgedruckten Songtext zu "Sound of Silence", 5 kleine Aufkleber einer lokalen Punkband und 1 Autoschlüssel. Moment! Ein Autoschlüssel! Sie konnte ihr Glück ka
um fassen. Sie betrachte den in schwarzen Hartplastik eingegossenen Löwen und ging zum einzigen Peugeot auf dem Parkplatz. Ein 106 S1, Baujahr 95 mit albernem "Palm Beach" Aufkleber auf mintgrünen Lack. "Nun gut, wer Autos "klaut" bzw. "leiht", sollte keine allzu hohen Ansprüche
haben", schlug sie sich jegliche Hochnäsigkeit aus dem Kopf. Sie drehte den Schlüssel, der TÜV-Schummler sprang an und rollte los. Wie es die Kitschigkeit wollte, ging ihr Aufbruch mit dem Sonnenaufgang einher. Die Strahlen fluteten die Fahrgastzelle. Sie lächelte und war bereit.
Nach ermüdenden Stunden auf der Autobahn des Königreichs überlegte sie sich, wo sie eigentlich hin wollte. Da sah sie plötzlich ein Schild, das eine neue Autobahnfiliale von "Frust und Fritten", der königlichen Fastfoodkette, anpries. Sie bemerkte ihren Hunger und wechselte die
Spur. "Einmal die Prinzenpommes und den Kronenburger!", schrie sie über den Tresen. "Im Kingmenü?", fragte die Servicekraft mit Routine. Die Prinzessin rollte mit den Augen. "Ok, also nur so", die Servicekraft zuckte mit den Schultern und gab die Bestellung nach hinten in die Küc
henhölle. 15 unangenehm lange Minuten vergingen, in denen die Prinzessin sich vielen Nachfragen ausgesetzt fühlte, ob sie nicht die Prinzessin sei. Nachdem sie souverän jede Anfrage als Verwechslung abtat, stand sie nun mit ihrem Tablett im Raum und fand keinen Platz. Sie bemerkt
e prinzipiell wenig, da die eigene Auffassungsgabe selten von Nöten ist, wenn einem ein riesiger Hofstaat alle Alltagsprobleme abnimmt und potenzielle Gefahren 24/7 von einem ferngehalten werden. Aber selbst ihre gering ausgeprägte Aufmerksamkeit schlug aus, als sie in einer Ecke
einen Mann sitzen sah, wie ihr bisher noch keiner begegnet war. Da saß doch tatsächlich- sie hatte keinen Zweifel - ein sogenannter Sitzriese! Diese mythischen Kreaturen waren in den Legenden, die man sich im Königreich erzählte, immer die Bösen, die Brutalen; die, vor denen nic
ht nur Kinder Angst haben sollten. Im Gegensatz zu den Erzählungen, schien dieses Exemplar, dass sich aktuell einen doppelten Chili-Hirsch-Burger einverleibte, jedoch von geradezu buddhistischer Sanftmütigkeit zu sein: Es mampfte selig grinsend, tarierte seine massive Statur perf
ekt auf dem dünnen Stühlchen aus und schien mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Doch was war das? Der Sitzriese schien bemerkt zu haben, dass die Prinzessin (die im übrigen Ulla heißt, was im Rest des Romans der Einfachheit halber und weil sie de facto privat unterwegs ist,
ihre Bezeichnung sein soll) ihn bemerkte und winkte ihr mit seiner dicken, fleischigen Pranke zu. "Huhu, Prinz...", er schlug sich geistesgegenwärtig die gerade noch in der Luft befindliche Hand vor den Mund, "Huhu, Frau, wo aussieht wie die Prinzessin!" "Verdammt, wie hat gerade
DER tumbe Typ mich erkannt?" Ulla ärgerte sich und legte grimmig ihre Stirn in Falten, "Jetzt muss ich wohl hingehen und mich mit ihm unterhalten, bevor er noch den ganzen Laden auf mich aufmerksam macht...." Sie balancierte ihr Tablett also an diversen Teenagergruppen und Famili
en im Brennpunkt vorbei und setzte sich an seinen Tisch. "Wie hast du mich erkannt, Sitzriese?" "Wie ich dich erkannt habe?", der Sitzriese bekam sich vor Lachen kaum ein, "Wie. Ich. Dich. Erkannt. Habe? Vielleicht weil ich dein Gesicht aus Boulevard-Zeitungen kenne? Vielleicht w
eil du, liebe Ulla, noch immer deine Krone aufhast, und ich, scheinbar im Gegensatz zum Rest des Ladens hier, nicht davon ausgehe, dass du einfach nur eine arme, aber harmlose, Irre bist? Aber selbst wenn mir das nicht gereicht hätte, um dich zweifelsfrei zu identifizieren, so hä
tte ich dich deswegen erkannt, weil ich damals im Krankenhaus der Arzt war, der den Kaiserschnitt bei deiner Mutter vorgenommen hat. Du musst wissen, wir Sitzriesen sind traditionell die besten Geburtshelfer und Ärzte. Wen wir zur Welt bringen, den begleiten wir in gewisser Weise
solange wir leben. Ist eine Art Ehrenkodex." "Ehrenkodex? Ich finde das eher ein bißchen creepy! Und warum hat mir Mutter nie davon erzählt?! Und wieviel weißt du von mir?!" Ulla war aufgebracht und sprang vom Stuhl auf. "Setz dich wieder! Ich werde dir alles erklären." Hartmut,
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