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Mitbewohner1 hat angekündigt, dass seine Fernbeziehung für eine Woche vorbei kommt.

Mitbewohner2 und ich sind extatisch.

Sie ist ein reizendes Mädchen und komplett CO2 neutral, da sie sich ausschließlich von moralischer Überlegenheit ernährt und per Besen anreist.
Mitbewohner1 fordert strengen Blickes, dass ich euch mitteile, dass sie so eine abgefahrene Sache mit Seidentüchern drauf hat.
Morgen, 0900 MEZ sollte sie sich im Landeanflug befinden.

Mitbewohner2 und ich erwägen den Einsatz von mit Kissen bestückten Flugabwehrraketen.
05:30 Seit 30 Minuten wach, da Mitbewohner1 (im folgenden M1 genannt) bewusst wurde, dass das Sauberkeitslevel seines Zimmers der Fernbeziehung (im folgenden F genannt) nicht ausreichend hoch sein könnte. Aus mir unbekannten Gründen scheint hierfür ein Presslufthammer notwendig.
Um kurz den Ernst der Lage zu verdeutlichen: Bei ihrem letzten Besuch lag morgens als ich aufwachte, plötzlich dieses Buch auf meinem Nachttisch.
M2s Freundin bekam zu Weihnachten den Klassiker: "Natürlich verhüten mit der
Temperatur Methode"
8:15 M2 verabschiedet sich diabolisch grinsend. Allerdings nicht, ohne mir vorher eine schöne Spätschicht zu wünschen und einen kurzen Monolog über sinnvolle Planung von Arbeitszeiten zu halten.

Befürchte, dass er sich ins Ausland absetzt.
8:30 M1 leiht sich mein Auto um sie vom Bahnhof abzuholen und nimmt mir damit meine letzte Fluchtmöglichkeit.

(Ohoh...Individualverkehr! Das gibt Ärger.)
9:10 Ich habe ein Geschenk bekommen! Naaa? Neugierig?
Tadaaa!
09:16 M1 flüstert mir beschwörend zu, dass er für die nächsten vier Wochen alle Pflichten im Haushalt übernimmt.
9:40 F hat den neuen Backofen entdeckt und hält ein Stehgreifreferat zum Thema "Sinnloser Konsum und wie der Backofenverschleiß durch Nutzung des Reinigungsmittels Salz vermindert wird."

Ich ziehe mich zurück, um auf der Terrasse die Umwelt mit einer Zigarette zu vergiften.
10:30 Versuch in mein Zimmer zu schleichen ist gescheitert. Sie kündigt an, Sonntag für Alle japanisches Frühstück zu machen. Offenbar sind Misosuppe und Fisch zum Frühstück sehr viel bekömmlicher als schnödes Müsli. Auf den traditionellen Reis werde aber sie verzichten. Carbs.
11:30 M1 Fängt sich einen Todesblick, da er keine Lust auf einen Spaziergang zum Mittagessen hat.

Ich hole die Speißekarte des WG-Inders, bestelle gut hörbar Chicken Tikka Masalla mit extra Butter Naan und ziehe mich leise kichernd in mein Zimmer zurück.
12:20 M1 und F kehren vom verordneten Spaziergang zurück. M1 starrt sehnsüchtig auf mein Tikka Masalla. Biete ihm scheinheilig etwas an.
Sie antwortet für ihn: "Wir hatten Suppe."
14:00 ich verabschiede mich (etwas früher als nötig) in die Spätschicht.

F: Machst du das nicht schon seit drei Monaten mit dem Tankstellenjob? Das wird schon noch mit dem Texten. Kopf Hoch!"

Ich schaue M1 tief in die Augen: "Zwei Monate!"
16:30 Zuhause spielen sich wohl dramatische Szenen ab:
M2 hat die Waschmaschine angemacht. Das Schleudergeräusch triggert ihren Tinnitus und sie hatte bereits darum g e b e t e n die Waschmaschine nur in ihrer Abwesenheit zu nutzen!

M2 lässt fragen, ob ihr ihm ein Alibi gebt.
17:30 M2 vermeldet, dass er heute bei seiner Freundin übernachtet.
17:45 M1 schreibt in die WG WhatsApp Gruppe: Ich schulde euch Pizza und Bier.

Keiner antwortet.
20:00 M2s Freundin ruft an.

Mit seiner feigen Flucht aus der Wohnung habe M2 jede Chance auf Koitus in den nächsten Wochen verspielt.

Werde auf unbedingten Kampf eingeschworen. Es fallen Sätze wie: "...Keinen Boden überlassen und die Wohnung zurückerobern."
21:20 Erfahre, dass ich heute schon um 22.00 Uhr Schichtende habe.
Das ist nun also eine schlechte Nachricht.
So weit ist es gekommen.
21:50 M2s Freundin schreibt WhatsApp Nachricht und fordert, hier nicht länger so genannt zu werden. Sie besteht darauf mit A abgekürzt zu werden. Sie verwendet einige unschöne Worte über alle Beteiligten. Vermute, es wäre klug Folge zu leisten.
21:55 Warne M1 im WG Chat bezüglich meiner Heimkehr vor.
Antwort lässt Raum für Spekulationen, welche Entwicklungen uns allen entgangen sind: "Kein Ding. Heute loche ich nicht mehr ein."
M1 äußerst sich nun auch: "Du arme Sau."

Nehme erste Zeichen persönlicher Zerrüttung wahr.
22:30 Betrete die Küche. F macht mir ein nettes Kompliment über meine Haare. Die sind wohl sehr hübsch, wenn sie so undone sind. Aber sie würde mir dringend einen kürzeren Bob empfehlen. Während ich darüber schreibe, redet sie immernoch.
22:50 Der Versuch mich in mein Zimmer zurückzuziehen wird mit einem Vortrag belohnt, denn Unkommunikativ zu sein, sei ein Anzeichen von Depressionen.

M2 prustet los: "Also DAS ist nicht ihr Problem."

Nun wieder auf der Terrasse. rauchen.beruhigen.nicht.straffällig.werden.
23:25 Fazit des Tages:

Alles normal. Weihnachten war schlimmer.
04:30 Wache auf, da jemand sämtliche Türen in der Wohnung knallt. Mehrmals.
Als würden sich scheiß Sylvester und Tweety hier durch die Gänge jagen.
Nach 20 Minuten stehe ich auf und frage, ob man das lassen könnte.
F:"Sorry! Aber ich suche meine Laufschuhe! Wo habt IHR die?"
5:30 Fasse Entschluss, ab heute Grenzen zu setzen. Nach gestriger fachkundiger Beratung, durch einen Fremden im Internet, (Liebe Grüße übrigens) komme ich zur Erkenntnis, dass ich ein Millennial bin. Und als solche, habe ich da eine Challenge draus zu machen. Details folgen.
6:20 Der Entschluss steht: Werde ab jetzt jeden Tag eine Sache ansprechen, die ich so nicht mehr möchte und auf Verhaltensänderung pochen. Und meine Chance kommt auch gleich...
6:30 F kommt geräuschvoll vom Laufen zurück. Es wird laut geprustet, die Wohnungstür fällt krachend ins Schloss und ich sitze in der Küche und lächle.
6:35 Zur Erklärung: Sie hat die Angewohnheit, ihre gebrauchte Kleidung im Bad als Haufen anzusammeln und diesen dann bei Abreise in den Koffer zu stopfen. Ihre Mutter wäscht dann, in ihrer Abwesenheit. Je nach Länge ihrer Heimsuchung wird dieser Haufen groß. Sehr groß.
6:45 Sie kommt frisch geduscht in die Küche. Ich wünsche (ok, ein wenig scheinheilig) einen guten Morgen und komme dann zum Punkt: "Hey, würdest du deine gebrauchten Klamotten diesmal in M1s Zimmer lagern?"
Die Antwort ist recht eindeutig: "Da ist eh schon kein Platz."
7:15 M1 betritt die Szenerie und ich wiederhole meine Bitte nun an ihn gerichtet. Auch diese Antwort ist eindeutig: "Kein Problem."
Es is offenbar doch eines, denn sie bekommt einen Wutanfall darüber, dass sie in "dieser Wohnung überhaupt keinen Platz" für sich habe.
7:30 Nachdem sie ihre Tirade gegen M1(illoyal), mich(intolerant) und die Welt (versteht nicht, dass sie Platz zum Atmen braucht) beendet hat, bestehe ich erneut auf meine Bitte (ist eventuell garkeine) und siehe da: "Wenn dir das wichtiger ist,als meine Wohlbefinden! Bitte!
8:15 Ich watschle, so elegant das nach knapp 4 Stunden Schlaf möglich ist, ins Bad. Da wo sonst ihre Klamotten liegen, liegt nun ihr nasses Handtuch. Ich habe keine Ahnung, ob ich grade gewonnen oder ein neues Problem erschaffen habe.
9:20 Ich habe einen Termin mit Textkunden und trage einen grauen Kashmirpulli, einen schwarzen Rock, schwarze Strumpfhosen und Ankleboots. Ich will ein kurzes "Bis später" in die Küche werfen, und erfahre, dass ich mehr Erfolg hätte, wenn ich mehr Farbe tragen würde.
10.30 Koche Gulasch fürs Abendessen und lausche der herzzerreissenden Geschichte einer Zahnarzthelferin, die trotz (abgebrochenem) Zahnmedizinstudiums in Ungarn, nicht als Autorität in der Praxis ihres Vater wahrgenommen wird.

Die anderen Helferinnen sind offenbar Monster.
12:00 Esse Brot mit Guacamole und Tomaten.

Erwarte schon einen Vortrag darüber, dass Tomaten keine Saison haben...oder Avocados! Dieser Wasserverbrauch!

Sattdessen rechnet sie mir vor, wie lange sie für die Kalorien einer Avocado laufen muss.
Und starrt mir auf den Mund.
12:20 Nach dem Mittagessen eine Zigarette. Ist mir heilig. Diese wird mir durch den gekicherten Satz versüßt:"Wenn schon, dann solltest vorher rauchen, hemmt den Appetit."

Rauche nun die dritte Zigarette am Stück. Um alles, ausser einen stumpfen, schweren Gegenstand zu halten.
13:00 Uhr habe mich in mein Zimmer zurückgezogen. Es klopft. Ihr ist langweilig, da M1 arbeiten ist. Sie möchte mit mir shoppen gehen. Mein Einwand, ich sei müde und müsste zur Spätschicht, ist ein weiteres Indiz einer Depression.
14:10 Während ich im Flur Schuhe und Jacke überstreife, erklärt sie mir detailliert, warum sie, als Quasi-Boss in Papas Praxis, nie erlauben würde, dass etwas anderes als identische Shirts getragen werde. Unter anderem führt dies wohl zu mangelnder Arbeitsmoral und Diebstählen.
17:40 M2 ist wieder zuhause. F hat wohl nur darauf gewartet. Eben meldet er, dass sie ihn für ein Vier-Augengespräch in die Küche gebeten hat. Werde berichten, sobald ich mehr weiß.
22:10 M2 kommt in der Tanke vorbei und berichtet.

F ist überzeugt, dass ihre Bedürfnisse nicht in ausreichendem Maße wahrgenommen werden.
Sie hat deshalb eine Liste erstellt. Diese soll auch mir vorgelegt werden. Ich überlege noch, ob ich mich spoilern lassen möchte.
22:30 Sie hat vernünftige Ideen:

-Kein Kochen vor 13.00 (Geruch! Übelkeit!)
-Waschen/Spülmaschinen Nutzung in Ihrer Abwesenheit (Geräusch! Tinnitus!)
-Temperatur der Wohnung sollte unter 21°C liegen.(Umwelt! Trockene Haut!)
-WIFI ab 22.00 abschalten.(Strahlung! Schlafstörung!)
23:00 Habe Feierabend und überlege fieberhaft, welche Forderung ich im Rahmen der Millennial - Challenge morgen angehen könnte.

Ein perfekter Moment, endlich diese Funktion zu testen:
6:30 Die Tür fällt krachend ins Schloss, draußen wird gehustet und geprustet. Schuhe werden gegen die Wand geschleudert. Schaue auf die Uhr und fluche kurz. Zu spät.
7:50 Es klopft. Ohne auf Antwort zu warten, tritt sie ein.

Offenbar belastet sie etwas schwer und sie muss dringend mit mir darüber sprechen. Ich solle bitte in die Küche kommen, der Tee werde kalt.
7:10 Die Liste wurde für mich ergänzt :
Ich möge weniger Zeit in meinem Zimmer verbringen, sie sei Gast und brauche Unterhaltung.
2 Stunden in meinem Zimmer pro Tag seien ausreichend.

Im Übrigen, sei Ungastlichkeit ein weiteres Symptom eine Depression.
7:15 Mein Einwand, ich verbringe beruflich Zeit in meinem Zimmer, wird als Ablehnung ihrer Person wahrgenommen.
Schließlich könne ich mir Zeit nehmen, wenn ich nur wolle.

Ich entscheide, dass dies falsche Zeitpunkt zur Umsetzung der Challenge ist.
7:20 Ich verbringe private Zeit im selbstgewählten Exil.
8:00 F hört nicht auf zu reden und beginnt zu schluchzen.
M1 verspricht für nächste Woche Notfallurlaub zu nehmen.
M2 möchte am Sonntag kein gemeinsames Frühstück.
Ich überlege, welche Termine ich in den nächsten Tagen...wie sind die Wartezeiten für eine Lobotomie?
8:15 Die Ms flüchten in ihre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und ich muss versprechen, und ich wünschte, das wäre ein Witz, heute vormittag mit ihr in den Zoo zu gehen.
8:25 Gehe ins Bad um sehr lange und sehr heiß zu duschen. In der Ecke liegen ihre Laufklamotten und ich überlege, ob die Tiefe der Duschtasse mit etwas Geschick reicht, um darin zu ertrinken.
9:00 Schreibe A und frage sie ganz unschuldig, ob sie nicht Zeit und Lust hätte, uns in den Zoo zu begleiten.

Die Antwort würde gestandene Seemänner erröten lassen und meine mitteleuropäische Grundscham verbietet mir, das hier wörtlich wiederzugeben.
9:05 Mein vorsichtiger Hinweis bezüglich der Wäsche, führt zu einem tiefen, erschöpften Seufzer und ich befürchte kurz, dass sie eine Art Anfall erleiden könnte, da sie die Augen auf eine Art verdreht, wie ich das sonst nur bei Chamäleons gesehen habe.
9:40 Sie verzweifelt etwas, da sie in der Erkältungszeit "keine Ubahn an sich dran haben" möchte. Die Zugfahrt hierher war wohl eine Zumutung.

Wir entscheiden uns für mein Auto und sie hält eine emotionale Lobrede auf die zu Fuß erschließbare Heimat.
9:50 Sie fährt, da ihr übel wird, wenn andere Steuer sitzen. Ich versuche Smalltalk zu machen. Ich werde ermahnt, sie nicht abzulenken.
11:20 Tiere heilen wohl tatsächlich ihre Seele, sie ist entspannt wie selten.
Ich erzähle wie müde ich bin und, dass ich mir morgens Ruhe mehr wünsche.

Sie verspricht sich zu bemühen(!), vermutet aber, dass die Müdigkeit Symptom einer Depression oder eines Vitaminmangels ist.
13:00 Wir sitzen bei meinem Lieblings-Vietnamesen und plötzlich erinnert sie sich, dass sie Koriander hasst.

Nebenbei erteilt sie mir den Rat, besser leicht zu essen. Schließlich solle ich bei meinem Date heute Abend nicht aufgebläht aussehen.
13:05 Ich erkläre, (eventuell zische ich eher) dass ich Größe 34 trage und ausserdem keine Ernährungstipps will.

Sie fragt, warum ich so empfindlich sei und ist besorgt, es könnte an der Depression liegen.

Ich überlege, ob sie Kafka gelesen hat. Als Ratgeber.
15:00 Schreibe an einem Textjob. Derweil hat F entschieden, dass M1s Zimmer einer Grundreinigung bedarf. Stimme ihr vollumfänglich zu.

Die Notwendigkeit mich alle 10 Minuten zu fragen: "Braucht er das noch? Was ist das? Seit wann hat er das?" erschließt sich mir nur begrenzt.
15:50 Die Ereignisse spitzen sich zu.
M1 kommt heim und an Hand der recht lauten, nennen wir es Diskussion, lässt sich erschließen, dass er in Schwierigkeiten steckt.
16:00 Habe noch nicht komplett erfassen können, worum es geht, habe aber plötzlich den Gedanken, wie viel Spaß es machen könnte da rauszugehen, mich an ihre Seite zu stellen und ihr wütend Recht zu geben.

Brauche...alle...Beherrschung...
16:15 Ohoh... Er ist ziemlich böse aufgeflogen. Zu Weihnachten hatte er einen Gutschein für ein Rhetorik Seminar bekommen...und offenbar hat er behauptet, er sei da gewesen.

Böses, böses M1.
16:15 A und M2 schreiben mir unabhängig von einander "Tu es!"
16:25 Ich habe es getan! Ich bin in die Küche, habe gefragt was los ist und natürlich sofort eine Antwort erhalten.
Habe ihn dann entsetzt angesehen und gefragt: "Warum tust du sowas? Was stimmt mit dir nicht?"

Und bin raus. Und jetzt kann ich kaum noch tippen.
17:20 M1 hat gelesen, kommt in mein Zimmer, sieht mich sehr, sehr streng an und stimmt in mein (eventuell immernoch leicht irres) Kichern ein..

F ist im Bad. Sie möchte jetzt fein ausgeführt werden und meine Zustimmung hat offenbar deeskaliert. Sie vergibt ihm. "Das letzte Mal!"
18:20 Date holt mich ab. F weisst daraufhin, dass wir sehr eigenartig aussähen. Zwei Köpfe Größenunterschied seien das Maximum des Erträglichen, sonst sei Ästhetik auf Fotos unmöglich.

Verkneife mir einen Kommentar darüber, dass ich kein sexuelles Interesse an Vorschülern habe.
23:00 Komme zuhause an. Aus M1s Zimmer dringt gedämpft Musik und ich leiste mir einen kleinen Akt der Rebellion und schalte den Router wieder an.

Fazit des Tages:
Es sind die kleinen Freuden.
7:40 Mache mir einen Tee und F setzt sich in die Küche. Ich danke artig für die morgendliche Ruhe und mir wird huldvoll beschieden, dass sie IMMER Rücksicht nehme. Sie kommt ins plaudern darüber, wieviel besser die Welt wäre, wenn sich einige Menschen ein Beispiel nehmen würden.
7:45 Die Rede nähert sich ihrem Höhepunkt und ich werde scharf für das Router Verbrechen gerügt.

Ich antworte: "Verwirrtheit. Depression?"

Sie vergibt mir großzügig.
11:00 Ich koche (wie so ein Gangster) Bolognese, da eine Freundin zum Mittagessen kommt.
F rümpft die Nase.
Was folgt, ist eine detaillierte Aufklärung darüber, dass es von Stil zeugt, Dinnerparties zu geben. Gemeinsame Mittagessen am Samstag sind zutiefst prosaisch.
12:30 M ist da, schnuppert kurz und sagt: "Es riecht nach Chanel No.5. Ist ES wieder da?"
12:40 M (übrigens meine Freundin) und ich sitzen am Tisch. F verabschiedet sich, da sie nun einen "Achtsamen Nachmittag im Park" verbringen möchte. Hierfür sind wir ihr mindestens so dankbar, wie für den Hinweis, dass all das Gluten unsere Mägen verkleben wird.
15:20 F setzt sich zu uns, unterbricht M mitten im Satz und beginnt sich über M1 zu beschweren. M(nicht eben diplomatisch):"Trenn dich von ihm, dann ist uns allen geholfen."

Es ist ein wenig als, würde man zusehen, wie ein Vulkan ausbricht, man will und sollte rennen. Schnell.
15:25 Die Lage eskaliert schnell und heftig. Es ist ein wenig wie früher bei "Andreas Türk". Man möchte sich das nicht ansehen, schon aus bildungsbürgerlicher Arroganz. Aber es is schon auch wirklich super lustig.
15:35 Während ich fasziniert dem brutalen Schauspiel beiwohne, fülle ich kochendes Wasser in eine Wärmflasche und vergesse, diese vorher zu leeren. Mein spitzer Schmerzensschrei verwirrt die Kontrahentinnen. Nun streiten sie darüber, wie die Verbrühung zu behandeln sei.
17:50 Ich komme nach Hause. F erwartet mich, mustert fachmännisch die Arbeit des Klinik Arztes. Ihr wie immer unfehlbares Urteil fällt vernichtend aus.
19:20 Ich liege mit einer Wärmflasche an den Füßen im Bett und entscheide, dass dieser Tag zu enden hat. Un.ver.züg.lich.
21:10 F und ihre Ex Kommilitonin(E) sind schwer angesäuselt und singen nun auch ohne Singstar Britney Songs. An Schlaf ist nicht zu denken. Ich setze mich zu den Glückspilzen, die diese verhinderten Showgrößen abbekommen haben und tue das einzig Richtige: Ich greife zum Rotwein.
22:40 F hat nun ausreichend vorgeglüht, stolpert in mein Zimmer und möchte, dass ich mit zum feiern gehe. Sie deutet leicht lallend an, dass Sex gegen Depressionen hilft und verspricht, mich "an den Mann" zu bringen. So dankbar ich für so viel Fürsorge bin, ich ziehe Schlaf vor.
04:00 Sie weckt mich und fragt singend, wo die "leftovers" der Bolognese geblieben seien. Sie hat jetzt "Huuuuunnnngggeeer! Yeah!"
10:45 F ist wach und tief enttäuscht von mir. Ich habe zugelassen, dass sie Spaghetti isst. Die Übelkeit und die Kopfschmerzen die sie nun verspürt, sind eindeutige Notsignale ihrer Körpers, der sich gegen das Gluten wehrt.
Bevor ich "Kater" sagen kann, rennt sie ins Bad.
11:00 F kommt in die Küche und fährt mich an: "Freunde passen auf einander auf und wenn wir Freunde wären, würdest du sowas nicht tun!" Die Situation erinnert mich so sehr an die TicTacToe Pressekonferenz, dass ich lospruste. Sie wirkt nun tief verstört und geht wieder ins Bett.
12:30 M ist da, wir essen Kaiserschmarrn. (ohne Rosinen, wir sind ja nicht pervers.)

F kommt rein, die Beiden mustern sich. Kurz öffnet F den Mund, will etwas sagen, schüttelt dann aber den Kopf und geht.

Ihr Kryptonit heisst also Batida de Coco mit O-Saft.
14:15 Ich verabschiede mich von den Beiden ein wenig lauter, schriller und fröhlicher, als unbedingt notwenig.

Sie erinnern farblich ein wenig an verkochte Nudeln, riechen aber nach Bahnhof und klingen wie Welpen.

Mein Mitleid ist grenzenlos.
20:45 Ich werde per WhatsApp gebeten, bei meiner Heimkehr mit ihrem geruchsneutralen Shampoo die Haare zu waschen. Der Duft meines üblichen Shampoos habe sich gestern per Wasserdampf in der Wohnung verteilt und in rücksichtsloser Weise ihr Wohlbefinden beeinträchtigt.
22:00 Ich habe Schichtende und überlege, aufzugeben, bei KFC vorbei zu fahren und dann bei M zu übernachten... oder aber zuhause Gnocchi in Salbeibutter mit extra Knobi zu kochen... mhmmm...mit einem kleinen Tomatensalat...verdammt. Ich werde nervig, wenn ich Hunger habe.
23:00 Habe gekocht und so M1 angelockt. Er möchte eine Portion abhaben. F sieht demonstrativ auf seinen Bauch und sagt dann: "Ihr endet beide fett und krank." Für den Bruchteil einer Sekunde hoffe ich, sie hätte plötzlich Humor. Dann sagt sie zu M1:"Ich muss dich dann pflegen!"
23:10 M1 nun deutlich angefressen: "Wenn du so weiter machst, nö."

Ich flüchte.
23:30 Die Geräusche, die aus der Küche dringen, lassen darauf schließen, dass dort ein Tyrannosaurus Rex und ein Gorilla aneinander geraten sind. Ich genieße die zweite Portion Gnocchi und höre aktiv weg.

Schon, um den geneigten Leser ein wenig zu ärgern.
23:50 Die Wohnungstür knallt zu und einer der Beiden ist nun wohl weg.

Die für mich nun essentiell wichtige Antwort auf Frage, wer noch da ist, würde erfordern, dass ich dieses Zimmer verlasse und riskiere gefressen zu werden.
00.00 Was nun passiert, ist so surreal, dass ich überlege, ob der Schlafmangel nun Halluzinationen verursacht: F kommt tapfer lächelnd in mein Zimmer, setzt sich auf mein Bett, greift nach der Fernbedienung und sagt:"Gleich geht die Openingshow los. Ich liebe den Super Bowl!"
00:10 Bin ein wenig verängstigt. Sie sitzt hier und lästert fröhlich über Beyonces Oberschenkel beim "Formation" Auftritt und alles was ich zustande bekomme ist: "Aha, OK, ja, oh"
00:15 Ich denke darüber nach, M1 zu erwürgen (das hier wird Folgen haben, mein Freund) und dann sagt sie einen Satz der endgültig beweist, dass sie aus der Fassung ist: "Lass uns Pizza bestellen!"
00:25 Habe M1 die fünfte "Hol deine manische Freundin hier ab. " WhatsApp geschrieben.
Er verspricht in Zehn Minuten da zu sein.
00:40 M1 steckt seinen Kopf durch die Tür, sie ignoriert ihn. Er setzt sich zu ihr, flüstert etwas in ihr Ohr und sie seufzt, steht lammfromm auf, wünscht mir gute Nacht und geht mit ihm.

Ich habe das Bedürfnis, meine Tür abzuschließen.
Und ich bin nicht ganz sicher, wegen wem.
7:50 Ich will frühstücken und habe kurz Angst, über Nacht in ein Zeitportal gefallen zu sein. Vor mir sitzt das zauberhafte Mädchen, dass vor einem Jahr das erste Mal in unsere WG kam. Sie lacht, fragt interessiert, wie ich geschlafen habe, isst ein Müsli und die Hörner fehlen!
8:25 Sie duscht, ich werde auf den neuesten Stand gebracht: Er hatte gestern eine Trennung vorgeschlagen, sie hat versprochen sich zu ändern, ist mitten im Gespräch eingeschlafen und als der Liebreiz in Person wieder erwacht.

Nicht mal M1 kennt seinen aktuellen Beziehungsstatus.
9:00 Sie geht einkaufen, um mittags "was Leckeres" zu kochen. Kurz befürchte ich, sie könnte sich einen Korb um den Arm hängen und fröhlich hüpfend von der Bühne gehen.
Ich entscheide, den Hipster in mir zu aktivieren und den Rest des Vormittags Wifi in einem Café zu schnorren.
11:45 Ich komme zu Hause an. Sie war wieder in meinem Zimmer und alles was mir dazu einfällt, ist:

Timeo Danaos et dona ferentes.
11:55 F bedankt sich für die Unterstützung gestern.
In Anbetracht der Tatsache, dass ich kein Wort gesagt und nichts getan habe, komme ich zum Schluss, dringend Life-Coach werden zu müssen. Nix können, nix tun und die Leute fühlen sich besser. Bin praktisch überqualifiziert.
12:30 Wir sitzen beim Mittagessen. Sie möchte, dass ich mit ihr zur Maniküre gehe. Ich lehne entschlossen ab und sofort bekommt die neue Friedfertigkeit Risse:"Ich brauche das jetzt. Ich habe gestern viel ertragen."
Dabei sieht sie M1 an, als hätte er auf ihren Teppich gepinkelt.
13:40 Ich muss zu einem Kunden am anderen Ende der Stadt und packe mich warm ein, da ich mit den Öffis fahre. F gibt mir den Tipp, auf flache Schuhe dennoch zu verzichten, es sei sonst unmöglich mich ernst zu nehmen. Ich bin kurz davor, dankbar und erleichtert zu lächeln.
18:00 F gesteht mit gequälter Miene, dass sie morgen Abend frühzeitig abreisen wird. Es wirkt ein wenig, als würde sie mir kondolieren und ich hätte einen nahen Angehörigen verloren. Sie umarmt fest und verspricht, dass wir Ostern zusammen verbringen werden.
6:15 Um sicherzugehen, dass mir der Abschied wirklich schwer fällt, sorgt sie noch einmal dafür, dass mir in Erinnerung gerufen wird, welche Bereicherung sie für meine Lebensqualität darstellt und weckt mich mit den liebevollen Worten: "Wo ist mein Glätteisen?"
7:00 Reisen ist eine kaum zu ertragende Strapaze und so ist sie, wer würde das nicht verstehen, gereizt. Auf eine Art, die mir wohl ein Rätsel bleiben wird, hat es M1 geschafft, Schuld daran zu sein, dass zwei Helferinnen ihres Vaters erkrankt sind und sie nun arbeiten muss.
7:30 Das Rätsel ist gelöst: Sie müsste nicht mehr arbeiten, wenn er ihr endlich einen Antrag machen würde!

Das ist dann mein Stichwort, den nächstgelegenen Luftschutzbunker aufzusuchen.
12:30 Ich koche (todesmutig 30 Minuten zu früh) und erfahre, dass sie verstehe, dass ich rauchen müsse. Als Single müsse man einfach auf sich achten und ich sei mit meinem gesteigerten Appetit durch die Depression schon sehr gestraft. Sie drückt dabei aufmunternd meine Schulter.
14:35 F kündigt an, ein achtsames Abschiedsritual durchführen zu wollen. Sie ist zutiefst erbost und enttäuscht, dass A und M2 ihre Teilnahme verweigert haben. Sie vermutet, die Beiden könnten sie, aus ihr völlig unerklärlichen Gründen, ablehnen. Misanthropen! ALLE BEIDE!
16:00 Das Abschiedsritual ist enttäuschend unspektakulär: Es sieht vor, gemeinsam fünf Minuten auf dem Sofa zu sitzen und sich mit geschlossenen Augen schweigend an den Händen zu halten. Die Herausforderung besteht wohl vorallem darin, nicht laut in die Stille zu pupsen.
16:15 F nimmt mir das Versprechen ab, auf M1s Ernährung zu achten, sieht mir fest in die Augen und ermahnt mich, anzurufen, wenn ich "endlich über alles reden" könne. An der Tür dreht sie sich um und versichert, dass sie uns, "sogar M2 und A, jetzt schon viel zu sehr vermisst."
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