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Ich war drei Tage mit einer starken, aber kurzen depressiven Episode ans Bett gefesselt und habe meiner Arbeit nicht nachkommen können.
Lasst mich euch erzählen, wie das so ist, mit dem ersten fetten Rückschlag nach fast einem Jahr #depressionsfrei.
#notjustsad #Thread
Weil das hier ein langer Thread wird und wahrscheinlich von kaum einem gelesen wird, möchte ich kurz ausholen. Ich bin selbstständig. Wenn ich krank bin, verdiene ich kein Geld. Ich verliere nur welches. Das hat mich, neben meiner Liebe zur Arbeit, in die Arbeitssucht getrieben.
Ich höre oft im ersten Moment etwas wie "Oh, ich bin auch arbeitssüchtig" und sowas wie "hihi, ich workaholic!", als sei es ein Statussymbol. Ist es nicht. Es ist - für mich, nicht für die Diagnose-Schlüssel-Ersteller nach ICD-10 - eine Krankheit. Und sie macht keinen Spaß.
Arbeitssucht hin oder her, es war bisher so: Depressionen haben hieß kämpfen. Man muss sich ja bewegen. Und ablenken. Mit Menschen sprechen. Aus dem Haus gehen. Klarkommen. All die tollen Methoden machen, mit denen man eine akute Episode verscheucht. Spoiler: Sie wirken nicht.
Ich habe Depressionen von 2004 - 2018 gehabt, und meine längste Episode war 2016, von Oktober bis Januar 2017. In dieser Zeit habe ich mir TÄGLICH vorgenommen, endlich wieder rauszukommen, alle Tipps zu befolgen und zu tun, was mir das Internet gesagt hat.
Inzwischen habe ich eine Therapeutin, und ich hätte sie damals mehr gebrauchen können als heute. Wie dem auch sei: Früher habe ich mir pro Tag 1000 Sachen vorgenommen. Musste ja selbstständiger Arbeit nachgehen und die Miete bezahlen. Irgendwie überleben. Und sozial sein.
JEDER TAG war ein Versagen. Ich habe mir 1000 Sachen vorgenommen und 0 geschafft.
Jetzt, nachdem ich fast ein Jahr depressionsfrei war, kam die Depression zurück. Den Auslöser kenne ich, ich arbeite dran. Aber das elende Gefühl der Leere und des Nichtmehrlebenwollens bleibt.
Ich habe, zugegeben, das Gefühl, diese Depression ist eher die "nervige Krankheit, geh weg, nerv nerv nerv!" statt wie früher: "Das Leben ist zu Ende, ich kann nicht mehr, will nicht mehr, ich passe nicht in die Welt, und die Welt passt mir nicht". Sie war also eher sanfter.
Und damit kommen wir auch zu dem, was ich getan habe, um meiner Depression zu entkommen.
Schritt 1: Gönnen. Ich habe mir gegönnt, nicht mehr leben und innerlich leer und antriebslos zu sein. Ich habe es mir für diese Zeit gegönnt.
Mein Mantra: "HEUTE kann ich nichts tun."
Weiter: "Ich gönne mir eine Zeit, in der ich den Mut zum Leben, Lieben und Lachen verloren habe. Ich gönne mir, mich einzuigeln. Ich erlaube mir diese Zeit, in der ich aufgeben und alles hinschmeißen möchte. Das habe ich mir verdient, auch wenn ich nicht daran glaube."
Dann kamen meine To-Do-Listen, und das ist der Teil, den ich eigentlich nur twittern wollte. Ohne Kontext geht das schlecht, sorry. Daher das lange Vorgelaber.
Hier siehst du meine To-Do-Listen der letzten Tage. EXAKT das habe ich mir vorgenommen und geschafft...:
Dienstag:
überleben ✅

Habe rumgelegen und versucht, nicht als DER Versager schlechthin zu wirken in meiner Wahnehmungs-Bubble.
Mittwoch:
Zahnarzt absagen (telefonisch) ✅

Ich habe Mittwoch die Erkennntis gewonnen, mir das Versagen, Rumliegen und Verstecken zu gönnen. Ich habe dadurch prompt weniger gelitten. Muss Montag zum Zahnarzt, und ich schaffe das.
Donnerstag:
Zur Post gehen ✅
zocken statt rumliegen ✅
duschen ✅

Das war ein guter Tag. Ich habe mich locker drei Stunden vorbereiten und quälen müssen, bis ich es zur Post geschafft habe. Auch Zocken statt leidend nichts tun zu können war ein Erfolg.
Freitag:
Müll & Geschirr ✅
Kochen und essen ✅
18 E-Mails beantworten

Heute habe ich mich noch mehr gesteigert. Ich habe meine Wohnung wieder menschenwürdig gemacht (in drei Tagen fällt viel an), und etwas gegessen (nach drei Tagen sinnvoll). Aktuell beantworte ich Mails.
Es sieht gut aus, dass ich meine Geschäftsmails bis Mitternacht hinkriege.
Wie dem auch sei: Ich nehme mir vor, was im Rahmen der Depression möglich ist. Und ich packe 100 %. Jeden Tag. Jeder Tag ist ein Erfolg.
Ich bin noch nie so schnell aus einer Episode gekommen.
Nächste Woche habe ich Urlaub. Und wenn das so weitergeht wie bisher, werde ich es morgen schaffen, Fahrkarten zu buchen und meine verpasste Arbeit auf die folgenden Wochen umzuplanen. Sogar aufs Konto geschaut habe ich heute. Fühle mich wie Superman.
Ich würde hier gerne ein Fazit anbringen. Etwas, das du daraus lernen kannst, wenn du selbst betroffen bist. Aber das kann ich nicht. Ich habe meine Erfahrung gemacht, und diese "Low-Listen" helfen mir. Nach außen hin wirke ich bestimmt wie ein absoluter Versager.
Aber nach innen konnte ich mein Depressionsmonster durch die 100-%-Erfolg-To-Dos überzeugen, kein Versager zu sein. Ich habe eine Art Erfolgserlebnis, ja, fast sogar Glücksgefühl (kann gerade nichts fühlen, daher nicht sicher) erlebt. Das hilft mir. Das bringt mich da raus.
Aktuell stinkt mir einiges, und anderes überfordert mich. Manches unterfordert mich. Aber ich habe die letzten 8 Monate am laufenden Band gesagt und geglaubt: "Ich bin glücklich". Und ich bin gerade depressiv. ABER ich weiß, dass ich wieder "Ich bin glücklich" sagen werde.
Last But Not Least: Ich führe Erfolgstagebuch. Es heißt "Logbuch des Glücks", weil jemand wie ich "Erfolg" so mega kritisch definiert und sich never ever ERFOLGE zugesteht. Es hilft. Nur sehr gering, diese To-Do-Listen sind besser. Aber ich bin stolz auf mich.
Ich glaube, ich habe ein Fazit gefunden.
Ich bin dankbar, dass ich so gut mit mir umgehe. Selbstliebe ist extrem wichtig und toll, auch wenn man sie nicht in der akuten Situation spürt. Ich glaube, ich habe Selbstliebe gelernt, als eine Art "passiver Grundumsatz".
Mein "Leistungsumsatz" war etwas wie "Versager!", "Ich hasse alle!", "Alle hassen dich!", "Nichts ergibt Sinn!". Aber dieser "Grundumsatz" hat dagegen gearbeitet.
Ich bin unfassbar dankbar, dass diese Episode nur drei Tage hielt. Ihr mögt mich auslachen, weil es nur 3 waren.
Aber jeder einzelne Tag mit einer akuten depressiven Episode fühlt sich an wie ein Jahr. Und ich hatte 2016/2017 demnach 30 Jahre am Stück. Jeder Tag, an dem ich ein einziges Mal lächeln kann, lohnt sich. Ich hoffe, "Lächeln" für Sonntag auf die To-Do packen zu können.
P.S.: Aus gegebenem Anlass habe ich Angst, dass hier Hater und "Depressivere" aufkreuzen, die mir erzählen, dass drei Tage Luxus sind. Twitter hat sich verändert. Twitter macht mir Angst. Verzeiht mir, falls ich durch meine Worte jemanden verletzt habe.
*Notiz: Das ist die Zeit, in der ich wegen der Depression und Suizidalität krankgeschrieben war. Angefangen hatte es wohl schon im August, aber ich behalte Zahlen erst gut im Kopf, wenn sie gedruckt oder in Formularen erschienen sind. Bin ein Bürotyp.
*Edit: Ich habe kein Nichtmehrlebenwollen. Ich will nicht sterben. Wenn doch, würde ich mir SOFORT Notfall-Hilfe holen. Keine Sorge.
Es ist eher ein "Ich will schlafen und nicht mehr aufwachen", mit Betonung auf "schlafen". Es ist, als würde ich cheaten und Zeit skippen wollen.
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