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Die Würde des Menschen oder wie wenig schlecht ist gut genug.

(Ein Beitrag über die Sache mit den #Pflegeheimen, #Menschenrechten und Zuständigkeiten)
Um Frau D. zu sehen, braucht man sie nicht zu treffen. Es reicht der Blick auf einen kleinen Bildschirm, der meistens in der Küche ihrer Einrichtung steht. Man sieht Frau D. wie sie in ihrem Zimmer sitzt. Eine Kamera ist dort an die Wand montiert und auf ihr Bett gerichtet.
Neben dem Bett steht eine Schachtel mit Altpapier. Das Altpapier dient Frau D. als Beschäftigung. Sie mag es, das Papier zu zerreißen. Steht Frau D. vom Bett auf, kann sie durch ein leeres Zimmer gehen. Vielleicht zum Fenster oder ins Bad. Eine Tischplatte gibt es für sie auch.
Im Bad hängt kein Spiegel. Die Dusche hat keine Vorhänge. Genauso wenig das Fenster zum Innenhof. Im Innenhof stehen die Mülltonnen, zu denen Frau D. auf der täglichen Müllrunde geht. Einmal am Tag geht die Tür zum Zimmer auf. Für eine Stunde. Dann passt wieder die Kamera auf.
Manchmal nehmen sie Frau D. auf einen Spaziergang mit. Sie war auch schon am See und länger als eine Stunde aus ihrem Zimmer draußen. Wenn Frau D. ihr Zimmer betreten hat, wird hinter ihr die Tür geschlossen und der Schlüssel außen umgedreht. Dann ist sie allein. Oft 23 Stunden.
Man möchte fragen, ob sie damit einverstanden ist. Doch eine Antwort wird Frau D. nicht geben. Zumindest keine verständliche. Es ist nicht ihre Idee und schon gar nicht ihre Entscheidung, so zu leben. Frau D. muss und vielleicht geht es ihr hier so gut wie noch nie. Wer weiß?
Frau D. leidet seit dem Kleinkindalter an einer schweren Intelligenzminderung mit Verhaltensauffälligkeit, einer autistischen Psychopathie und einer Störung des Sozialverhaltens. Sie wuchs zunächst bei Pflegeeltern auf, später in einer Einrichtung. Ganz wo anders, nicht hier.
Frau D. hat nie gelernt, verständlich zu sprechen. Doch sie kommuniziert. Bruchstückhaft, unklar, verschwommen, durch Laute, Bewegungen, Zeichen. Weil niemand versuchte, gemeinsam ihre Sprache zu entwickeln, wird sie nicht verstanden, hilflos steht sie den Empfindungen gegenüber.
Manchmal ist sie grantig und manchmal hat sie Schmerzen. Mit manchen Mitmenschen versteht sie sich, manche sind ein rotes Tuch. Nur kann Frau D. die Banalitäten des Lebens nicht verarbeiten und ihr Umfeld den eigenen Bedürfnissen entsprechend steuern. Aber sie kann sich wehren.
Im Behindertenpflegeheim attackierte sie vor zehn Jahren innerhalb weniger Tage mehrfach zwei Mitbewohner vorsätzlich und fügte diesen schwere Verletzungen zu. Wegen Unzurechnungsfähigkeit sprach ein Gericht die Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher aus.
Frau D. ist offiziell gefährlich. Im Maßnahmenvollzug versucht der Staat, ihr die krankheitsbedingte Gefahr zu nehmen. Und er lässt eine Unterbrechung zu, soweit dies zur Behandlung des Zustands oder zur Vorbereitung auf das Leben in Freiheit notwendig oder zweckmäßig erscheint.
Bei Frau D. wird eine Unterbrechung durchgeführt. Sie wird jetzt in einer privaten Einrichtung vorbereitet. Dort werden auch Minderjährige betreut. In einem anderen Trakt zwar, aber Frau D. ist doch gefährlich. Die Kinder müssen vor den impulshaften Durchbrüchen geschützt werden.
Deshalb erhält Frau D. die Medikamente Nozinan, Dominal, Depakine, Seroquel, Trittico, Risperdal und Cisordinol als Depot sowie die Bedarfsmedikation Temesta. Außerdem bleibt sie in ihrem Zimmer. Die Türe ist versperrt, selbst wenn sie etwas braucht, hinaus will oder Angst hat.
Eine Glocke besitzt sie nicht. Sie muss schreien oder klopfen um gehört zu werden. Außer es sieht sie jemand am Bildschirm. Aber dazu muss sie auf dem Bett sitzen. Sediert, sprach- und hilflos lebt Frau D. Dennoch nahm die Intensität der Impulsdurchbrüche ab. Ein Erfolg?
Eine Heilung gibt es für die Behinderung nicht. Frau D. wird nie alleine zurecht kommen, eine Gefahr für andere kann niemals ausgeschlossen werden. Deshalb wird sie verwahrt. Irgendwo, eingesperrt und ohne sich dagegen wehren zu können. Sie erhält die notwendige Förderung nicht.
Sie bekommt allerdings mehr Aufmerksamkeit als sie gewohnt war. Es fehlt ihr an nichts und doch an allem. Durch Zufall bemerkte eine Bewohnervertreterin die verschlossene Tür und hörte dahinter Frau D. Die Bewohnervertreterin fühlte sich zuständig und fragte nach, gab nicht auf.
Nur entschied der OGH, dass sie nicht zuständig war. Die Bewohnervertreterin hätte nicht nachfragen oder einen Antrag nach dem Heimaufenthaltsgesetz stellen müssen, das Gericht nicht darüber entscheiden dürfen - alle sind sie unzuständig. Frau D. ist ja immer noch gefährlich.
Das mit der Würde des Menschen ist für mich in etwa so: Am stärksten sind wir doch dann, wenn wir die grundlegendsten Rechte denjenigen lassen, die damit am wenigsten anfangen können. Oder täusche ich mich da etwa wieder?

Vielen Dank und Entschuldigung.
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