Guten Morgen! Ich bin Michaela, Wissenschaftlerin und Journalistin, zudem Feministin und Sozialdemokratin. Heute geht's darum, wie jede dieser Facetten meinen Blick auf die Welt beeinflusst und wie ich als Journalistin mit dieser "Subjektivität" umgehe.
Als Feministin fühle ich mich schon seit langem. In Großbritannien schien sich auch niemand sehr an diesem "Label" zu stören. In Deutschland (wie auch in Österreich) sehe ich aber noch mehr Zurückhaltung beziehungsweise sogar Widerstand gegen den Begriff.
Deshalb bin ich neugierig: Wer von euch sieht sich denn selbst als Feminist*in?
Wow, so viele Feminist*innen bisher! 😍 Ich bin ganz begeistert.
...einige fragen sich jetzt vielleicht schon "Ja, aber was hat das jetzt bitte mit Wissenschaft oder Wissenschaftsjournalismus zu tun?" - eine Menge. Denn: gerade in der Wissenschaft gibt es in Sachen Geschlechtergerechtigkeit noch viel zu tun, und auch aufzuarbeiten.
Kleines Beispiel gefällig? Wer von euch hat denn schon von Milena Marić gehört?
...und wer von euch kennt Albert Einstein?
Hier ist die Auflösung: MILEVA Marić (sorry für den Fehler im Poll) war die erste Ehefrau von Albert Einstein und selbst eine brilliante Physikerin. Sie hat aber ihre eigene Karriere zurückgestellt und ihrem Mann bei seiner geholfen - wie sehr ist weiterhin umstritten.
...es könnte aber sein, dass sie viele seiner Thesen mitentwickelt hat. Briefe, die von ihr und Einstein lassen das zumindest vermuten. Mehr dazu hier:
blogs.scientificamerican.com/guest-blog/the…
Wie ihr seht ist es teilweise auch schwierig, heute zu rekonstruieren, wie viel von Einsteins Arbeiten auf sie zurück gehen. Ziemlich sicher ist allerdings, dass sie ihm geholfen hat, und dass ihr der Ruhm und die Anerkennung für ihre Arbeit verwehrt blieb.
In der Wissenschaft gibt es vieler solcher Geschichten, in denen die Errungenschaften von Frauen entweder klein gemacht oder von männlichen Kollegen für sich beansprucht wurden. Ein heute berühmtes Beispiel ist das von Watson/Crick und Rosalind Franklin.
Kein Zweifel, dass Watson&Cricks Theorie zur Struktur der DNA durch Franklin's experimentelle Belege genährt und gestärkt wurde. Und dass Watson ihre Röntgenstrukturaufnahme der DNA geklaut hat. Sogar in seinem Buch "Die Doppel-Helix" schreibt er darüber...
...und äußert sich immer wieder abfällig-sexistisch über "Rosy".
Es gibt viele weitere Beispiele: welche fallen euch denn so ein? Kommentiert gerne unter diesen Post, wenn ihr von Wissenschaftlerinnen wisst, die nicht die Aufmerksamkeit erhalten haben, die ihnen eigentlich gebührt.
...ebenfalls ein schöner, aktueller Artikel zum Thema:
theatlantic.com/science/archiv…
...und an dieser Stelle möchte ich auch die wunderbare @jesswade erwähnen, die auf Wikipedia für eine bessere Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen kämpft - sie schreibt selbst fast täglich Wikipedia-Einträge über #WomenInSTEM: theguardian.com/education/2018…
Nun, was hat das alles jetzt mit dem Wissenschaftsjournalismus zu tun? Ganz einfach: Die "Gender imbalance" in den Wissenschaften schwappt leicht auch in die Berichterstattung und in die Köpfe von Menschen über.
Frauen in der Wissenschaft kämpfen teils noch immer mit hartnäckigen Vorurteilen - durch männliche Kollegen aber auch durch die Gesellschaft. Dazu gehört mit Sexismus, Misogynie und strukturelle Benachteiligung.
In vielerlei Hinsicht herrscht in den höheren Positionen in der Wissenschaft immer noch ein Boys-Club-Flair (Stichwort: #MeTooSTEM). Zum Glück bewegt sich da bereits vieles und es wird auch besser. Angekommen sind wir aber noch lange nicht.
...und als Journalist*innen können wir einerseits solche strukturellen Probleme benennen (zum Beispiel hier: spektrum.de/news/metoo-im-…)...
...über besonders schlimme Fälle berichten (z.B. hier: sciencemag.org/news/2017/10/d… oder hier:
theatlantic.com/science/archiv…)...
...und auch uns an der eigenen Nase fassen, und versuchen, bestehende Stereotypen (z.B. der Wissenschaftler als älterer, weißhaariger Herr) nicht noch zu reproduzieren und die ganze Diversität in der Wissenschaft aufzuzeigen.
Ed Yong (@edyong209) - dem ihr sowieso folgen solltet, wenn ihr euch für guten Wissenschaftsjournalismus interessiert - hat über seine Bemühungen in die Richtung geschrieben: theatlantic.com/science/archiv…
Als "Medienmacher" können wir das Bild von der Wissenschaft und von Wissenschaftler*innen aktiv mitgestalten. Das bedeutet eine gewisse Verantwortung, aber es ist auch eine großartige Chance.
Das fängt bei den Forschern an, die wir interviewen, die Menschen, die wir in unseren Geschichten zu Wort kommen lassen - bis hin zu den Worten und Formulierungen, die wir wählen und den Bildern, die wir zeigen.
An all diesen Stellen kann man als Journalistin ansetzen und dazu beitragen, das Bild von der Wissenschaft in der Gesellschaft so zu verändern, dass es besser das widerspiegelt, was in den Labors passiert. Positiver Nebeneffekt: Bessere Representation schafft neue Vorbilder.
Wenn man nie von Wissenschaftlerinnen liest, kommt man als Mädchen vielleicht auch gar nicht auf die Idee, dass man vielleicht eine werden könnte. Vorbilder sind gerade für Kinder wichtige Figuren, die ihre Träume ankurbeln können.
Natürlich gilt das genauso für Forscher*innen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft, sexuellen Orientierung, Behinderung usw. zu einer Minderheit gehören. Deshalb sollten wir uns mMn bemühen, ein möglichst breites Bild von der Wissenschaft und den Menschen darin zu vermitteln.
Übrigens achte ich mittlerweile auch auf Twitter darauf, wen ich so retweete (und rechne mir auch immer wieder mal das Geschlechterverhältnis aus). Warum? Weil ich das hier gelesen habe: vox.com/2018/6/22/1748…
...und mir dachte, dass ich persönlich zumindest darauf achten kann, die Reichweite meiner Kolleginnen zu erhöhen. Wenn's schon die Kollegen anscheinend eher nicht tun. ;)
Habt ihr schon mal genauer darauf geachtet, wem ihr mehr Reichweite verschafft? Und welche Aussagen ihr da boostet? RT ist nämlich genau das - eine Reichweitenvergrößerung und ein Boost für die Message.
In meinem Fall heißt das auch: Keine Links zu Artikeln verbreiten, die nur Empörung (und damit Verbreitung und Klicks) auslösen sollen. Selbst dann, wenn sie mich wirklich empören.
Und nicht dabei mithelfen, dass Neologismen (also "Wortneuschöpfungen"; in dem Fall besonders aus gewissen Bereichen der Politik) sich weiter verbreiten. Den Begriff "Fake News", z.B., verwende ich nur beispielhaft unter Anführungszeichen, aber nicht als Synonym für Propaganda.
Wenn man solche Wörter als Journalistin unkritisch übernimmt und in den eigenen Wortschatz überführt, hilft man nur dabei, sie weiter zu verbreiten. Wenn mir das klar ist, wehre ich mich aktiv dagegen, wie beim obigen Beispiel.
Ich habe ja schon darüber gesprochen, dass ich ein diverseres Bild von Wissenschaftlern erstrebenswert finde, und auch warum ich das so sehe. Jetzt gibt es aber noch einem Bereich, auf den ich als Redakteurin zumindest etwas Einfluss darauf habe, wer Raum und Reichweite bekommt..
..und zwar bei den Journalist*innen selbst. Viele Artikel, die ich beauftrage, werden von freiberuflich arbeitenden Journalist*innen geschrieben. Da kann ich mir natürlich überlegen, wen ich frage, wenn ich ein bestimmtes Thema im Heft haben will.
Und auch, wenn ich diese Entscheidung nicht allein treffe, habe ich zumindest Einfluss darauf. Deshalb versuche ich, diese "Macht" zu nutzen, um Journalist*innen (und ja, besonders die *innen) mit diversem Hintergrund zu fördern.
Denn auch die deutschsprachige Medienlandschaft ist noch immer sehr männlich und sehr weiß. Menschen mit anderem Hintergrund als der Großteil bringen womöglich ganz andere Perspektiven zu einem Thema mit. Und diese Diversität ist wertvoll und sollte gefördert werden, finde ich.
Als Beispiel: ein Mensch, der mit vielen Privilegien aufgewachsen ist, tut sich manchmal schwer, das zu sehen (er ist also "privilegienblind"). Wenn er nun über eine strukturelle Benachteilgung schreiben soll, tut er das aus einer sehr distanzierten Position. Das kann gut sein...
...aber er könnte auch die Wirkung dieser Benachteiligung stark unterschätzen oder sie sogar in seiner Berichterstattung vernachlässigen. Dann haben wir einen "blinden Fleck". Wenn nun die meisten Journalisten ähnlich sind wie er, lesen wir eventuell viele ähnliche Berichte...
...die allesamt nicht auf diesen Punkt eingehen. Das Bild ist relativ homogen und suggeriert vielleicht, dass ein Problem sehr klein ist oder gar nicht existiert.
Um solche "blinden Flecken" zu vermeiden, hilft es, wenn Menschen mit verschiedenem Hintergrund und Erfahrungen über das Thema schreiben. Die Berichte sind so abwechslungsreicher und spiegeln auch eher das wieder, was wirklich stattfindet.
Die #MeTwo-Debatte zu Rassismus ist so ein Fall. Viele Betroffene haben letztes Jahr auf Twitter über ihre Rassismuserfahrungen geschrieben, und der Umfang und die Wucht der Diskriminierung, die Migrant*innen und Menschen mit anderer Hautfarbe erfahren, hat viele schockiert.
In dem Bereich gab es also einen kollektiven "blinden Fleck". Warum? Ich denke, es liegt auch daran, dass Migrant*innen nicht oft die Chance (und die Plattform) bekommen haben, um diese Themen (oder überhaupt öffentlich, bezahlt und für Zeitungen) zu schreiben.
Zum Glück gibt es auch hier langsam ein Umdenken, aber wegen struktureller Diskriminierung ist es für viele Menschen mit bestimmten Hintergründen (zum Beispiel eben Migrant*innen) noch immer schwierig, es bis in die Redaktionen zu schaffen.
Barrieren gibt es viele: gesellschaftliche wie zum Beispiel (auch unbewusste) Diskriminierung und Rassismus aber auch monetäre - einer der Gründe warum ich, wie schon erwähnt, mittlerweile stark gegen unbezahlte Praktika bin, den das muss man sich auch mal "leisten" können.
Hier ist übrigens ein kurzer Artikel vom NDR, der sich im Anbetracht der #MeTwo-Debatte genau mit dieser Thematik auseinandergesetzt hat:
ndr.de/fernsehen/send…
Auch jede*r von euch hat ein bisschen Macht - mit den Geschichten, auf die ihr klickt, entscheidet ihr mit, über welche Themen auch in Zukunft geschrieben wird (wegen "Leserinteresse") - also, klickt und lest divers, folgt hier Frauen und Mitgliedern von Minority-Gruppen.
Schaut immer wieder über euren Horizont, und ich verspreche euch, ihr werdet auch immer wieder etwas Neues erfahren und Dinge auch aus anderen Perspektiven sehen lernen. 😊
Missing some Tweet in this thread?
You can try to force a refresh.

Like this thread? Get email updates or save it to PDF!

Subscribe to Michaela @ Real Scientists DE
Profile picture

Get real-time email alerts when new unrolls are available from this author!

This content may be removed anytime!

Twitter may remove this content at anytime, convert it as a PDF, save and print for later use!

Try unrolling a thread yourself!

how to unroll video

1) Follow Thread Reader App on Twitter so you can easily mention us!

2) Go to a Twitter thread (series of Tweets by the same owner) and mention us with a keyword "unroll" @threadreaderapp unroll

You can practice here first or read more on our help page!

Follow Us on Twitter!

Did Thread Reader help you today?

Support us! We are indie developers!


This site is made by just three indie developers on a laptop doing marketing, support and development! Read more about the story.

Become a Premium Member ($3.00/month or $30.00/year) and get exclusive features!

Become Premium

Too expensive? Make a small donation by buying us coffee ($5) or help with server cost ($10)

Donate via Paypal Become our Patreon

Thank you for your support!