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Hatte gerade eines der erniedrigendsten Erlebnisse meines Lebens. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als das öffentlich zu machen. Es steht für so vieles: Die langen Arme der Parteien ggü. kritischen Stimmen, rassistische Strukturen und das vorgekaulte Spiel mit Diversity.
Ich wurde für eine EU-Wahlkampagne gecasted. Unterschiedliche Charaktere sollten über Foto-Sujets (meines war "Respekt zählt") und einen Werbespot, zum Wählengehen animieren. Neues Feld für mich aber ich dachte mir, warum nicht, nette Abwechslung und sinnvolles Ziel.
Mein Charakter war "Student" mit migrantischen Wurzeln. Das erste Fotoshooting war vor etwa 2 Wochen. Heute war der Drehtag für den Spot. Mehrere Agenturen, deren Namen ich nicht nennen möchte, waren beteiligt. Professionelles Set-Up, nettes Team und alle waren freundlich.
Die erste Szene war schon im Kasten. Wir waren gerade dabei, die zweite zu drehen. Kurz Standby. Team sagt mir, sie ändern schnell das Objektiv. Ich warte. Plötzlich kommt ein Vorgesetzter der einen Agentur und sagt mir, der Dreh sei vorbei. Ich könne nach Hause gehen.
Ich schaue mich verwirrt um. Niemand versteht etwas. "Wir drehen doch gerade", sage ich. "Nein, du bist fertig für heute". Meine Verwirrung in dem Moment hat überwiegt und ich habe seine unfreundliche Art ignoriert, auch als er mir sagte, ich solle meine Sachen nehmen.
Ich schnappe meine Sachen und gehe Richtung Büro, wo noch meine anderen Sachen sind. Er steht jetzt mit dem Team am Drehort, sagt ihnen etwas, achtet darauf, dass ich nicht mitbekomme.
Im Büro angekommen, betretene Stille. Ich frage, was los ist. Keiner sagt mir was.
Ich ziehe mich um. Eine freundliche Dame einer anderen Agentur nimmt mich zur Seite und sagt mir was los ist.
"Es gab einen Anruf von ganz oben, nicht vom Kunden, die meinten, Rami Ali dürfe nicht das Gesicht der Kampagne sein, er vertrete extremistische Positionen"
Ich packs überhaupt nicht. Sie versteht es auch nicht. Ich frage, woher das kommt. Sie entgegnet nur, dass sie das nicht wisse. Keiner weiß es. "Kommt von ganz oben". Sie unterstreicht, dass bei der Stadtregierung bei solchen Projekten alle zustimmen müssen...
Zwischen hysterischem Lachen, Zorn und Trauer sage ich ihr, dass ich verstehe, dass sie nichts dafür kann, ich das aber erstens nicht einfach so schlucken werde und 2) mein volles Honorar für beide Tage beanspruche.
Ich gehe noch schnell rüber, weil ich etwas vergessen hatte.
Dort angekommen trägt ein anderer Typ meine Set-Kleidung und das ganze Team ist am Weitermachen. Ich wurde in 5 Minuten ersetzt. Kaum jemand schaut mich an, wie ausgetauscht alle - bis auf wenige Ausnahmen. Könnt ihr euch vorstellen, wie sich das angefühlt hat?
Bis vor wenigen Minuten war ich noch der freundliche "Migrant",mit "so viel Energy", der nützliche Migrant... In Windeseile war ich Extremist, eine potentielle Gefahr, vor der man sich lieber distanzieren müsse... Irgendwas wird schon stimmen...So hat sich das angefühlt für mich.
Ich weiß nicht was ich sagen soll. Ich bin nicht böse oder angefressen auf die Agenturen, die mich fallen gelassen haben wie eine heiße Kartoffel, statt sich auf meine Seite zu stellen. Das ist Neoliberalismus. Rassistische Strukturen sind seine Stütze. Sie machen ihren Job..
Ich bin angefressen auf mich selbst. Weil ich das mit mir habe machen lassen. Ich fühle mich dreckig, ja missbraucht... weil ich mich dafür hergegeben habe.
Ich habe meine Lektion gelernt. Und ich werde rausfinden, wer das war und dann spielt es eine ganz andere Musik.
So oft bin ich kurz davor zu sagen, ich scheiß auf dieses Land, ich hau ab... es wird mir einfach zu viel. Die Angriffe sind meist so schädigend, tiefgreifend und "von oben", dass ich mich darüber wundere... wie und wann bin ich so wichtig geworden?
Aber dann denke ich mir, ich räume euch das Feld nicht. Dann habt ihr gewonnen.
Das ist das Dilemma eines jeden Migranten/einer jeden Migrantin. Aufzugeben und das Feld räumen - und die, die dich nicht die Angreifer gewinnen lassen... oder weitermachen und Gesundheit gefährden..
Guess what, ich wurde von mehreren aus der Agentur kontaktiert.
Es sei ihnen sehr unangenehm. Die Stadt Wien entschuldigt sich für das "Missverständnis". Nach einigen "internen Aufklärungsgesprächen" habe sich herausgestellt, dass nichts gegen meine Person einzuwenden sei."
Ich sei wieder in der Kampagne, man würde jetzt mit mir weiter drehen wollen und sei glücklich, dass das jetzt eine gute Wende hat....

Was soll ich euch eigentlich sagen? Like for real... was erwarten sich diese Menschen?
Ich akzeptiere es, weil ich Entschuldigungen immer akzeptiere. Aber die Vorgehensweise ist auf so vielen Ebenen falsch, dass ich hin und her gerissen bin, zwischen dem Anstand, eine aufrichtige Entschuldigung anzunehmen und dem Anspruch, Menschen etwas beizubringen
Ich sei ein starker Darsteller und wäre ein starkes Zeichen für die Diversität Wiens, sagt man mir. Wenn ich jetzt doch nicht mache, dann würde man in Bedrängnis kommen.
Fein, aber Wien hat mich in einer Sekunde fallen gelassen und die Agentur nicht einen Augenblick gezögert.
Ich war so lange "Wien", bis jemand aus der Ecke "Extremist" geschrien hat. Schon war ich "Gefahr". Und selbst obwohl man wusste, welche Ecke das war, hat man sich nicht dagegen gestellt. Ich solle jetzt über meine Kränkung hinwegsehen und "das große Ganze" sehen, sagt man mir.
Ich soll mich also jetzt für die da hinstellen, die mich abgeschossen haben...
Wisst ihr, wäre mir das Ganze rund um die nicht EU-Wahl so wichtig, so hätte ich mir wahrscheinlich nicht einmal die Mühe gemacht, ihre Ausreden anzuhören. Zu groß die Kränkung.
"Es tut uns leid. Wenn du jetzt nicht mitmachst, dann trifft das die Falschen"
Willkommen in meiner Welt...ich hab die Hauptrolle und bin schon oft genug "der Falsche" gewesen.
Nachdem ich sie belehrt habe, habe ich meine Bedingungen für eine Rückkehr genannt und unterstrichen, dass ich mir das noch überlegen muss.
Ich will einen Weg, bei dem Agentur und Stadt Wien was lernt und die Faschos, die intervenieren wollten, peinlich anrennen.
Der Versuch, da drüber zu stehen kostet mich verdammt viel Überwindung...Aber ich knalle Türen nicht zu, sehe das Aufrichtige in Menschen und va. lieb' ich es, Faschos zu verärgern und ihnen deutlich zu zeigen, dass sie absolut nichts zu melden haben.
Aber ja, still don't know..
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