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Für den Thread erstmal grob CNs #violence #racism #queermisia #transmisia #sexism

Ich rede jetzt mal über diesen "both sides!" Mythos, mit dem in vielen Diskursen immer wieder argumentiert wird. Das wird inhaltlich auch auf "links" und "rechts" eingehen.
Erstmal möchte ich den Gedanken anstoßen, die politischen Begriffe "links" und "rechts" zu hinterfragen oder gar aufzulösen. Beides geht auf die frz. Abgeordnetenkammer 1814 zurück, als die Parteien von Sicht des Präsidenten aus links und rechts von ihm saßen.
Links saßen Parteien, die politische/gesellschaftliche Veränderung wünschten. Rechts saßen Parteien, die den aktuellen Zustand beibehalten wollten. Also ungefähr Progressive gegen Konservative.
Heute wird mit "linker Politik" soziale Gleichheit und häufig mehr Individualismus verbunden, während rechte Politik soziale Ungleichheit beibehält und gruppenorientierten Kollektivismus anstrebt.
Das Problem ist: Links ist nicht gleich links. Rechts ist nicht gleich rechts.
Es gibt selbsterklärte Linke, die soziale Ungleichheit unterstützen. Es gibt linke Menschen, die bspw. für Frauen- oder Queererechte einstehen, dabei aber BeHinderte oder auch trans Menschen immer wieder entwerten und diskriminieren.
Ist das noch links oder eher für den Arsch?
Wir sehen also: Eine "Seite" ist so multidimensional, wie das angenommene Spektrum es bereits ist.

Aber keine Sorge, dazwischen ist ja immer noch "die Mitte" *donnergrollen*.
Es muss eine Mitte geben, wenn wir in Links und Rechts denken. Dieie Geradeaus-Fahrer im Politikverkehr.

Denken wir an 1814 zurück und setzen Parteien in die Mitte, dann stehen die für...gesellschaftliche Veränderungen, die den Status Quo aufrechterhalten.
Das trifft auf die "goldene Mitte" sogar zu und das ist nicht wirklich gut. Diese Mitte schaut immer auf ein paar Probleme und würde die gerne ändern, aber ohne ihre eigene Positionierung und den Status Quo, der ihnen gut tut, zu ändern.
In der Mitte finden sich meist (mehrfach) privilegierte Menschen.
Das "both sides!" Argument kommt meist aus der Mitte, weil die Mitte sich natürlich als rationale und neutrale Kraft dazwischen stellt. "Both sides!" kann nur 1 Mensch sagen, der selbst auf keiner Seite steht.
Zurück zum eigentlich Anlass: "Both sides" ist ein scheinheiliges Argument, wenn es um einen Konflikt geht, bei denen die Partien nicht annähernd gleichgestellt sind. "Both sides!" ist okay, wenn zwei sehr talentierte Tennisspieler*innen schummeln.
"Both sides!" ist okay, wenn Olivenesser und Olivenhasser sich gegenseitig verprügeln. Denn in beiden Fällen ist zwischen den Parteien kein Machtgefälle auf Grund der umkämpften Thematik.
Wenn aber Rechte Menschen verprügeln, weil deren Existenz ihnen nicht passt und Linke deshalb Rechte verprügeln, um diese Menschen zu schützen, dann ist das kein "both sides".
Um es ganz salopp zu sagen: "Die Nazis haben angefangen."
Würden Rechte nicht versuchen, Menschenleben zu delegitimieren und zu vernichten, müsste auch niemand gegen Rechte vorgehen.
Wenn ich rein hypothetisch auf Twitter gegen transfeindliche Feminist*innen twittere und mir gesagt wird, ich sei damit so böse und gewalttätig wie diese selbst, dann ist das falsch.
Denn trans Menschen haben sich das mit dem trans-sein nicht ausgesucht, aber sie machen das Beste daraus und sie sind so, wie sie sind. Und das ist gut so.
Transfeindliche Menschen hingegen haben sich ausgesucht, so scheiße zu sein. Es ist eine Entscheidung, trans Menschen zu diskriminieren. Es ist auch keine Transphobie im Sinne einer Angst, sondern eben Transhass und Transfeindlichkeit.
Wenn ich also transfeindliche Menschen angreife, um trans Menschen und mich selbst zu schützen, dann ist das a) Notwehr und b) könnten diese Menschen ja einfach aufhören, transfeindlich zu sein.
Wenn Transfeinde aber trans Menschen angreifen, dann ist das weder Notwehr noch können trans Menschen aufhören, trans zu sein.

Aber trans Menschen sind eine Gefahr für das transfeindliche System, welches eben jene Transfeinde aufrechterhalten wollen.
Weil es "ihnen passt".
Dieses Szenario lässt sich auf fast jede "Both sides!" Situation anwenden. Rassisten diskriminieren und verletzen und töten PoC, von denen keine Gefahr ausgeht. Diese wehren sich und boxen Nazis und es ist dasselbe Spiel wie oben.
Rassisten profitieren von einem rassistischen System und deshalb halten sie es aufrecht. PoC hingegen möchten einfach nur (über)leben. Sie haben nichts gegen Rassisten, sondern dagegen, dass Rassisten etwas gegen sie haben.
In all den politischen Diskursen, in denen es um Gruppe A gegen Gruppe B geht und irgendwo die Mitte "both sides!" schreit, geht es in Wahrheit um eine diskriminierende Gruppe A und eine diskriminierte Gruppe B.
Gruppe A, die dank Privilegien vom diskrimierenden Status Quo profitiert und Gruppe B, die keine inhärente Macht besitzt, in gesellschaftlicher Hierarchie unter Gruppe A steht und einfach nur versucht, zu überleben.

Warum ist Gruppe B jetzt also genau so schlimm wie Gruppe A?
Was macht "both sides!" also? Beide Seiten zu Täter*innen. Es enthebt die Mitte und uns alle von der Verantwortung, uns mit der Diskriminierung auseinanderzusetzen. In "both sides!" steckt auch immer ein "not my side!" mit drin.
Die "both sides!" Mitte macht selbst also keine Fehler, während alle Anderen außernrum einen irrationalen und unnötigen Krieg führen, den natürlich nur die rationale und unabhängige Mitte sehen kann.
Die meisten Menschen sind super gut darin, Verantwortung von sich selbst abzuwälzen. Dazu zählen auch ganz viele Linke, die sich links nennen, damit sie zur "besseren Gruppe" gehören und glauben, nichts mehr tun zu müssen.
Ich kann nicht schlecht oder -istisch sein, ich bin ja schon links! Nur die Rechten sind schlecht!
Es ist der linke Kampf gegen die Rechten, aber niemals der linke Kampf gegen die Linken, denn innerlinks zu diskutieren oder zu kämpfen oder auf Diskriminierung hinzuweisen, ist direkt SPALTUNG DER LINKEN.
Fun fact: Wir können nichts spalten, was niemals zusammengehörte.
Transfeindliche Linke waren nie meine Linken. Behindertenfeindliche Linke waren niemals meine Linken. Sexistische Linke waren niemals meine Linken. Islamfeindliche Linke waren niemals meine Linken.
Ich könnte ewig so weitermachen, um ehrlich zu sein, aber irgendwann dreh ich mich da auch nur im Kreis und ich möchte auch auf kein Ende oder eine Lösung hinaus.

Ich will zum Denken anregen.
Ich habe nicht gleich recht, aber ihr könnt über meine Worte nachdenken.
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