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Die Würde des Menschen oder der gehört da nicht hin.

(Über den Kampf gegen #Alltagsrassismus, #Spiel, #Macht und was alles nichts mit #Fußball zu tun hat)
Jurist*innen haben immer recht. Wirklich immer. Zumindest beruflich. Grundsätzlich kann das wohl so stehen bleiben. Eigentlich kommt es darauf an. Recht Haben und Recht Bekommen sind an sich schon zwei Paar Schuhe. Es ist ja eher kompliziert. Jurist*innen haben nicht immer recht.
Das Lösen einer Rechtsfrage gleicht einer Partie "Mensch Ärgere Dich Nicht". Nur spielt man sie gegen sich selbst. Ständig versucht eine Meinung den anderen Lösungsansatz aus der Bahn zu werfen. Erst wenn vier Kegel aufgefädelt hintereinander im Ziel stehen, ist es geschafft.
Die Meinung ist gebildet. Im nächsten Moment tritt ein weiterer Jurist hinzu und wischt mit Schwung alle Figuren vom Tisch. Grinsend raunt er einem zu: "Ober sticht Unter!" Im Recht entscheidet Macht. Wer sie hat, entscheidet. Solange bis der nächste Ober seinen Trumpf ausspielt.
In einem Rechtsstaat ist die Macht nach demokratischen Spielregeln vergeben. Sie wird an Institutionen verliehen. Nennen wir sie Gerichte. Darin wird die Macht abermals aufgeteilt und Organen zugewiesen. Organe der Rechtssprechung entsprechen dem Ideal eines gerechten Menschen.
Doch die Menschen, die berufen werden, dieses Ideal zu verkörpern, menscheln ziemlich. Ihnen überreichte das Leben die gleichen Spielfiguren und -bretter wie allen anderen. Sie lassen sich freiwillig an diesem Ideal messen und erhalten dafür Macht. Unendlich viel Macht sogar.
Sie spielen das Spiel nicht besser als die übrigen Jurist*innen. Aber sie sind die Ober. Ihr Spielfeld bleibt unberührt. während sie jenes der Verfahrensbeteiligten betrachten und überlegen, ob ihnen deren Ergebnis passt. Viele vergessen, dass sie selbst gerade mit sich rangen.
Menschen im Dienst der Rechtssprechung spielen eine Rolle. Es liegt an ihnen, wie sie es anlegen. Entweder die Persönlichkeit füllt die Rolle aus oder die Ausübung von Macht macht jemanden zur Persönlichkeit. Mit großer Macht kommt große Verantwortung. Wie wird man dem gerecht?
Denn das Organ regiert in das Leben von anderen Menschen hinein. Es gewährt oder entzieht Freiheit. Tadelt, lobt, glaubt oder misstraut. Spricht zu oder nimmt weg. Greift unabhängig, weisungsfrei und unversetzbar auf das Spielfeld zu und wirft manchmal die Figuren einfach um.
U. saß da und ich hatte ein Problem: Sollte ich meine Standard-Einleitungsfrage stellen? Üblicherweise frage ich, woher die Parteien kommen. Geographisch. Bei U. lag auf der Hand, dass die Frage falsch verstanden werden könne. Wäre seine Hautfarbe ein Grund für eine Ausnahme?
Er bemerkte mein Zögern. Müde Augen blickten verständnislos in meine Richtung. "Woher kommen Sie?" Panische Anspannung in mir. Der Würfel war gefallen. U. ließ die Frage wirken. Es schien, als würde er überlegen, wie ich das gemeint hatte. Er zeigte sich gnädig und antwortete.
Es sei dies die Frage, die ihn sein Leben lang begleite. Die Frage, die sein Leben überschatte. Er kenne die Antwort, nur interessiere sich niemand dafür. U. war ein Landkind durch und durch. Hier geboren, aufgewachsen und unglücklich geworden. Eine Chance hatte er nie erhalten.
Überall wurde zunächst seine Haut gesehen. Für die Dorfbewohner stellte sie einen Makel dar. U. rannte dagegen an. Auch das wurde gesehen. Mit einem Ball am Fuß rannte er sogar schneller als alle Kinder des Dorfes. Diese Fertigkeiten, sein Kämpferherz und Wille wurden anerkannt.
Der Fußballverein bot ihm Halt. In seiner Familie gab es ihn nicht. Der Vater wirkte auf U. ein. Geprägt von den eigenen Erfahrungen spornte er den Jungen an, mehr zu tun, besser zu werden, sich zu wehren. Als Kind sah U. dafür noch keinen Grund, wohl aber hörte er dessen Angst.
Der Vater blieb nicht an seiner Seite. U. verstand nicht, warum er ging, aber bemerkte langsam, was sein Vater gemeint hatte. Je mehr er an Statur gewann desto mehr nahm ihn seine Umgebung als Bedrohung wahr. Denn er besaß mehr Mut, Kraft und Ausdauer als viele seiner Nachbarn.
Anstatt sich damit abzufinden, schlossen die Gleichen die Reihen und reduzierten ihn auf sein Aussehen. Wo immer U. auftauchte, schlug ihm die Verachtung entgegen, die das Fremde hierzulande allzu oft auslöst. Aber U. fühlte sich nicht fremd, spielte doch Sechser im Mittelfeld.
Es reichte nie. Und die feindseligen Stimmen, die ihm ständig begegneten, gingen nicht mehr weg. Sie blieben in seinem Kopf. U. löste sich nicht mehr davon. Er ging damit ins Bett, in die Arbeit, auf den Sportplatz. Das erste Mal stieg er auf einen Dachstuhl und wollte springen.
Die Gedanken an seine Mutter und die Geschwister hielten ihn ab. Irgendetwas sollte sich ändern. U. zog sich zurück. Therapeutisch machte er alles richtig. Außer Kiffen. Er wusste, wer er sein wollte, den Weg dorthin fand U. nicht. In der Berufsschule wurde ihm es wieder zu viel.
Die Stadt verwirrte ihn. Einerseits bot sie das, was er suchte. Andererseits erkannte der junge Mann die Gefahren, denen er dort ausgeliefert gewesen wäre. Die Stimmen kamen mit einer Vehemenz, die ihn nach der Erlösung sehnen ließen. Zerstört, verwirrt und unruhig saß er da.
Ins Krankenhaus nahm er seine Gitarre mit, die er sich neu gekauft hatte. Er wollte spielen lernen. Wir unterhielten uns kurz über Musik und über das Leben als Fußballer. Nach zwei Wochen lachte U. wieder und hatte Mut geschöpft. Er weiß, dass die Welt größer ist als das Dorf.
Ich hoffe, er darf noch lange suchen. Ich hoffe, er lässt es zu, dass er suchen kann. Vielleicht spielt er dann etwas auf der Gitarre. Aber bevor ich das weiß, bleibe ich lieber bei meinem Standard-Abschiedsgruß: "Ich wünsche Ihnen, dass wir uns nicht mehr begegnen müssen."
Zur Würde des Menschen fällt mir ein: Es ist schon dings. Alles, was ich über das Leben weiß, habe ich beim Fußball gelernt. Nur über mich selbst lernte ich gar nichts. Aber die Grausamkeiten ausblenden und etwas verklären bringt uns nicht weiter.

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