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#thread Was da folgt, entspricht ausschließlich meiner persönlichen Erfahrung, Beobachtung und Interpretation zum Thema #mobbing gegen Lehrer in Schulen. Ich spreche ausschließlich in meinem eigenen Namen.
1) Mobbing mit ähnlichen Gewaltattacken gab es immer schon. Als ich 1972 in die Unterstufe des Gymnasiums eintrat gab es einen Lehrer für Psychologie und Philosophie namens Leopold P. Ein älterer sanfter Herr, der immer weiße Handschuhe trug. Dies deswegen, weil Schüler ihm /1
dereinst die Türklinke angeheizt hatten und er sich beim Eintreten in die Klasse furchtbar verbrannt hatte. Zumindest ging diese und andere Mären über ihn. Wir hatten ihn einmal in der ersten oder zweiten Klasse in einer Supplierstunde und haben uns aufgeführt wie die /2
Vollidioten bei ihm. Viel später erfuhr ich durch Umwege, dass er an diesem fortwährenden Mobbing durch Schüler persönlich furchtbar gelitten hat und förmlich daran zerbrochen ist. Mobbing von Lehrern durch Schüler ist also nicht neu. Was neu ist, dass es per Handyvideo /3
dokumentiert und verbreitet wird und nicht nur mündlich tradiert und entsprechend ausgeschmückt wird. /4
2) Wer sind die Mobbing – Opfer unter den Lehrern? Ich behaupte basierend auf meiner Erfahrung: Immer sind es Personen, die auch im Kollegium einen niedrigen sozialen Status aufweisen. /5
Die Schüler checken das. Es genügt eine gehobene Augenbraue oder ein schief grinsender Mund eines als ranghöher empfundenen Kollegen. /6
3) Selbstverständlich muss auch das soziale Gefüge der Klasse entsprechend „passen“ um Mobbing zu ermöglichen. Es bedarf eines oder mehrerer, die dominant und gleichzeitig entsprechende Soziopathen sind, um es gedeihen zu lassen. /7
Meist setzt sich das Mobbing innerhalb der Klasse nur deshalb nicht fort, weil es einen „Außenfeind“ - eben den Lehrer gibt. /8
4) Warum wird Mobbing gegen Lehrer selten öffentlich?

Weil es mit furchtbar viel Scham seitens des Opfers verbunden ist. Der Gemobbte muss sich ja eingestehen, nicht Herr (oder Frau) der Lage zu sein. Er stellt bei einer Meldung an die Direktion seine Eignung für den /9
Lehrberuf in Frage und unter Umständen seine berufliche Zukunft aufs Spiel.
Dabei spielt es sicher auch eine Rolle, dass das Verhältnis Lehrer – Schüler immer noch als Machtgefälle phantasiert wird, bei dem die Rollenverteilung klar zu sein hat, nämlich Lehrer oben und /10
Schüler unten. Dass das kein fruchtbares Lernen ermöglicht, wenn der Lehrer als „Herrscher“ empfunden wird, steht dabei auf einem anderen Blatt. Über weite Strecken ist dem im realen Unterrichtsgeschehen auch nicht mehr so. Aber auch elterliche Wertvorstellungen /11
und kollektives Bewusstsein und Unterbewusstsein spielen hier sicher immer noch eine Rolle. /12
Unter Umständen wäre es besser diese Vorfälle nicht nach außen zu kommunizieren, weil sie sonst Nachahmer finden. Die Eisenbahn kommuniziert auch die zahlreichen Suizide nicht. /13
Dort im übrigen interessanterweise im Verein mit den Medien, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind, und auch nicht darüber berichten um Nachahmungen nicht zu befördern. /14
Eigentlich könnten ja auch KollegInnen bei entsprechender Wahrnehmung Hilfestellung anbieten. Auch das geschieht häufig nicht, weil es eben auch im Kollegium eine soziale Hackordnung gibt. Wenn dann „unten“ ein gemobbter Kollege rausrutscht, /15
weil er geht/gehen muss, oder weil es konstruktiv bewältigt wird, könnte man ja auch selbst in Gefahr des Gemobbtwerdens kommen. /16
Generell könnte man in den Verdacht verfallen, dass ein entsprechend hierarchisch geprägtes Kollegium Mobbing begünstigt. Bei gelebter Transparenz in einer Gesellschaft und in einem Umfeld wird Mobbing schwieriger realisierbar sein. /17
Schulleitungen haben naturgemäß kein Interesse an schlechten Neuigkeiten. Das bringt sie selbst und vor allem die ganze Schule in ein schiefes Licht, was in Zeiten sinkender Schülerzahlen, davon abgeleitet einem Schrumpfen des unter den Lehrern verteilbaren /18
Stundenkuchens selbstverständlich kontraproduktiv ist. Auch Schulleitungen stehen unter dem Druck seitens des Lehrerkollegiums ausreichend Ressourcen bei der oberen Dienstbehörde zu „erkämpfen“. /19
5) Warum wurde nun gerade dieser Fall öffentlich?

Die Frage „coi bonum“ also „wem nützt es“ oder umgekehrt „wem schadet es und wer erscheint in schlechtem Licht“ gibt hier eine Fülle von möglichen Antworten. Das Dahinterstehen einer politischen Agenda darf in /20
Zeiten eines EU-Wahlkampfs und einer bevorstehenden Wahlschlacht um Wien nicht nur vermutet werden. /21
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