Die innenpolitische Lage scheint derzeit etwas unübersichtlich. Ich möchte eine Lanze dafür brechen, dass uns ein sozialwissenschaftlicher Blick auf die Dinge helfen kann, klarer zu sehen. #thread
Die zentrale Frage in der aktuellen Situation ist: Gibt es eine Mehrheit für einen #Misstrauensantrag gegen BK Kurz im #OeNR?
Dafür müssten sowohl SPÖ als auch FPÖ zustimmen. Zieht eine der beiden Parteien aus dem Plenum aus, gibt sie der ÖVP die Möglichkeit, das erforderliche 50%-Quorum durch Auszug zu unterschreiten. Das Stimmverhalten von Neos + Liste Pilz ist f d Mehrheitsfindung irrelevant.
Treffen wir also folgende Annahmen:

1. Eine Zustimmung zum #Misstrauensantrag hat Kosten für SPÖ und FPÖ (zB: -1)
2. Der Nutzen einer Entlassung von BK Kurz ist aber für SPÖ und FPÖ höher (zB: +2)
Unter den Kosten kann man sich vorstellen, dass beide Parteien Kritik für ihr Verhalten ernten (Stichwort „staatspolitische Verantwortung“). Der Nutzen hingegen ist, dass Kurz im Wahlkampf nicht amtierender BK wäre (d.h. weniger mediale Aufmerksamkeit, weniger Ressourcen).
Eine weitere Annahme ist, dass der BP Kurz nicht wieder zum BK ernennen würde. Wenn dem so wäre, würde sich jede Zustimmung erübrigen. Ebenso, wenn die Parteien zum Schluss kämen, die Kosten eines erfolgreichen Votums wären eigentlich größer als der Nutzen.
Wenn wir all diese Annahmen akzeptieren, dann entspricht die derzeitige Situation der spieltheoretischen namens „Hirschjagd“: de.wikipedia.org/wiki/Hirschjagd
Die Hirschjagd hat zwei Nash-Gleichgewichte (de.wikipedia.org/wiki/Nash-Glei…): Beide stimmen nicht zu und beide stimmen zu – allerdings bringt „beide stimmen zu“ beiden Parteien den höheren Nutzen (= pareto-optimal).
Was aus dieser Analyse klar hervorgeht: Der Nutzen, den SPÖ und FPÖ aus der Sache ziehen, hängt unmittelbar vom Verhalten der jeweils anderen Partei ab. Es wäre also nur logisch, wenn beide Parteien ihr Verhalten koordinieren.
In punkto medialer Berichterstattung wäre es demnach besonders interessant zu erfahren, wie intensiv hier der Austausch zwischen Rot und Blau ist. Je mehr Austausch, desto eher wird es wohl einen erfolgreichen Misstrauensantrag geben.
Wenn für beide oder eine der Parteien allerdings (der Anschein von) Koordination weitere Kosten mit sich bringt (zB weil sich d SPÖ nicht dem Vorwurf aussetzen will, gemeinsame Sache mit der FPÖ zu machen), dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Kurz im Amt bleibt.
Wir können also mit simplen spieltheoretischen Tools zwar nicht perfekt vorhersagen, was passieren wird. Aber wir können die oberflächlich etwas undurchsichtige Lage systematischer beurteilen und das Kalkül der Akteure besser nachvollziehen.
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