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Sozialarbeiter_in ist kein leichter Beruf. Er wird auch oft nicht ernst genommen: ich finde, auch nicht von sich selbst. Ein Thread über #SozialeArbeit und die Ausbildung zur Sozialarbeiter_in. (SoA_in) 1/
Mit #SozialeArbeit wird die Kombination von Sozialpädagogik und Sozialarbeit gemeint, also 1. "Erziehung" im weitesten Sinn und 2. Unterstützung im weitesten Sinn. Das ist ein ziemlich weites Feld. Es gibt den @IFSW, der eine Definition erarbeitet hat, was #SozialeArbeit ist: 2/
ifsw.org/what-is-social… Diese Definition zeigt schon viele von den Baustellen auf, die man in der Sozialen Arbeit sehen kann - gleichzeitig Praxis und Theorie, gleichzeitig SJW und doch als Sachbearbeiter_innen eingesetzt. 3/
Der letzte Konflikt wird mit dem Begriff "Doppeltes Mandat" zusammengefasst. Ein Mandat geht von der Auftraggeber_in aus, oft Staat oder die öffentl. Hand, während das andere Mandat von einer Klient_in ausgeht. Die Aufträge der Beiden können oft komplett unterschiedlich sein. 4/
Z.B.: Auf Grund der Gesetzeslage muss eine Frau in Altersarmut einen Job suchen. Die Sozialarbeiter_in muss sie dabei unterstützen. Der Job der SoA_in hängt davon ab, möglichst erfolgreich Jobs für Klient_innen zu vermitteln. Ist das *wirklich* im Interesse der Klientin? 5/
Sozialarbeiter_innen müssen daher oft im Rahmen der beschränkten Ressourcen schauen, wie sie Klient_innen 1. zu den Ressourcen bringen, die sie eigentlich brauchen. Zu den richtigen Anträgen auf Unterstützungsleistungen, Therapien, etc. Aber: Was hat die Definition gesagt? 6/
"Promotes … the empowerment and liberation of people". Das kann wohl kaum "do hom'S den Antrag, do unterschreim'S, bitt'sche, do gengan'S hin" sein. Es braucht viel mehr Respekt vor der Person, vor den Bedürfnissen, vor den tagesaktuellen Problemen. 7/
Und dann kommen wir zu der Schattenseite: einem so hohen Anspruch kann ein nicht reglementiertes Gewerbe schwer nachkommen. Grundsätzlich kann jede_r, der die Ausbildung schafft, Sozialarbeiter_in werden - solange er_sie die absurden Aufnahmetests einer FH besteht. 8/
Obwohl SoA_in ein psychosozialer Beruf mit Verantwortung ist, der mit vulnerablen Personen arbeitet, wird er oft als ein harmloser Zeitvertreib gesehen (v.a. wegen sexistischer Rollenzuschreibung in Bezug auf #Carearbeit). Aber Soziale Arbeit hat sich professionalisiert. 9/
Damit müsste einhergehen, dass sich die Ausbildung ebenfalls professionalisiert. Das hat sie, in gewisser Weise. Sie verwissenschaftlicht sie stetig. An der FH Campus Wien musste man für die 1. Runde des Aufnahmetests 2019 ~300 (!) Seiten Papers lesen. 10/
Bachelorarbeiten werden wie Masterarbeiten behandelt, gedruckt in der Bibliothek aufbewahrt, was erst vor kurzem aufgehört hat, weil die Bibliothek voll ist. Das Department spürt offensichtlich einen Drang, sich zu professionalisieren! 11/
Es gibt allerdings keinen PhD in Sozialarbeitswissenschaft. Und durch das starre FH-System ist freies Forschen während eines BA auch nicht möglich. Weil FHs vieles einfach nicht leisten *können*. Ihr Design widerspricht der freien Lehre, sie produziert für einen Markt. 12/
Auf dieser FH gibt es dann zwar einen Code of Conduct, und es wird ein Strafregisterauszug verlangt, aber das bedeutet, dass Vergehen, die nicht zu einer Verurteilung kommen, nicht zu einem Ausschluss führen. Es gibt keine Instanz, die einem die Berechtigung entziehen kann, 13/
sobald man einen Abschluss hat. Man kann nur von einer AG nicht angestellt werden, wenn man einen Eintrag nicht erklären kann. Aber wer seine Pistole im Urlaub verliert: perfekt als Sozialarbeiter geeignet. Heimliche Nacktvideos unter der Dusche? Perfekter Sozialarbeiter. 14/
Das ist unerträglich, erstens sowieso, aber es muss für alle anderen SoA_innen auch unerträglich sein, weil sie niemals vertrauen können, dass eine Klient_in, die sie weiterschicken, an eine der "guten" Kolleg_innen gerät. Vielleicht ja, vielleicht nicht. 15/
Was kann man tun? Der ÖBDS (Berufsverband) könnte damit anfangen, zusätzlich zur Ausbildung, SoA_innen - ähnlich wie Anwält_innen, Therapeut_innen, … - zuzulassen. Natürlich wäre das ein uphill battle, aber irgendwer muss anfangen. 16/
Der ÖBDS beklagt sich (zurecht), dass zuwenige Sozialarbeiter_innen Mitglied sind, und daher zu wenig Beiträge gezahlt werden. Im Moment ist er allerdings auch nicht sehr viel mehr als eine Gewerkschaft neben vielen anderen. Das könnte sich ändern. 17/
Etwa indem anonyme Meldestellen eingerichtet werden, anonyme Prüfstellen, bei denen Kolleg_innen, Klient_innen, AG Vorfälle melden können. Alles das gibt es derzeit für SoA_innen nicht. Damit SoA_innen an einen höheren Standard gehalten werden als das Strafrecht. 18/
Mehr Kontrolle von SoA_innen ist wichtig, wenn sie ernst genommen werden wollen. Wenn sie mehr sein wollen als nur Exekutive eines Systems, gegen das sie dann demonstrieren gehen. Um so mehr SoA_innen es gibt, um so dringender braucht es eine Lösung. 19/19
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