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Heute vor 8 Jahren ermordete der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik acht Menschen durch eine Autobombe in #Oslo und 69 Teilnehmer*innen eines Feriencamps der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet #AUF auf der Insel #Utøya #neverforget (Thread)
Vieles ist bekannt über den Täter, seine christlich-fundamentalistische, rassistische, muslimfeindliche, neofaschistische Ideologie nachlesbar in seinem 1500-seitigen "Manifest". Dem Täter ist immer die volle Aufmerksamkeit sicher. Bei den Opfern ist das leider nicht der Fall.
Das jüngste Opfer hieß Sharidyn Svebakk-Bohn. Sie feierte fünf Tage zuvor ihren 14. Geburtstag. In ihrer Heimatstadt Drammen sorgte sie schon mit 12 für Furore, als sie einen Protestbrief an den Bürgermeister schrieb, ein Sommercamp für Kinder nicht zu schließen.
Auch Johannes Buø verlor schon mit 14 sein Leben. Er war zusammen mit vier anderen Jugendlichen extra aus Longyearbyen, einer kleinen Bergbaustadt auf Spitzbergen, angereist. Er spielte gerne Fußball und war Judoka.
Der 18-jährige Viljar Hanssen, der ebenfalls aus Longyearbyen angereist war, wurde von fünf Schüssen getroffen, davon einer in den Kopf. Er überlebte das Massaker nur durch ein Wunder und ist seitdem auf einem Auge blind.
Während des Prozesses trug er seine Aussagen zum Teil mit Humor vor. Zu seinem nicht mehr funktionsfähigen Auge sagte er: "Das ist sehr bequem, weil ich nicht da rüber sehen kann". Da drüben saß Breivik.
Kurze Zeit später gibt er zu Protokoll: "Nachdem ich aus dem Koma erwachte, bekam ich eine Liste von meinen toten Freunden. Es war ein Schock." Den Zeugenstand soll er mit einem Lächeln verlassen haben.
Jon Olsen ist der Fährmann, der den mit Polizeiuniform verkleideten Breivik nichtsahnend zur Insel gefahren hat. Er sah mit an, wie er das Feuer eröffnete und erst den Wachmann Trond Berntsen aus einem Meter Entfernung tötete und dann seine Lebensgefährtin Monica Bøsei (45)
Bøsei war die Camp-Leiterin und wurde von allen liebevoll "Mutter Utøya" genannt. Auf der Insel war auch die ältere Tochter. Sie überlebte. Die jüngere Tochter war noch nicht angereist. Im Prozess sagte Olsen aus, dass er sich jeden Tag frage, "was ich anders hätte machen können“
Unter den Opfern war auch der 23-jährige Politologie-Student Gunnar Linnaker. Er war zusammen mit seiner 17-jährigen Schwester Hanne auf dem Camp. Als der Attentäter ganz nah war, sagte er ihr, sie solle laufen und sich verstecken. Dann trafen ihn zwei Kugeln.
Er starb einen Tag später im Krankenhaus. Sein Vater beschreibt ihn als "ruhiger Teddybär mit viel Humor und voller Liebe". Seine Schwester sagte: "Was ich weiß ist, dass er vor seinem Tod zwei anderen Mädchen das Leben gerettet hat. Mein großer Bruder, er starb als Held [...]
Aber das macht es nicht leichter auszuhalten. Meine Wunde am Kopf ist verheilt. Die an meinem Herzen wird nie heilen.“

Auf Utøya wurden 69 Menschen ermordet. 32 von ihnen waren noch keine 18 Jahre alt. 33 weitere wurden zwar ebenfalls durch Schüsse getroffen, überlebten aber.
Während ich das abtippe, kommen mir die Tränen. Es ist und bleibt unbegreiflich. Möge der Christ Breivik auf ewig in der Hölle schmoren.
Auf Breivik bezogen sich später weitere Rechtsterroristen, unter anderem David Sonboly (18), der heute vor 3 Jahren, also am 5. Jahrestag des Massakers in Norwegen, neun Menschen im Olympia-Einkaufszentrum München ermordete. Alle Ermordeten wurden als "nicht-deutsch" gelesen.
Sonboly verehrte Breivik. Er trug ein Foto von ihm als Profilbild bei WhatsApp, tötete ebenfalls mit einer Glock17 und schrieb ebenfalls ein "Manifest", dem ich an dieser Stelle keinerlei Aufmerksamkeit widmen möchte, weil es zutiefst menschenverachtend ist.
Trotz dieser Fakten und trotz dessen, dass er während einer Therapie Hakenkreuze gemalt, den Hitlergruß gemacht und sich positiv über Hitler geäußert haben soll, wird dieser Terrorakt offiziellerseits immer noch nicht als "rechtsextrem" eingestuft.
Auch der Attentäter von Christchurch in Neuseeland, Brenton Tarrant, der am 15. März dieses Jahres 51 Menschen in zwei Moscheen das Leben nahm, bezog sich auf Breivik. Er nannte ihn "Ritter Justiziar Breivik" und sprach von einer "echten Inspiration".
Laut eigenen Angaben soll er sogar Kontakt zu ihm gehabt haben, um "den Segen für meine Mission [zu] erhalten, nachdem ich dessen Mitritter kontaktiert [habe]", was aber von Breiviks Anwalt bezweifelt wird. Auch Tarrant verbreitete ein rassistisches "Manifest".
Da ist es nur eine Randnotiz, dass der AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier bei einer COMPACT-Veranstaltung "Verständnis" für Breivik geäußert haben soll, wie der "Vorwärts" 2017 berichtete: „Breivik ist aus Verzweiflung heraus zum Massenmörder geworden“ vorwaerts.de/artikel/afd-po…
In tiefer Trauer und Wut für die Opfer von Oslo, Utøya, München & allen Orten, an denen Neonazis und Rassisten Menschen aus Hass ermordet haben. Den Tätern Analyse, aber keinerlei Aufmerksamkeit, den Betroffenen und Hinterbliebenen Gedanken, Gedenken und tiefe Solidarität.
@threadreaderapp please unroll
@threadreaderapp Eine beeindruckende Porträtserie der Fotografin Andrea Gjestvang über die Überlebenden von Utoya: tagesschau.de/multimedia/bil…
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