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#Höcke habe ein "linkes Wirtschafts- und Sozialprofil", Höcke sei "linksnational und kollektivistisch unterwegs" - Ein bisschen Nachhilfe in Sachen Ideologiegeschichte für @ulfposh und @christiansoeder, weil diese erschreckende Analyseunfähigkeit ein großes Problem ist (Thread)
Höcke steht in der ideologiegeschichtlichen Traditionslinie eines völkischen "Antikapitalismus", also eines (vermeintlichen) Antikapitalismus von rechts. Dieser "Antikapitalismus" ist aber weder links noch stellt er eine materialistische Kritik der Verhältnisse dar (1)
Er ist viel mehr eine banale Kommunikationsstrategie, andere Wähler*innen-Gruppen anzusprechen, er ist und war - historisch - vor allem aber ein weiteres Ideologiegerüst, Antisemitismus salonfähig zu machen bzw. dessen Basis zu verbreitern (2)
Innerhalb der NSDAP gab es seit ihrem Bestehen einige inhaltliche Auseinandersetzungen über das Verhältnis zum Kapitalismus. Im Parteiprogramm, dem sog. "25-Punkte-Programm", vom 24. Februar 1920, wurde völkischer "Antikapitalismus" programmatisch institutionalisiert (3)
Im Punkt 11 formulierte die NSDAP den Willen zur "Brechung der Zinsknechtschaft". Dies geht auf Gottfried Feder zurück, der 1919 das "Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes" verfasste. Im Punkt 18 wurde die Todesstrafe für "Wucherer und Schieber" gefordert (4)
Gottfried Feder, einer der wichtigsten NS-Wirtschaftstheoretiker, bezeichnete diesen Punkt selbst als „Herzstück des Nationalsozialismus“, die „stählerne Achse, um die alles sich dreht“. Im Zentrum des völkischen "Antikapitalismus" steht der Antisemitismus (5)
Feder unterschied, wie alle Nationalsozialisten, in "raffendes" und "schaffendes" Kapital. Während das "schaffende" Kapital nichts Schlechtes an sich habe, das gute, deutsche Industriekapital, sei das "raffende" Kapital gierig, schmutzig und schlecht (6)
"Raffendes Kapital" als antisemitischer Code für "jüdisches Großkapital", um dem antisemitischen Narrativ von der Weltverschwörung der "Hochfinanz" noch mehr Futter zu geben. Anknüpfen konnte das an sehr alte antisemitische Stereotype vom "gierigen" Juden, dem "Wucherer" (7)
oder dem "Blutsauger", der parasitär sich in die "Volksgemeinschaft" einnistend dieser das Blut, das Leben mit seiner Wucherei aussauge. Das NSDAP-Programm war generell durchzogen von Antisemitismus, aber der Wirtschaftsteil ist an dieser Stelle besonders interessant (8)
1934 schrieb Feder, der zu diesem Zeitpunkt Reichskommissar für das Siedlungswesen war, das Buch "Die organische Volkswirtschaft". In einem Interview von 2014 sagte Höcke „Ich bin für eine organische Marktwirtschaft“ (9)
@AndreasKemper stieß darauf, dass der Begriff "organische Marktwirtschaft" nur zwei Mal Verwendung fand: In einem NS-Text aus dem Jahr 1936 und in einem Text eines gewissen "Landolf Ladig" aus dem Jahr 2012 über das Dorf Bornhagen, zufälligerweise Ladigs, äh, Höckes Wohnort (10)
Dass die Nationalsozialisten, die programmatisch alles mögliche, was Kommunist*innen und Sozialist*innen populär gemacht hatten, übernahmen, hielt sie dann nach der Machtübergabe 1933 nicht davon ab, sofort abzukehren von ihrem "Antikapitalismus", der eben keiner war (11)
Es blieben die völkischen Bestandteile, es blieb lediglich der sich gegen Jüdinnen und Juden richtende antisemitische "Antikapitalismus", der sich z.B. darin ausdrückte, Unternehmen und Geschäfte von Juden zu "arisieren". Davon profitierten u.a. Unternehmen wie Bahlsen (12)
Innerhalb der AfD gibt es derzeit inhaltliche Richtungskämpfe zwischen neoliberal-marktradikalen Vertretern, deren Hauptstichwortgeber allerdings längst die Partei verlassen haben (Lucke, Henkel), und den Völkischen rund um Höcke (13)
Die sie einende historische Traditionslinie ist klar, die Kommunikationsstrategie, an populäre linke, sozialistische Forderungen zum Schein anzuknüpfen, ist historisch bekannt. Das macht sie aber nicht zu "Linken". Und dass völkische Ideologie die totalitäre Vervollkommung (14)
eines rechten Kollektivismus ist, der von der Erschaffung einer reinen, bereinigten - durch Mord - "Volksgemeinschaft" träumt, dürfte eigentlich auch bekannt sein, möchte man meinen. Ich finde es, gelinde gesagt, erschreckend, dass dieses Wissen bei Poschardt und Soeder (15)
offenbar nicht vorhanden ist. Eine andere Erklärung für diese katastrophalen "Analysen" wäre, sich davon politisch etwas zu erhoffen, Faschisten wie Höcke als "links" zu labeln. Es ist halt nur irre gefährlich. Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass das auch durchdringt (16)
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