, 48 tweets, 32 min read Read on Twitter
Guten ... äh ... Mittag, Twitter. Ich habe euch nicht vergessen, bin aber gerade mitten in einer wichtigen Lektüre. Den Artikel stelle ich euch nachher vor. Es geht um die Schwierigkeit, Mythen und Falschinformationen richtigzustellen. Das Phänomen begegnet mit sowohl bei der
... @iqwig-Arbeit als auch in Zusammenhang mit der #Klimakrise. So gibt es bei Twitter inzwischen Fake-Accounts, die unter der Fridays-for-Future-Flagge segeln, aber krudes rechtes Zeug verbreiten. Die Richtigstellungen erreichen längst nicht alle, die das Zeug liken und
@iqwig ... retweeten. #Debunking ist äußerst mühsam, bindet Kräfte, ist oft ineffizient - und kann sogar zur Weiterverbreitung von gefährlichem Unsinn beitragen. Dazu nachher mehr.
@iqwig So, es geht los. Vorweg: Ich stehe vor einem didaktischen Dilemma. Ich will über die Gründe für die Langlebigkeit und weite Verbreitung von #Falschinformationen und wissenschaftlichen #Mythen schreiben sowie über die Schwierigkeiten von #Debunking und #Debiasing. Eine der
@iqwig wichtigsten Erkenntnisse aus der Kognitionspsychologie und den Kommunikationswissenschaften zu diesem Thema: Um etwas zu widerlegen oder richtigzustellen, muss man es zunächst benennen und dann (begründet) negieren: 2+2=5 - nicht! Hängen bleibt bei den Rezipienten oft nur: 2+2=5.
@iqwig Seid gewarnt: Ich nenne hier gleich Effekte und vermeintliche Fakten, die sich als unhaltbar erwiesen haben. Passt bitte auf, dass ihr euch nicht das Falsche einprägt. :-) - Solche Vorab-Warnungen sind der Forschung zufolge eine der ganz wenigen Möglichkeiten, das zu verhindern.
@iqwig Ich haben vorhin diese interessante Arbeit von letrud und Hernes gelesen: "Affirmative citation bias in scientific myth debunking: A three-in-one case study", journals.plos.org/plosone/articl…. Sie haben herausgefunden, dass ein viel kritisierter, vermutlich nicht haltbarer Effekt durch
@iqwig wissenschaftliche Publikationen weiter verbreitet wird, die andere Fachartikel zitieren, in denen der Effekt kritisiert und angezweifelt wurde. Es geht um den sog. #Hawthorne-Effekt, s. de.wikipedia.org/wiki/Hawthorne…. Seht ihr? In der Wikipedia wird er als gegeben dargestellt und erst
@iqwig in einem kurzen Abschnitt weiter unten ansatzweise kritisch eingeordnet. 🧐 So auch in der überwältigenden Mehrheit der Publikationen, die Letrud und Hernes ausgewertet haben: Deren Autoren stellen den Hawthorne-Effekt als gegeben dar und berufen sich dabei auch noch auf die
@iqwig drei hochwertigen kritischen Arbeiten, deren Autoren den Effekt eigentlich stark in Zweifel ziehen. 🙄 Das entmutigende Fazit: "The findings not only demonstrate that the three efforts at criticizing the Hawthorne Effect to varying degrees were unsuccessful, but they also ..."
@iqwig "... suggest that if the intention behind the critiques were to reduce the frequency of affirmations of the claim in the scientific corpus, they may have achieved the very opposite." Puh. Das ist in der Literatur als Bumerang-Effekt bekannt. Beschrieben wird er z. B. in einer
@iqwig ... hervorragenden Arbeit, die ich vor einigen Jahren gelesen und für die @iqwig-Kolleg*innen auch grafisch aufbereitet habe, weil sie für die Kommunikation von Gesundheitsinformationen so wichtig ist: S. Lewandowsky et al. 2012, "Misinformation and Its Correction: ..."
@iqwig "... Continued Influence and Successful #Debiasing", dornsife.usc.edu/assets/sites/7…. Ich kann sie nur empfehlen; man lernt daraus wirklich was fürs Leben! Die Autoren haben auch ein kleines Handbuch für Wissenschaftskommunikatoren daraus entwickelt, das ich aber bei weitem nicht so gut
@iqwig fand. - Im Folgenden zeige ich euch Teile der Präsentation, die ich damals für einen "Journal Club: Evidenzbasierte Kommunikation" im IQWiG gemacht habe, der leider aus Zeitmangel eingegangen ist. Hier zunächst eine Inhaltsübersicht zu Lewandowsky et al.
@iqwig Warum ist #Debiasing, also das "Entzerren" verzerrter Darstellungen, so schwierig? Unter den Beispielen der Autor*innen für hartnäckige Falschvorstellungen wähle ich hier zwei aus dem Gesundheitssektor.
@iqwig 1. Der längst widerlegte (!), vermeintliche (!) Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus: Noch 2002 glaubten 20-25% der Öffentlichkeit daran; weitere 39-53% hielten beide Seiten der Debatte für gleich überzeugend. Auch viele Ärzte und Pflegekräfte hielten daran fest!
@iqwig 2. Listerine: In den USA hat die Werbung über 50 Jahre lang fälschlich (!) behauptet, die Mundspülung helfe gegen Erkältungen. Nach verlorenem Rechtsstreit gab es eine große Widerrufskampagne. Dennoch halten sehr viele Käufer an der vermeintlichen medizinischen Wirkung fest.
@iqwig Falschinformationen richtigstellen ist also schwer. Zum einen aufgrund unserer individuellen Kognition: Einmal aufgenommene Information ist "klebrig". Zum anderen
erreichen Widerlegungen meist nur einen Teil der Zielgruppe, die dem Irrtum aufgesessen ist oder ihn aktiv pflegt.
@iqwig Warum Falschinformation trotz energischer Richtigstellungsversuche so stark und lange nachwirkt, versuchen zahlreiche Forscher*innen in der Psychologie, den Kommunikationswissenschaften und der Soziologie zu verstehen - sozusagen auf der Mikro-, der Meso- und der Makroebene.
@iqwig Warum die Mühe; wieso die Leute nicht im Irrglauben belassen? Erstens, so Lewandowsky et al., schaden sie nicht nur sie selbst, sondern auch ihrem Umfeld (Bsp.: Impfungen der Kinder). Zweitens drohen im worst case verheerende politische und gesellschaftl. Mehrheitsentscheidungen.
@iqwig Auch Unkenntnis kann schaden, aber wohl weniger als falsche Überzeugungen: Wer sich seiner Ahnungslosigkeit bewusst ist, folgt einfachen Heuristiken, die oft gut funktionieren (z.B. Experten fragen), und argumentiert weniger vehement als Leute, die sich für gut informiert halten.
@iqwig Im 3. Teil ihrer Arbeit stellen Lewandowsky et al. Quellen von Falschinformationen vor. Aktuelle Nachrichten müssen während eines laufenden Ereignisse zwangsläufig oft korrigiert werden. Auch Wissenschaft schreitet inkrementell durch Widerlegungen voran. In beiden Fällen ist
@iqwig ... falsche Information unvermeidlich und unbeabsichtigt. Weitere Quellen von Falschinformationen sind Gerüchte und fiktive Werke, Aussagen von Regierungen und Politikern, Vertreter von Partikularinteressen (einschließlich der Wirtschaft, aber auch NGOs) sowie die Medien.
@iqwig /// Kleiner Einschub: Zu den Vertretern von Partikularinteressen gehören leider auch medizinische Fachgesellschaften. @irishinneburg hat dazu vor einigen Tagen einen Rant geschrieben, den ich sehr gut nachvollziehen kann: medizinjournalistin.blogspot.com/2019/09/eminen… ///
@iqwig @irishinneburg /// Fortsetzung folgt; jetzt muss ich erst mal 2 Liter Milch zu Joghurt verarbeiten. 🐄🥛 ///
@iqwig @irishinneburg Weiter geht's. Gerüchte: Weitergegeben wird offenbar v. a. das, was emotionale Reaktion (Abscheu, Angst, Glück) auslöst. Social Media sind da ein Verstärker. Viele Falschinfo-Verbreiter sind keine Lügner i.e.S., sondern glauben aufrichtig an die Richtigkeit (Bsp. Impfgegner).
@iqwig @irishinneburg Die Übernahme von Falschinformation aus Spielfilmen, Romanen etc. wurde von E. J. Marsh in einigen Studien untersucht: Selbst explizite Hinweise auf die Fiktionalität helfen kaum. Fatal: Falschvorstellungen des wiss. Forschungsstands zum #Klimawandel in dem Roman "State of Fear"
@iqwig @irishinneburg von Michael Crichton wurden sogar als angebliche wissenschaftliche Belege vor einem Komitee des US-Senats vorgetragen. 🤯
@iqwig @irishinneburg Wenn Autoritäten wie Regierungen Falschinfos in die Welt setzen, dringen Widerrufe oder Widerlegungen wie der Duelfer Report bei der Frage der Massenvernichtungswaffen im Irak schlecht durch: Viele Bürger*innen glauben noch lange weiter daran.
@iqwig @irishinneburg Ähnlich bei den "Death Panels", die Sarah Palin gegen Obamas Krankenversicherungspläne ins Feld führte. Die Öffentlicheit ist sich zwar bewusst, dass Politiker nicht immer die Wahrheit sagen; sie erkennt Falschinfos trotzdem nicht sicher, sodass sie sie weiterverbreiten können.
@iqwig @irishinneburg Lobbyismus, NGOs: Einer Studie zufolge hatten die Autoren von über 90% der 1972-2005 erschienenen "umweltschädenskeptischen" Bücher Verbindungen zu konservativen Thinktanks. Aber auch Greenpeace usw. akzeptieren peer-reviewed science oft nicht, wenn die Ergebnisse nicht passen.
@iqwig @irishinneburg In den Medien trägt der falsch verstandene Anspruch, "ausgewogen" zu berichten, oft zu einer massiven Verzerrung der Wahrnehmung bei - etwa bei nicht evidenzbasierten Therapien oder wiederum beim Thema Klimawandel.
@iqwig @irishinneburg Die veränderte Medienlandschaft mit ihren vielen Sendern, Blogs usw. kennt kaum noch "Straßenfeger", die wirklich *jeder* guckt, und keine Gatekeeper. Das trägt zu einer Fragmentierung und Polarisierung und damit Immunisierung gegen Korrekturen von Falschvorstellungen bei.
@iqwig @irishinneburg Vorschau auf die nächsten 4 Abschnitte von Lewandowsky et al: Wie versuchen wir, Richtigkeit einzuschätzen? Warum wirkt Falsches so lange nach, warum gehen Korrekturen schief? Wie kann man Falschinfos erfolgreich korrigieren? Welche Rolle spielen Weltbilder und Ideologien dabei?
@iqwig @irishinneburg Einigen Kognitionsmodellen zufolge muss man eine Aussage zumindest vorübergehend als wahr ansehen, um sie überhaupt zu verstehen - auch wenn sie negiert wird.
@iqwig @irishinneburg Um erkennen zu können, dass eine Aussage falsch ist, müssen wir skeptisch sein. Das verlangt hohe Aufmerksamkeit, eine deutliche Unplausibilität der Aussage oder ein starkes Misstrauen vorab. Unsere kognitive "Werkseinstellung" ist Vertrauen; Skepsis kostet Extra-Energie.
@iqwig @irishinneburg Im Alltag gibt es 4 Kriterien zur Einschätzung der Wahhaftigkeit einer Aussage, im Uhrzeigersinn: Kompatibilität mit dem, was wir schon wissen, Kohärenz der Erzählung, Glaubwürdigkeit der Quelle und die Meinung anderer Menschen.
@iqwig @irishinneburg /// Fortsetzung folgt; erst mal kochen. (Ja, gut beaobachtet: Bei mir dreht sich viel ums Essen! 👩‍🍳🍲 😍) ///
@iqwig @irishinneburg Kompatibilität: Sobald eine Information in die interne Wissensdatenbank integriert wurde, sitzt sie fest. Je leichter die Information zu verarbeiten ist, desto lieber wird sie unkritisch angenommen. Das gilt sogar für Äußerlichkeiten wie die Lesbarkeit: Kontrastreich dargestellte
@iqwig @irishinneburg Falschaussagen werden eher akzeptiert, da die Aussage mühelos verarbeitet werden kann. Ist der Kontrast schwach, springt das "langsame Denken" an: Man muss sich Mühe geben, die Aussage zu lesen, und prüft sie dann auch inhaltlich kritischer.
@iqwig @irishinneburg Kohärente Informationen, etwa eine gut erzählte, in sich stimmige Geschichte, werden eher als wahr akzeptiert.
@iqwig @irishinneburg (Das sollte übrigens ein Laser sein im letzten Bild. 😁) Ist ein Teil der Story unwahr und versucht man das zu korrigieren, stößt man auf Widerstände - es sei denn, man bietet ein mindestens ebenso kohärentes Gegen-Narrativ an.
@iqwig @irishinneburg Die Glaubwürdigkeit einer Informationsquelle ist oft schwer einzuschätzen. Und selbst wenn man zunächst mit abspeichert, ob die Urheberin einer Aussage eine echte Expert*in ist oder nicht, geht diese Zusatzinfo leicht verloren. Zudem sorgt bloße Wiederholung für Glaubwürdigkeit.
@iqwig @irishinneburg Menschen orientieren sich daran, ob andere ringsum etwas für wahr halten: an sich eine sinnvolle, kognitiv sparsame Heuristik, aber man kann in beide Richtungen falsch liegen. Im Irakkrieg 2003 war eine breite Mehrheit in den USA für ein multilaterales Vorgehen, glaubte aber,
@iqwig @irishinneburg sie wäre in der Minderheit („pluralistic ignorance“). Die Minderheit der Falken wiederum wähnte sich in der Mehrheit („false-concensus effect“). Solche Irrtümer können wirkmächtig werden, wenn die Fraktionen entsprechend vorsichtig bzw. selbstbewusst auftreten.
@iqwig @irishinneburg Mangels weiterer Zeichnungen springe ich gleich zum Fazit.
Bis heute wurden nur drei Faktoren identifiziert, die eine Richtigstellung etwas wirksamer machen:
1. Warnung vorab ("Gleich kommt was Falsches!"),
2. Wiederholung der Korrektur,
3. Lückenloses alternatives Narrativ.
@iqwig @irishinneburg Das heißt: Das nach wie vor beliebte Format "Mythos vs. Wahrheit" ist kontraproduktiv, weil es die Mythen bzw. Lügen oder Falschinformationen nicht korrigiert, sondern durch Wiederholung vertrauter macht und so stärkt.
@iqwig @irishinneburg Das versuche ich bei jeder Form von #Wissenschaftskommunikation zu beherzigen. Z. B. stelle ich Bücher von #Klimawandelleugnern nicht unter Autoren- und Titelnennung vor, sondern arbeite nur Kriterien heraus, wie jede*r den Unsinn selbst erkennen kann. // Thread Ende. Gute Nacht!
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