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Ich staune darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit nun "gelockert" und "geöffnet" wird, obwohl Zehntausende aktiv mit Corona infiziert sind.

Einige -nur halb ernst gemeinte- Gedanken zur Dramaturgie des Lockdowns, dem Weg in die Unterwelt und der Sehnsucht nach Auferstehung.
Dieser Tweet bietet keine sozialpsychologischen Corona-Erklärungsmuster, sondern spielt mit der Frage, welches innere Drehbuch Menschen evtl. durch die Krise führt. Literaturwissenschaftler bin ich auch nicht.

Lest ihn als Unterhaltung und verzeiht das generische Maskulinum.
Während der Pandemie hörten wir von vielen Fakten, der Kopf ist gut versorgt. Doch es ist oft der Instinkt, der unser Handeln bestimmt. Und unsere Bäuche reagieren seltsam. Es wurde gehortet, dramatisiert, verharmlost, geschlossen, geöffnet. Corona-Partys und Twitter-Konzerte.
Mit welchem emotionalen Drehbuch gehen wir durch die einzigartige Corona-Krise? Was gibt Orientierung, schützt uns vielleicht vor Panik oder Verzweiflung? Es sind vielleicht innere Kompasse, die uns durch die Dunkelheit führen. Inspiration finden wir in Märchen und Mythen.
Wir lieben Märchen und Mythen. Ihre Logik, ihre Wendungen, ihren Takt können wir häufig vorausahnen. Dies merken wir im Kino. Wir spüren, wann der endgültige Sieg des Helden ansteht. Diesen Urmythos ("die Heldenreise") erleben wir in Filmen und Büchern wieder und wieder.
So wie der Held der Sage in die Unterwelt steigt, um den Feind zu besiegen, ist auch der Weg durch die Pandemie eine Reise in die Unterwelt. Wir haben die Welt hinter uns gelassen, die wir kannten. Kaum etwas ist wie vorher. Gewissheiten sind dahin. Die Reise hat begonnen.
Auch der Held des Urmythos verweigert sich zunächst dem Weg in die Unterwelt, will den Ruf nicht hören. Er will weiterleben wie bislang. Luke Skywalker will Tattoine zunächst nicht verlassen, Bilbo will im Auenland bleiben. Ohne Ansporn und Hilfe kommen sie nicht fort von hier.
Der Held braucht Helfer und Ratgeber, geheimnisvolle Mentoren. In Buch & Film heißen sie Aragorn, Hagrid, Obi Wan. Auch Virologie-Professoren können diese Funktion erfüllen (& tun es weltweit). Sie bereiten den Helden darauf, was er zu tun hat. Damit er die Schwelle übertritt.
Sobald der Held des Mythos die fremde, gefahrvolle Welt betritt, häufen sich die Herausforderungen. Ihm wird klar: Es gibt kein Zurück. Nur noch ein Vorwärts ins Dunkle und Unbekannte. Die Gefahr ist noch größer als gedacht. Er muss alle Zweifel überwinden und voran gehen.
Am tiefsten Punkt der Heldenreise in die Unterwelt wartet die größte Gefahr. Es ist ein Kampf um Leben & Tod, körperlich & spirituell. Bilbo Beutlin verirrt sich in Höhlen, trifft sein dunkles Gegenüber. Er siegt, tritt ans Licht mit dem "Schatz" in der Westentasche. Gerettet!
Die Erzählung über die aktuelle Corona-Welle lässt oft anklingen, wir hätten das Schlimmste nun irgendwie überstanden. Das Erleben der dunkelsten Stunde ist zentraler Punkt des Urmythos: Der Held verwandelt sich, erlangt das kostbarste Wissen. Er kehrt stärker zurück als je zuvor
Zum Urmythos gehört nicht nur die Konfrontation mit äußeren Gegnern (Drachen, Sithlords, dem Virus), sondern auch der Sieg über sich selbst. Der Held lernt Bescheidenheit, Mut, Selbstdisziplin. Es ist auch ein Sieg des Inneren, so wie die Pandemie v.a. eine innere Prüfung ist.
Sogar die Verweigerung der Rückkehr ins alte Leben ist nach J. Campbell Teil der "Heldenreise". Erneut muss eine Schwelle überschritten werden, wieder treten Mentoren und Helfer auf. Genau dies scheint gerade geschehen zu sein: Die "Lockerungen" wurden erkämpft! Es ist Zeit!
Die Rückkehr des Helden in die Oberwelt ist meist gefahrvoll. Doch wir Leser und Zuschauer wissen: Er wird es schaffen. Luke Skywalker entkommt dem Todesstern. Frodo wird am Schicksalsberg gerettet. Dies ist der Mythos, den wir alle verinnerlicht haben. Das Gute wird obsiegen.
Kehrt der Held aus der Reise in die Unterwelt zurück, ist er geläutert. Er ist nun "Meister aus zwei Welten" (siehe Neo aus "Matrix"), er verfügt über mächtiges Wissen. Ihm droht keine Gefahr mehr. Der Leser darf aufatmen, der Kinogänger weiß: gleich ist der Film zu Ende. Puh!
Und das ist mein Verdacht: Dass es vielen Menschen so vorkommt, als sei diese mythische Schlacht geschlagen, als kehrten wir nun geläutert und gestärkt ans Licht zurück. Dieses Bauchgefühl ist nachvollziehbar. Leider nicht durch Fakten gedeckt. Aber emotional gut nachvollziehbar.
Der innere Weg durch die erste Covid-19-Welle als unbewusste mythische "Heldenreise" durch die Unterwelt? Darf man das so ausdrücken oder ist das geschmacklos?

Ich finde, man darf. Und ich habe einen guten Grund.
Auf meinem bisherigen Weg durch die Pandemie bin ich viel Rücksichtnahme und Fürsorge begegnet, aber auch bitteren Auseinandersetzungen, Schuldzuweisungen, Besserwisserei. Auch bei mir selbst habe ich das bemerkt. Dieser Thread soll etwas zur Versöhnung der Gegensätze beitragen.
Ich gehe davon aus, Menschen handeln nicht bewusst "leichtsinnig" oder "rücksichtslos", sondern weil sie die Gefährdungslage aufgrund ihrer Erfahrungen, ihres inneren Drehbuches eben so (oder so) einschätzen. Jeder sucht seinen Weg, um nicht zu verzweifeln. Jeder sucht Hoffnung.
Wer sich nun, am Ende der ersten Covid-Welle, als Rückkehrer aus einer schrecklichen Welt von Angst und Isolation erlebt und das ganz normale Leben wieder feiern möchte, hat mein Verständnis.

Auch wenn ich die Lage fundamental anders einschätze. Wir sind noch lange nicht zurück.
In der Pandemie sind alle reizbarer. Achtgeben sollten wir mit den Schuldzuweisungen, den gegenseitigen Anklagen, dem sich verantwortlich Machen ("Die Bremser! Die Leichtsinnigen!"). Wer jetzt bei Ikea frühstücken will, braucht keine harten Vorwürfe, sondern Geduld & Erklärungen.
Wichtig ist, dass wir uns gegenseitig Anerkennung spenden. Es ist so viel geschafft, mehr als sich die meisten zugetraut hätten. So viele sind über sich hinausgewachsen. Es ist Zeit innezuhalten, zu loben und über das Erreichte zu staunen.

Ehe die Mühen weitergehen werden.
Um meine Corona-Analogie mit Tolkien zu beenden: Der Ring ist noch lange nicht vernichtet. Die Gemeinschaft des Rings hat Moria verlassen. Es war hart.

Das erste Buch war bislang ganz schön dick. Aber da liegen noch zwei Bände im Regal, und da müssen wir leider auch noch durch.
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