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Guten Tag, hier spricht die Wissenschaft. Die Talkshowanfragen sind bisher nicht allzu zahlreich, daher Zeit, um etwas zu #Kitaöffnung und Forschung zu sagen.
Aber Achtung, das wird denen nicht gefallen, die Forschungsergebnisse wollen, UM Kitas so schnell wie möglich zu öffnen.
Epidemiologisch qualifiziert bin ich nur durch den Intensivkurs Corona der letzten Monate. (Hauptächlich @c_drosten und Michael Meyer-Hermann, dazu @bopanc, @JakobSchlandt und @economist).

Aber was ich ziemlich gut verstehe, ist Wissenschaftslogik.
Forschung (zumindest ein guter Teil davon) funktioniert in der Regel so:
Es gibt ein Problem. Über das Problem gibt es Annahmen, mehr oder weniger offensichtliche Fakten, einen Forschungsstand und offene Fragen, die man beantworten will.
Von den Antworten ausgehend können wir politische Empfehlungen formulieren. Wir müssen es aber nicht. Wir können sie der Politik vorlegen und sie entscheiden lassen.
Zu bedenken ist dabei:
Ein Problem ist eine Diskrepanz zwischen einem Sachverhalt und unseren Werten. Wissenschaft ist also durch unsere persönlichen Positionen beeinflusst und nicht neutral. (Ja, manche sehen das anders).
Was folgt daraus für die #Kitöffnungen?
🔸Der Sachverhalt: die Kitas (und Schulen) sind geschlossen.
🔸Nur einige Werte: körperliche Unversehrtheit, Arbeitsschutz, Bildung, Spielen, soziale Kontakte, Förderung, Vereinbarkeit, Gleichberechtigung, gewaltfreie Erziehung
🔹Das Problem: Wir haben eine Pandemie.
Werden die Kitas geöffnet, könnte das für unsere Kinder, andere Kinder, ihre Erzieher/innen, uns und andere Menschen bedeuten, dass sie krank werden, schlimmstenfalls sogar sterben.
🔹Bleiben sie geschlossen, ist die Mehrfachbelastung für berufstätige Eltern nicht zu bewältigen und die Kinder leiden (u.a.) unter dem Mangel an Kontakt zu anderen Kindern und an Aufmerksamkeit, die ihnen die Eltern in dieser Situation nicht bieten können.
🔹Einig sind sich vermutlich alle darin, dass Kinderbetreuung gut ist (wann hat sich in Dtl eigentlich dieser Konsens herausgebildet?). Und dass die aktuelle Situation schwierig, um nicht zu sagen unerträglich ist.
🔹Deshalb scheinen wohl so viele Positionen, die mir dazu begegnen, vom Wunschdenken – Kitas so schnell wie möglich öffnen – geleitet zu sein.
🔸Darin scheinen OFT zwei Annahmen (Hoffnungen) über #Kinder und #Corona durch:
1⃣Dass Kinder irgendwie immun sind, sich also nicht anstecken können.
2⃣Oder, wenn sie schon nicht immun sind, dann wenigstens nicht ansteckend.
🔸Die offene Frage mit Blick auf die Kitaöffnungen ist also: stimmen diese Annahmen? Was sind die bekannten Fakten? Was sagt der Forschungsstand?
Annahme 1⃣ ist eindeutig widerlegt. In Deutschland haben sich gut 4500 Kinder unter 15 Jahren angesteckt, gut 1300 von Ihnen unter 4 Jahren. Obwohl Kitas und Schulen seit Mitte März geschlossen sind.
corona.rki.de
Annahme2⃣(Kinder stecken niemanden an): Die einen sagen so, die anderen so.

Die einen sehen keinen Grund, warum Kinder weniger ansteckend sein sollten. Weil sie häufiger unbemerkt krank sind, geht von ihnen ein höheres Risiko aus, weil sie weiterhin Kontakte haben.
Die anderen argumentieren, es seien keine Fälle bekannt, wo Kinder jemanden angesteckt haben. Abgesehen davon, dass nicht klar ist, wie man das wissen kann, ist hier wieder daran erinnert, dass Kitas und Schulen seit Mitte März geschlossen sind.
➡️Dadurch ist es per se wahrscheinlicher, dass sich Kinder im Haushalt von ihren Eltern als woanders anstecken. Und es ist unwahrscheinlicher, dass sie die ersten sind, die das Virus in die Familie bringen.
Heißt: Annahme 2 KANN sich zwar noch als richtig herausstellen, aber im Moment gibt es dazu keine sichere Aussage (und widersprüchliche Studienergebnisse).
Wenn also unser Ziel weiterhin ist, die Pandemie einzudämmen UND Kinder UND Eltern UND das Kitapersonal zu schützen, sollten wir uns besser daran orientieren, dass Kinder ansteckend sind (sicher) und dass sie andere anstecken können (wahrscheinlich).
Wenn die Forschung tatsächlich zeigt, dass Kinder das Virus nicht übertragen: Halleluja, off to Kita you go, kids! 💃💃💃

(Äh, nein: dann können wir die Kitas schrittweise vorsichtig öffnen, um das Ansteckungsrisiko für unsere nicht immunen Kinder zu minimieren).
Solange das nicht der Fall ist, müssen wir unter der Annahme operieren, dass Kitaöffnungen ein Risiko für alle Beteiligten sind, weil sich dort die Hygienemaßnahmen, die Erwachsene einhalten können (Abstand + Maske + Händewaschen) nicht umsetzen lassen.
Das heißt: natürlich brauchen wir Forschung zur Rolle von Kitas. Das heißt aber nicht, dass man die Ergebnisse, die diese Forschung bitte erbringen soll, VORAB POLITISCH definiert.
Und das heißt auch nicht, dass man JETZT SCHON Entscheidungen so trifft als seien die Wunschergebnisse bereits da. Das sind sie nicht – und wir wollen vielleicht besser nicht riskieren, mit unserem in der Not begründetem Wunschdenken falsch zu liegen.
P.S. Ich bin auch #Coronaeltern – mit Schulkind, Kitakind und Baby. Und ich glaube, dass uns allen, Eltern und Kindern, gerade weil wir besonders betroffen sind, geholfen wäre, wenn wir die Pandemie schnell in den Griff kriegen. /Ende
* grrr. Hier muss es heißen: dass sich Kinder selbst anstecken können (sicher) und dass sie auch andere anstecken können(wahrscheinlich).
KORREKTUR. Weiter oben muss es heißen: Wenn also unser Ziel weiterhin ist, die Pandemie einzudämmen UND Kinder UND Eltern UND das Kitapersonal zu schützen, sollten wir uns besser daran orientieren, dass SICH KINDER ANSTECKEN (sicher) und dass sie andere anstecken können (wahrsch)
Weiter zur Frage, wie ansteckend Kinder sind. Die Viruskonzentration ist bei Kindern nicht niedriger als bei Erwachsenen, sagt das Team um @c_drosten.

➡️Es ist plausibel, dass Kinder genauso ansteckend sind.

➡️Sollte weitere Forschung dennoch zeigen, dass sich die Viruslast nicht in Infektiösität übersetzt, muss man fragen, warum.
1️⃣D.h. welcher Mechanismus
verhindert, dass sich die Viruslast bei Kindern in Infektiösität übersetzt.

2️⃣Warum greift dieser Mechanismus nicht bei Erwachsenen?
Diese Studien sind wichtig, um auszuschließen, dass es nicht an geschlossenen Kitas liegt, dass es bisher so aussieht
a)als hätten sich Kinder bei ihren Eltern angesteckt aber nicht umgekehrt; und
b) als hätten Kinder bisher keine anderen Kinder angesteckt.
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