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Helmut "Fiffi" Kronsbein. 1954 Deutscher Meister mit Hannover 96, ein knappes Jahrzehnt Trainer bei der Hertha und für den Mord an seiner Frau angeklagt.

Ein Thread über den Fall Gerda Kronsbein:
#H96 #HaHoHe (1/28)
1954 wurde Helmut "Fiffi" Kronsbein als Trainer überraschend Deutscher Meister mit Hannover 96. Er besiegte im Finale den 1. FC Kaiserslautern, die zu dem Zeitpunkt viele Spieler aus dem Weltmeister-Team 1954 inne hatten. (2/28)
Nach der Gründung der Bundesliga war er unter anderem von 1966 bis 1974 Trainer bei der Hertha und feierte im selben Jahr wiederrum ein kleines Trainer-Comeback bei Hannover 96 und 1980 bei der Hertha. (3/28)
Kronsbein galt als sehr autoritär, seine Wutausbrüche waren gefürchtet und er kontrollierte regelmäßig, ob die Spieler kein ausschweifendes Nachtleben führten. Dies musste seine Familie besonders zu spüren bekommen. (4/28)
Die mehr als 38 Jahre lange Ehe der Kronsbeins war zerrüttet. Der Trainer lebte nur für den Fußball. Verloren Hertha BSC oder Hannover 96, hatten besonders Ehefrau Gerda und die beiden Kinder wenig zu lachen. (5/28)
Gerda Kronsbein soll immer öfter zu Tabletten und zur Flasche gegriffen haben. Zeugen berichteten, dass Kronsbein seine Frau unter Alkoholeinfluss geschlagen haben soll. Gerda Kronsbein und die zwei Kinder mussten tagtäglich mit häuslicher Gewalt umgehen. (6/28)
Die Probleme erreichten ihren Höhepunkt, als Kronsbein im Sommer 1979 unbedingt nach Berlin ziehen wollte. Er wollte in der Kalckreuthstraße, in Schöneberg, dass "Gästehaus Fiffi Kronsbein" betreiben. Ehefrau Gerda, heißt es, habe diesen Umzug um keinen Preis gewollt. (7/28)
Begonnen hatte die Geschichte am 1. Juli 1979 in einem Reihenhaus in Arnum bei Hannover. Helmut Kronsbein suchte nach dem aufwachen nach seiner Ehefrau. Die Badezimmertür war verschlossen. Als Gerda Kronsbein auf sein Klopfen nicht reagierte, brach er die Tür auf. (8/28)
Nach Kronsbeins Beschreibungen lag die 58-jährige tot in der mit Wasser gefüllten Badewanne, neben sich einen noch immer unter Strom stehenden Fön. In einem Abschiedsbrief heißt es: "Ich nehme mir das Leben. Ich möchte verbrannt werden - Gerda Kronsbein." (9/28)
Die Ärztin, die ins Haus kam, hat den Tod von Frau Kronsbein festgestellt. Es war die erste "Stromleiche" in ihrer Berufspraxis. Das Frau Kronsbein noch um 6 Uhr gelebt haben soll, leuchtete ihr nicht ein. (10/28)
Nach dem Zustand der Leiche musste Frau Kronsbein zu dieser Zeit schon tot gewesen sein, doch die Irritation darüber drückte sich auf dem von der Ärztin ausgefertigten Totenschein allein in dem Satz "Verdacht auf Stromtod" aus. (11/28)
Die Leiche wird ins Gerichtsmedizinische Institut der Medizinischen Hochschule Hannover gebracht. Dort wurde die Leiche obduziert und zwei Tage später zur Einäscherung freigegeben. Doch damit war die Geschichte für Helmut Kronsbein noch lange nicht beendet: (12/28)
Heinz Knoche, Kriminalbeamter, erhielt 1979 den Auftrag, in Sachen des Todes von Gerda Kronsbein zu ermitteln. Heinz Knoche ermittelte jahrelang verbissen an dem Fall und wurde irgendwann fündig: (13/28)
Gab es einen tödlich endenden Streit? War der an der linken Hand gelähmte, 65 Jahre alte Ex-Trainer wirklich in der Lage, seine leblose Frau aus der Badewanne zu ziehen? Und woher stammten die Verletzungen an der Leiche? (14/28)
Die offene Wunde am Hinterkopf ließ sich vielleicht tatsächlich damit erklären, dass Kronsbein ins Taumeln gekommen und ihm die Tote aus den Händen geglitten war. Aber was war die Ursache für die massiven Hämatome an ihrem Nacken? (15/28)
Sehr umstritten, war auch Kronsbeins Aussage, seine Frau habe um 6 Uhr noch gelebt. Schon die Hausärztin hatte sich gegen 7.30 Uhr beim untersuchen der Leiche über die schon eingesetzte Totenstarre gewundert und erwähnte, Frau Kronsbein sei schon mehrere Stunden tot. (16/28)
Ein Gutachter des Rechtsmedizinischen Institutes in Hamburg beschäftigte sich ebenfalls mit dem Todeszeitpunkt und folgerte, dass Gerda Kronsbein mit hoher Wahrscheinlichkeit schon kurz nach Mitternacht gestorben sei. (17/28)
Heinz Knoche hat mit einer Energie ermittelt, die doch wohl über das kriminalistische Engagement hinausging. Nicht nur das er Selbstversuche angestellt hat, die für ihn zu dem Resultat führten, dass man einen eingeschalteten Fön sehr wohl ins Wasser werfen kann... (18/28)
...ohne das etwas passiert, er führte seinen Versuch auch in der Vereinsgaststätte von Hannover 96 vor.

Im März 1984 wurde Kronsbein von der Staatsanwaltschaft Hannover wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Fünf Jahre nach dem Tod von Gerda Kronsbein. (19/28)
Für das Gericht hat es keine Rolle zu spielen, was Heinz Knoche bei seinen Ermittlungen antrieb. Es hat das zu prüfen, was die Anklage vorgetragen hat. Das Gericht lies den Badewannenversuch mit dem Kriminalbeamten wiederholen. (20/28)
Helmut Kronsbein hat an diesem Versuch mitgewirkt. Als es Helmut Kronsbein nicht gelang, einen 77 kg schweren Mann in Taucherkleidung aus der Wanne zu ziehen (seine Frau Gerda, wog bei der Obduktion 63 kg)... (21/28)
...und er sich bei einem weiteren Versuch weigerte eine dünnere Kriminalbeamtin aus der Wanne zu ziehen, erklärte Heinz Knoche danach: "Es steht also fest, dass Frau Kronsbein außerhalb der Wanne zu Tode gekommen sein muss." (22/28)
Nach den ersten Verhandlungstagen ging der Fall sehr klar in Richtung Schuldspruch. Vor Gericht saß ein alter, verbitteter Mann, der in den Zeitungen als "schrumpfender Riese" betitelt wurde und darauf wartete, schuldig gesprochen zu werden. Am 24.09.1884 kam die Wende: (23/28)
"Berliner Professor entlastet Fiffi Kronsbein", titelte die Bild. Gemeint war Volkmar Schneider, der sich schon seit Jahren mit dem Stromtod wissenschaftlich beschäftigte. Vor Gericht erklärte er, das Kronsbeins Angaben über den Todeszeitpunkt richtig sein können. (24/28)
Er berichtete von zwei in seinem Institut obduzierten Leichen, bei denen der Tod durch Stromschläge verursacht worden sei und eine beschleunigte Totenstarre eingesetzt habe. Auch die Verletzungen ließen sich erklären. (25/28)
Schneider: "Durch den Stromstoß verkrampfte sich die Nackenmuskulatur, dadurch zerriss das Muskelgewebe." Der Staatsanwalt beantragte nach diesem Gutachten einen Freispruch. Auch das Gericht folgte Schneider. "Wir haben keinen Zweifel am Stromtod von Frau Kronsbein". (26/28)
2012 wurde Volkmar Schneider im NDR zu dem Fall interviewt. In 40 Jahren habe er noch nie erlebt, dass die Staatsanwaltschaft in so einem brisanten Fall auf Freispruch plädierte. Von einem Freispruch erster Klasse bzw. Note 1+ sprach er. (27/28)
Helmut Kronsbein verließ an dem Tag den Gerichtssaal als freier Mann. Seine letzten Jahre lebte er in Berlin und verstarb dort am 27. März 1991. (28/28)
Wenn ihr euch die Ansicht von Gutachter Volkmar Schneider anhören wollt: ndr.de/fernsehen/send…
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