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Eine kleine Geschichte aus der Kommunikations-Steinzeit als Twitter-Thread: "Warum wir Peter Norton angerufen haben".
Mit Corona zeigt sich, dass das Internet aus unserem Leben eigentlich nicht mehr weg zu denken ist.
Was früher kommunikative SciFi war, ist heute Alltag und Standard, über den niemand mehr nachdenkt.
Bestes Beispiel ist mein alter Physiklehrer: "wenn Ihr glaubt, dass Ihr als Erwachsene immer und überall einen Taschenrechner dabei habt, seid Ihr auf dem Holzweg".
Die Geschichte spielt zu einer Zeit, die deutlich näher an den Ursprüngen des Internets und des Beginns von Unix liegt als an heute. Viel lustiger ist, dass die Geschichte gar nicht mehr heute spielen könnte, denn Kommunikation ist zu schnell und zu billig geworden.
1985 war der Ost-West Konflikt wichtiger als Android oder iOS, Berichte über Computer (wie der SPIEGEL-Titel von Ende 1984) wurden ignoriert, in Tschernobyl wurde problemlos ein KKW betrieben. Die größte Gefahr für Europa im Sommer '85 waren die Hits von Modern Talking.
Heute gibt es Bandbreiten im dreistelligen MBit-Bereich, im Smartphone ist genug CPU-Power um Tausende Mondfähren gleichzeitig zu steuern und die Börse ist High Frequency Trading, bei dem um Mikrosekunden an Latenz gerungen wird.
Damals war Kommunikation langsam und teuer. Beim Telefonieren gab es Ortsgespräche und Ferngespräche.
Seit Januar 1984 waren Gesprächs innerhalb des Ortsnetzes für eine „Gebührentakteinheit“ auch nicht mehr unbegrenzt lange möglich. Du hattest 8 Minuten, dann kostete es wieder.
Hatte man kein Telefon zuhause (oder wollte in Ruhe quatschen), musste die nächste Telefonzelle („Fernmeldehäuschen“ war tatsächlich der offizielle Name) angesteuert werden. Der Weg war meist nicht weit, denn die standen an jeder Ecke. 1984 gab es über 130.000 in DE.
In den Telefonzellen musste man 30 Pfennig für ein Ortsgespräch einwerfen. Das war die BRD-Version von "thirty cents more for the next three minutes" (kennt noch jemand "Dr. Hook and the Medicine Show"? 😎).
Für ein längeres Ferngespräch hattest Du besser eine Handvoll Markstücke dabei und Auslandsgespräche in Telefonzellen waren aufgrund der benötigen Geldstücke „heavy metal gigs“ und erforderten eine gute Motorik. Das Geld war schneller weg als im Spielautomaten.
Mobil-Kommnikation war archaisch. Zu dieser Zeit hatte das "B/B2"-Netz (das C-Netz kam erst 1985) seine größte Verbreitung. "Mobiltelefonie" hieß damals ein Autotelefon mit zweistelligem Kilogewicht, 270DM Grundgebühr und man musste ungefähr wissen, wo der Angerufene war.
Datenkommunikation war "böse". Irgendwas "nicht-Offizielles" war sowieso verboten, der "Gilb" war damals gnadenlos. High Speed waren 1200 bits/s (Bits!, nicht Bytes) und für das Geld für so ein Modem konnte man auch problemlos ein paar Wochen Urlaub machen.
Als wir (ich und zwei Freunde) 1985 für die VHS Dingolfing die ersten Computerkurse anboten, gab es keine "Computerräume". Wir drei und ein halbes Dutzend nagelneue Olivetti M24 bezogen Quartier im 1. Stock eines plüschigen Cafes neben dem Stadtplatz in einem ungenutzten Saal.
Fand kein Kurs statt (es gab nur Abendkurse), gehörte der Rechnerpark uns drei. Wir lernten, probierten, spielten und erweiterten unsere Commodore BASIC-Kenntnisse. Neben Donkey Kong, Lode Runner &Co. kam auch der Kontakt mit Sprachen wie dBASE, Assembler oder Turbo Pascal.
Wir verbrachten Nächte vor den Rechnern, verblüfften den lokalen Olivetti "Büromaschinenelektroniker" damit, dass wir Grafiken auf einem 9 Nadel-Drucker druckten, der das eigentlich nicht konnte und entdeckten geheimnisvolle Tools wie einen Sektor-Editor für Disketten.
Die berühmt-berüchtigte Eigenschaft "IBM PC-kompatibel" fand z.B. bei Diskettenlaufwerken ein Ende. Die Disks des IBM PC hatten eine Kapazität von 360 KByte (Kilobyte!) auf 40 Datenspuren, Olivetti rühmte beim M24 mit 720 Kilobyte auf 80 Spuren.
Super, doppelt so viel Speicher. Blöd nur, dass alle schönen Tools, mit denen sich beispielsweise gelöschte Daten (teilweise) wieder herstellen ließen, eben aufgrund dieses Unterschieds nicht funktionierten.
Wem 720 KByte jetzt lachhaft vorkommen: der TurboPascal Compiler (V3.0) war etwa 39 KByte groß! Inklusive Debugger und Editor!
An einem Nachmittag hatten wir uns zu einer Lern/Programmier/Spiel-Session veranredet. Auf dem Weg zum "Computer-Saal" fiel mir auf, dass sich um die Telefonzelle am Stadtplatz eine Menschenmenge versammelt hatte. Zuerst dachte ich an einen Unfall, war aber nicht so.
Ausserdem waren fast dort Menschen, die heute als "mit Migrationshintergund" bezeichnet werden und damals "Gastarbeiter" hießen. Dingolfing war nicht erst seit der Übernahme von Glas durch BMW 1967 ein Zuwanderungsmagnet.
Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Flüchtlinge angesiedelt. In dieser Hinsicht habe ich etwas mit dem unvergessenen Peter Ustoinov gemeinsam, der einmal sagte: "Meine Eltern waren sehr schüchtern, es hat einen Weltkrieg gebraucht, um sie zusammen zu bekommen".
Dennoch war das seltsam. Aber ich ging nach oben und begann am Rechner zu arbeiten.
Irgendwann fiel mir auf, dass ich immer noch allein vor dem Rechner saß. Seufzend stand ich auf und ging nach unten, um per Telefonzelle nachzufragen, wo die anderen beiden denn steckten.
Die Menschenmenge war mittlerweile weg, lediglich ein Mann wartete noch, während eine Frau drinnen telefonierte. Die kam grinsend aus der Telefonzelle, drückte dem Mann drei Groschen in die Hand und ging.
Nach einer gefühlten Ewigkeit war der Mann mit seinem Gespräch fertig.
Ich rein in die Telefonzelle und den Kumpel angerufen. Dauert noch etwas, aber er kommt gleich, alles easy.
Ich lege auf und die drei Zehnerl klackern aus dem Münzfach. Allerdings endet das Geräusch, dass jeder kennt, dermit Telefonzellen aufwuchs mit einem metallischen "Kling".
So klingt es, wenn eine nicht akzeptierte Münze in das Ausgabefach des Münzzählers fällt. Ich öffne die Klappe und da liegen - 30 Pfennig! So ein Glück aber auch. Moment, ich glaube, ich weiß, warum die Frau vorhin so grinste!
Ich werfe die drei Zehnerl wieder ein, rufe meinen Freund nochmal an, "Du, ich muss nur kurz was testen, ich rufe Dich gleich nochmal an!" — "Du wirst schon wissen, was Du da machst", kommt es durch den Hörer zurück. Ich lege auf, "kling". 30 Pfennig in der Ausgabeschale. Wow!
Schlagartig wird mir klar, was da heute Nachmittag passiert ist: der Auslandsgesprächsrekord für eine Telefonzelle in Dingolfing wurde geknackt! Der Münzzähler hat einen Defekt und heute gibt es Telefonie umsonst. Die ganze Welt für 30 Pfennige! Die es dann zurück gibt!
Nochmal ein Gespräch mit Freund Nummer zwei, der es plötzlich ziemlich eilig hat, jemanden anzurufen.
Fern- und Auslandsgespräche umsonst, wer weiß schon, wie lange dieser paradiesische Zustand anhält...
"Wir können jetzt einfach irgendwo anrufen und was fragen". OK, aber wen?
Schließlich kommen wir auf die Idee, eine Softwarefirma anzurufen, die ein damals sehr beliebtes Textverarbeitungsprogramm herstellt und einfach "Jeff" zu verlangen. Hauptsächlich deshalb, weil die Telefonnummer der Zentrale prominent auf der Verpackung steht.
"MicroPro International, good morning, how can I help you?", sagt eine weibliche Stimme.
"Oh, Hi, Good morning, I would like to talk to Jeff please".
1. Immerhin so schnell geschaltet, dass die Zeitdifferenz in ein "Guten Morgen" mündet.
2. Glaube ich ernsthaft, dass die nur einen Jeff oder überhaupt jemand haben, der von der Zentrale am Vornamen erkannt wird?
"You mean Jeff from the development team?", kommt es zurück.
Den gibt's wirklich! Mit einer knappen Entschuldigung legen wir auf. Puh, beinahe hätten wir mit Jeff gesprochen!
"Aber lustig war das schon", sage ich. "Lass uns das nächste Mal nach »Bob from sales« fragen", sagt mein Freund grinsend.
Also rein in die Telefonzelle, die Auslandsauskunft angerufen und die Vorwahlen für Palo Alto, Santa Monica, San Fransisco und die halbe Westküste erfragt. Der Mann am anderen Ende der Leitung war mehr als verwundert, teilte uns aber alle Nummern mit.
Die nächste Stunde verbringen wir damit, die Rezeptionen der kalifornischen Software-Industrie in den Wahnsinn zu treiben. Interessant, wen man alles mit einem "we're calling from Bavaria, Germany and have a technical issue with your product" ans Telefon bekommt.
Noch interessanter, welches Bild 1985 offenbar von Bayern in Kalifornien gepflegt wird. "Oh, Bavaria! Where you have the Octoberfest?" ist in mehr als der Hälfte der Anrufe die Antwort.
Irgendwann beenden wir das und überlegen uns, was wir noch Sinnvolles tun könnten.
Wir beschließen, erstmal zurück in den "Saal" zu gehen und einen Kaffee zu trinken. Dort fällt unser Blick auf einen ausgedrucktes Stück Hexdump. "Wir wollen doch den Diskettensektor-Editor von diesem Peter Norton auf den Olivettis laufen lassen, oder?"
"Ja, und? Geht ja ned, weil wir nicht wissen, wo die Anzahl der Sektoren und Spuren gespeichert wird oder ob das ausreicht"
"Na dann lass' uns doch Peter Norton anrufen und fragen!"
Peter Norton und seine "Norton Utilities" waren Mitte der 80er *die* Tools für den PC. Dateien retten, Sektoren von Disketten direkt editieren usw. Dazu war Peter Nortons Buch "Programming Guide to the IBM PC" (das "pink shirt book") *die* Referenz für alle PC-Programmierer.
"Du kannst doch ned einfach da anrufen und fragen, ob er uns mal kurz sagt, was wir run müssen!" — "Was soll er machen? Schlimmstenfalls gibt er uns ein Schimpfwort als Antwort und legt auf".
Was heute unmöglich erscheint, war damals tatsächlich einfach. Wir haben in Santa Monica angerufen, uns als drei junge computer-begeisterte Trainer vorgestellt und gefragt, ob der Meister ein paar Minuten für uns erübrigen könnte.
"Das klappt NIE", hab ich noch gesagt.
Nach einem "I'll check, if he is available, hold on a second" hören wir auf einmal eine männliche Stimme.
"This is Peter Norton, I hear you guys are calling from Bavaria because you have a question? I got five minutes for you."
Wir schildern in einem "shaky English" (die geben einem das Abi, aber anständig telefonieren auf Englisch bringt einem niemand bei) unsere Frage ob wir vielleicht einen Hinweis bekommen könnten, wie wir sein Tool dazu bewegen können, mit 80Spur-Laufwerken zu arbeiten.
Er erzählt uns, dass auch Toshiba einen PC mit 80 Spuren + 720 KByte Diskettengröße hat und die neue Version seiner Utilities das kann. Er erzählt uns aber auch gerne, was wir patchen müssen, wenn wir denken, dass wir das hinbekommen. Er findet es gut, dass wir Assembler lernen.
Es werden dann doch 10 bis 15 Minuten. Ich habe keine Ahnung mehr, ob unsere Bewunderung für ihn ankam oder ob wir gepflegtes "Denglisch" gesprochen haben, aber wir bekommen alle Informationen und verabschieden uns wortreich. Wir sollen weiter lernen, Software wird groß, sagt er.
Drei Leute in einem "Fernmeldehäuschen FeH 78 in RAL 1005", die gleichzeitig telefonieren und hektisch Notizen machen. Wir müssen ein Bild für Götter abgegeben haben.
Da aber unser niederbayerisches Städtchen um diese Uhrzeit den Betrieb längst eingestellt hatte (lediglich das eine oder andere Auto kam vorbei, schließlich muss man als BMW-Stadt den Ruf wahren), fielen wir nicht weiter auf.
Eine halbe Stunde später sitzen wir bei Kaffee vor dem Rechner und basteln. Was soll ich sagen, es hat geklappt.
Wir waren wahrscheinlich die ersten in der Gegend, die mit dem Sektor-Editor 80 Spur-Laufwerke bearbeiten konnten!
Und wer nett fragt, bekommt meist eine Antwort.
So verlief unser einziges Gespräch mit Peter Norton. Es war der beste "Hotline-Call" den wir je gemacht haben.

😉

-end of story-
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