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Wie der rollende T-Punkt funktioniert hat: 1/x

Früher gab es von der Post so Läden in der Innenstadt, wo sie einem Telefone verkauft haben. Postzugelassen und seit einigen Jahren auch nicht mehr nur in Postgrau.

Es waren die frühen 90er oder so, wer weiß das noch genau?
Und so gab es Telefone auch in Farbtönen, die wir heute schockierend geschmacklos finden würden.

Um diese Geräte an den Kunden zu bringen (damals sagte man noch "an den Mann", auch wenn der Kunde gar nicht männlich war), hatte man nicht nur stationäre Geschäfte.
Es gab auch Busse mit rollenden Ausstellungswagen, in denen man die Dinge tun konnte, die man früher in einem T-Punkt gemacht hätte und die man heute über das Internet tun kann: Telefonverträge abschließen, Telefongeräte ausprobieren und kaufen und so Sachen.
Ein sinnvolles Mobilfunknetz gab es aber nicht, und wenn doch, dann wäre das Ausprobieren der Telefone nicht realistisch gewesen.

Was hat man also getan?

Auf der Rückseite einiger der im Ausgangsthread erwähnten Telefonzellen gab es hinten, oben eine graue Warze.
Das war ein Drehverschluß für eine Allwetterdose, und wenn man den aufgemacht hat, war darin eine Dose für einen ADo4 Stecker.
Alle paar Wochen kam dann der Bus, parkte strategisch auf dem Parkplatz, man warf ein Kabel rüber zur Telefonzelle, öffnete die graue Warze und stöpselte sein Kabel in die ADo4.
Jeder aufmerksame computerbegeisterte junge Erwachsene mit Elektronikinteresse stellt sich natürlich die Frage:

Was ist mit der verblödeten Dose, wenn der Bus nicht da ist?
Die Antwort können Euch die Leute geben, die mit einem klapperigen Auto, einem selbstgebauten Wechselrichter im Zigarettenanzünder und einem Klobotron XL Laptop und einem Akustikkoppler auf dem Parkplatz saßen, und deren Geschichte ganz ähnlich verlief wie im Ausgangsthread.
Mit ohne Voice und mehr Download, aber sonst genau so.
Dieselben Leute hatten auch beobachtet, daß in der Hauptpost ein öffentliches BTX Terminal stand.

Wenn man daran Wartung macht (das konnte jeder, der den passenden Schlüssel hat), sieht man, daß das auch nur Standardhardware mit einem DBT-03 ist

commons.wikimedia.org/wiki/File:Mode…
Das DBT-03 ist das Standard Bildschirmtext Anschlußgerät der Post gewesen. Es zeichnete sich neben seinem günstigen Preis auch dadurch aus, daß es zum Schreien blöd war. Das hatte miteinander zu tun.
Die Tastatur eines öffentlichen BTX Terminals (ÖBTX) hatte eine Anwahltaste. Das Terminal hat dann aufgelegt und sich neu in die "BTX Leitzentrale Ulm" eingewählt, automatisch Usernamen und Paßwort gesendet und dann hatte man eine frische, saubere Leitung.
Die Teilnehmernummer eines BTX-Teilnehmers war seine Rufnummer und dann eine vierstellige Erweiterung, meist -0001. Und die konnte man auch sehen, wenn man verbunden ist. Das heißt, das ÖBTX hat jedem dort in der Hauptpost seine eigene Telefonnummer angezeigt.
Wenn man sich also verabredet, dann kann man zum Beispiel festlegen, daß jemand genau um 15:00 das ÖBTX in der Hauptpost anruft, während jemand anders ebendort am Terminal die Taste "Verbindungsaufbau" betätigt.
Bei *unseren* Modems hätte das bewirkt, daß das Modem abnimmt, in die Leitung lauscht und dann aufgibt, weil der eingehende Anruf kein Freizeichen ist.

NO DIALTONE.
Beim DBT-03 bewirkt es, daß das Gerät fröhlich die BTX Nummer in den eingehenden Anruf tackert (de.wikipedia.org/wiki/Impulswah…) und dann... auf einen Carrier wartet.
Carrier können wir. Wir können, als Mailbox-Betreiber und sogar selbst ins BTX einwählen und Protokollaktionen beim Login- und Paßwort-Prompt aufzeichnen und, wenn uns das DBT-03 in die Leitung springt, wieder abspielen.
Das DBT-03 sendet also einen Carrier, aber wir sind noch in der Leitung, während das DBT-03 denkt es rede mit dem BTX Leitrechner in Ulm.

Wir senden wie erwartet die Frage nach dem Login. Das DBT-03 sendet seinen Usernamen.
Wir fragen nach dem Paßwort. Das DBT-03 sendet das Paßwort. Wir legen auf.

Unser Agent in der Hauptpost hat seinen Auftrag erfüllt, wartet kurz und verbindet dann wieder neu, diesmal ist niemand in der Leitung um den Anruf abzufangen.
Yay, warum ist das so toll?

Der Abruf von sogenannten Regionalseiten in BTX kostete Geld. Aber im ÖBTX war das kostenlos.

Das Senden von elektronischer Privatpost im BTX kostete Geld. Ziemlich viel sogar. Aber vom ÖBTX ging das kostenlos.
Wir haben jetzt also ein ÖBTX-Login, und einen (selbst geschriebenen, in BASIC scriptbaren) BTX-Decoder/Terminalprogramm.

Muhahahah.
Ich weiß, daß ein Freund von mir ein Quiz gewann, bei dem man eine Lösung per BTX Mail einsenden konnte.

Sein Preis war "für die meisten richtigen Antworten", denn natürlich konnte man das Absenden der Lösungsseite in BASIC automatisieren und das Versenden war gratis.
Und eventuell ist es nach einigen Jahren auch Leuten beim BTX Betrieb aufgefallen, daß ein gewisses öffentliches Terminal in der Hauptpost der Hauptstadt eines Bundeslandes "mehr als einmal" eingeloggt war.

Sehr viel mehr als einmal.
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