Ich nehme den Faden noch mal auf, weil mich dieser Tweet und der ander Thread von @BusinessBirthe von gestern sowie die Antworten dazu sehr berührten und beschäftigten. (1/14)
Die Wut, den Ärger & auch die Verzweiflung darüber, dass es in den Geschäften keine/wenig/mühsam Kleidung für dicke Menschen oder Menschen, die anders aussehen als die Norm, zu kaufen gibt, kann ich gut verstehen, weil es mir lange auch so ging. Es fühlt sich einfach scheiße an!
Aber: dieser Ärger macht uns schwächer statt stärker. Wenn wir laut unseren Ärger rausrufen, dann fühlen wir uns kurzfristig besser, wir finden Verbündete, aber wir ändern an der Situation nach meiner Einschätzung eher wenig. (4/14)
Denn: es ist gar nicht so einfach, in industrieller Massenkonfektion, gut passende Kleidung für ganz unterschiedliche Körperformen herzustellen. Oder anders gesagt: je vielfältiger die Hügel der Körper, umso schwieriger wird es diese zu berücksichtigen. (5/14)
Die Plus-Size-Bekleidungs-Industrie löst dieses Problem damit, dass einfach alles als weiter Sack hergestellt wird. Das erhöht schlichtweg die Treffsicherheit, dass es zumindest irgendwie passt. (6/14)
Wenn wenige Teile irgendwie passen, müssen weniger Variationen produziert werden, die Ladenfläche, die Investitionen insgesamt können kleiner sein. Das Risiko auf der Ware sitzen zu bleiben auch, denn verzweifelte Kundschaft kauft, wenn es keine Alternative gibt.(7/14)
Um für vielfältige Körper industriell gefertigte Kleidung zu produzieren, bräuchte es eine Menge Gehirnschmalz, Erfahrungen in Schnittkonstruktion, Körperkenntnisse, Lust, sich auf die Herausforderungen einzulassen & vor allen Dingen Zeit=Geld,um variables Design zu entwickeln.
Die, die Kleidung designen, lernen das in ihrer Ausbildung nicht. Schnittkonstruktion wird an Größe 38 gelehrt. Dann wird gradieren vermittelt, also unterschiedliche Größen daraus zu entwickeln. Aber es geht immer nur um „aufblasen“ nicht um vielfältig passend zu machen.
Diejenigen, die, die Erfahrung damit haben, wie unterschiedlich Körper aussehen, die Maßschneider*innen, sind nicht diejenigen die Kleidung für die Massen entwerfen. Sie machen Maßanfertigung. (10/14)
Maßanfertigung ist teuer. Das kann sich nicht jedeR leisten. Aber es hat schon seinen Grund, warum es teuer ist: es ist aufwendig, es ist nicht einfach, es braucht viel Erfahrung und es braucht Kreativität und Zeit, um Lösungen zu entwickeln. (11/14)
Deswegen finde ich es super, die eigene Kleidung selbst zu nähen. Dazu braucht es kein umfassendes Wissen, du mußt dich nur mit EINEM einzigen Körper auskennen. Dazu etwas Übung im Nähen & Kenntnisse darüber, wie Kleidung funktioniert & wie Schnittmuster angepasst werden.
Wenn du deine Kleidung selbst nähst, machst du dich vom Opfer zum Subjekt. Du nimmst es in die Hand und veränderst etwas. Vielleicht motiviert du dadurch andere, vielleicht kannst du dein Wissen teilen, vielleicht macht es dich stärker und du veränderst die Welt. (13/14)
Mir ist schon klar, dass das ein großer Schritt ist. Viele Menschen antworten “ich habe dazu keine Zeit/Begabung/Geld/Nähmaschine…” Schon klar, es ist aufwendig, die eigene Kleidung zu nähen. Aber wie großartig ist es, gut passende Kleidung zu tragen? Ich finde, es lohnt sich.

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