Mädchen sind besser in der Schule als Jungs, liest man immer wieder. Stimmt das? Und wie soll man sich das erklären, wenn Frauen doch strukturell benachteiligt sind? Das hat mich interessiert. Ein paar interessante Ergebnisse aus der Forschung ohne Anspruch auf Ausgewogenheit (1)
(2) Vorneweg: Mädchen sind tatsächlich besser in der Schule. Eine Meta-Analyse über 369 Samples ergibt einen messbaren weiblichen Vorteil in Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften. Der Unterschied ist nicht riesig, aber konsistent und über Zeit stabil. DOI:10.1037/a0036620
(3) Warum? Der erste Verdächtige ist IQ, denn IQ korreliert mehr mit schulischem Erfolg als jeder andere Faktor. Studien zeigen aber deutlich, dass der Notenvorteil für Mädchen stabil bleibt, auch wenn man statistisch IQ als Variable miteinbezieht. DOI:10.1007/s10212-012-0127-4
(4) Aber warum dann? Ein Grund: Vorurteile. Eine Studie mit 4490 Schülern ergibt, dass Lehrer Jungs für dieselbe Arbeit schlechtere Noten geben als "blinde" externe Korrektoren. Dieser Effekt erklärt z.B. 21% des Nachteils für Jungs in Mathe. DOI:10.1016/j.econedurev.2020.101981
(5) Gibt es netto mehr Vorurteile gegen Jungs, einfach weil Lehrer mehrheitlich weiblich sind? Eher nicht. Eine Studie findet keinen signifikanten Einfluss auf Benotung und standardisierte Testergebnisse, wenn Lehrer und Schüler dasselbe Geschlecht haben. DOI:10.1093/esr/jcq038
(6) Eine bessere Erklärung ist "Stereotype Threat". Kinder glauben an die schulische Überlegenheit von Mädchen. Bekräftigt man diese Annahme experimentell, werden Jungs in Schreiben, Rechnen und Lesen schlechter. Entkräftet man es dagegen, werden sie besser DOI:10.1111/cdev.12079
(7) Vorurteile und "Stereotype Threat" belasten aber auch das Leistungsniveau von Mädchen, besonders in Mathematik. Möglicherweise ist das auch ein Grund, warum Lehrer Mädchen in Mathe für dieselbe Leistung positiver benoten als Jungs. DOI:10.1111/j.1467-937X.2009.00551.x
(8) Fazit: Lehrer-Vorurteile erklären teilweise, warum Mädchen schulisch besser abschneiden als Jungs. Der kumulative Effekt ist erheblich. OECD-Daten zeigen, dass sich das Ungleichgewicht zugunsten von Frauen z.B. bei Hochschulbildung von 9% (2008) auf 12% (2018) erhöht hat.

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7 Oct
Ein herzliches Willkommen an die neuen Mitleser.

Ich möchte Ihnen gerne eine kleine Geschichte erzählen, die ich im Beruf erlebt habe und die meine Haltung zu Themen wie Vorurteilen, sozialer Benachteiligung und Chancengerechtigkeit radikal geprägt hat. Ein Thread (1)
(2) Ich habe viele Jahre intensiv mit Jugendlichen gearbeitet, die vom Schicksal ziemlich miese Karten bekommen haben. Die Geschichte handelt von einem dieser Pechvögel. Nennen wir ihn Tom.

Tom war ein typischer Hartz IV-Junge: ca. 18, Hauptschule ohne Abschluss abgebrochen ...
(3) … dann langzeitarbeitslos. Familie ein Alptraum: Vater weg, Stiefvater gewalttätig, Mutter drogensüchtig. Dazu Depressionen, Selbstverletzungen, die falschen Freunde und immer Ärger mit der Polizei.

Tom wollte sein Leben ändern, eine Ausbildung finden. Was Kaufmännisches.
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16 Aug
Interessensunterschiede zwischen Frauen und Männern. Oder: Was wir von Rhesusaffen mit Spielzeugautos über das Streben nach Geschlechterparität lernen können -- Ein Thread mit Daten

#parität #feminismus #gender #gleichberechtigung #psychologie #gesellschaft #mint (1)
(2) Parität zwischen den Geschlechtern wird zunehmend als Endziel von Gleichberechtigungspolitik gefordert. Im Bundestag, in DAX-Vorständen, in MINT-Berufen: In Schlüsselbereichen sollen Männer und Frauen 50/50 vertreten sein. Dann erst sei Gleichberechtigung wirklich erreicht.
(3) Die Logik der Parität basiert auf einer zentralen, aber meist impliziten These: dass Männer und Frauen dasselbe wollen. Wo keine Parität herrscht, muss folglich Benachteiligung im Spiel sein, die den natürlichen Zustand -- eine 50/50-Verteilung -- künstlich verzerrt.
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