Ein herzliches Willkommen an die neuen Mitleser.

Ich möchte Ihnen gerne eine kleine Geschichte erzählen, die ich im Beruf erlebt habe und die meine Haltung zu Themen wie Vorurteilen, sozialer Benachteiligung und Chancengerechtigkeit radikal geprägt hat. Ein Thread (1)
(2) Ich habe viele Jahre intensiv mit Jugendlichen gearbeitet, die vom Schicksal ziemlich miese Karten bekommen haben. Die Geschichte handelt von einem dieser Pechvögel. Nennen wir ihn Tom.

Tom war ein typischer Hartz IV-Junge: ca. 18, Hauptschule ohne Abschluss abgebrochen ...
(3) … dann langzeitarbeitslos. Familie ein Alptraum: Vater weg, Stiefvater gewalttätig, Mutter drogensüchtig. Dazu Depressionen, Selbstverletzungen, die falschen Freunde und immer Ärger mit der Polizei.

Tom wollte sein Leben ändern, eine Ausbildung finden. Was Kaufmännisches.
(4) Ziemlich utopische Idee ... Aber was soll ich sagen? Ich habe eine kleine Schwäche für aussichtslose Unterfangen, also haben wir's halt probiert.

1. Schritt: kognitiver Leistungstest. Schlussfolgerndes Denken, räumliche Vorstellung, Zahlenverständnis, Sprachverständnis etc.
(5) Vor solchen Tests habe ich die Leute gerne nach einer Prognose gefragt: Was glaubte Tom denn, wie er sich schlagen würde? Wenig überraschend seine Erwartung: sehr schlecht in allen Bereichen. Und warum auch nicht? Wer nicht mal die Hauptschule schafft, muss ja dumm sein.
(6) Der Test selbst ist relativ: Die Leistung des Getesteten wird mit dem Durchschnitt seiner Peer Group verglichen. Ich hatte als Toms Vergleichsgruppe Hauptschüler gewählt, weil es keine eigene Option für Probanden ohne Schulabschluss gab.

Das war eine schlechte Entscheidung.
(7) Sie ahnen es vermutlich: Toms Ergebnisse waren so krass überdurchschnittlich, dass der Test quasi wertlos war. Alle Indikatoren lagen am äußersten Anschlag der Skala. Als wollte man einen Sack Zement auf eine Briefwaage stellen und dann das korrekte Ergebnis ablesen.
(8) Also nochmal von vorne, dieses Mal mit Abiturienten, der höchsten Peer Group.

Ähnliches Ergebnis: In sämtlichen Bereichen lag Tom noch weit über dem Durchschnitt, in manchen Bereichen immer noch am Anschlag der Skala. Unklar, wie viel Potenzial tatsächlich vorhanden war.
(9) Ich glaube nicht, dass ich jemals vergessen werde, wie Tom da saß und auf die Ergebnisse gestarrt hat, ungläubig, schockiert bis ins Mark. Hochbegabt, aber Hauptschule vermasselt. Unendliches Potenzial, aber alles in den Sand gesetzt. Einer, der alles hätte studieren können.
(10) Wenn, ja wenn er nur ein Haus weiter aufgewachsen wäre, in einer normalen Familie mit Geborgenheit, einem Minimum an Struktur, Entfaltungsspielraum, Ressourcen, Förderung. Jedenfalls ohne Drogen, Trauma, Gewalt und Armut.

Das habe ich in dem Moment gedacht. Und er auch.
(11) Ich weiß nicht, wo Toms IQ liegt. Ich würde raten, irgendwo jenseits von 120, in den obersten 10%.

Aber was bringt das? Ohne Abschluss, Schulwissen, Skills, Erfahrung? Wer lädt den vorbestraften, heftig gepiercten Jungen aus dem Brennpunktviertel zum Bewerbungsgespräch ein?
(12) Eine Ausbildung hat Tom nicht gefunden. Niemand wollte ihn. Aber er hat Vertrauen in sein Potenzial geschöpft. Heute leitet Tom eine Einzelhandelsfiliale und sagt, er sei zufrieden.

Aber ich denke öfter an den Tom, den es nie gegeben hat. Den mit der Promotion in Physik.

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