Flow Profile picture
12 Oct, 12 tweets, 3 min read
Ich erzähle hier nichts neues aber vielleicht nimmt sich wenigstens ein Einziger die Zeit die Fakten zu überdenken.
Wir haben derzeit sehr viele junge Menschen, die sich mit COVID anstecken. Die meisten von ihnen haben einen milden Verlauf & deswegen ist die Sterblichkeit niedrig
In der Altersgruppe zwischen 35 und 44 liegt sie bei 0,06% (in etwa wie bei der Influenza). Das bedeutet, wenn alle der heute infizierten 3482 Menschen in dieser Altersgruppe lägen, würden bei gleicher Infektionsrate pro Tag nur 1-2 Menschen sterben.
Da das Alter jedoch gut zur Sterblichkeit korreliert, liegt diese über die Gesamtbevölkerung summiert in etwa bei 0,8-1%. Das ist 16 Mal so hoch wie bei der Grippe.
Sobald sich das Virus in die älteren Bevölkerungsschichten ausbreitet, wird auch die Sterblichkeit ansteigen.
Aus diesem Grund stören mich Aussagen wie zuletzt des KBV-Vorsitzenden Gassen so massiv, denn warum sollten die Zahlen nun anders sein als im April oder warum sollte die Pandemie in Deutschland anders verlaufen als im Rest der Welt?
Mit 10k Neuinfektionen wären das 80-100 Tote/d.
Sollten bald ältere Mitbürger wieder stärker betroffen werden was wir zwingend vermeiden wollen, so könnte dieser Wert noch um ein Vielfaches höher liegen, denn bei den 65-74 j. liegt die Sterblichkeitsrate schon bei 2,3%, bei den 75-84 j. um 7,6%

Quelle:
medrxiv.org/content/10.110…
Wie schnell das gehen kann, habe ich selber bemerkt als es hier den ersten Ausbruch in einer Seniorenwohngruppe gab:
Hatten wir zuvor mehrere Wochen nur wenige leichterkrankte Patienten auf der Normalstation, so kamen nun auf einmal mehrere Schwerkranke gleichzeitig auf die ITS.
Und dabei handelte es sich nicht nur um die 86 j. Patientin mit multiplen Vorerkrankungen, sondern auch um die gerade 70 j. und den Mitte 60 j., die zuvor rüstig und ohne fremde Hilfe ihren Alltag gemeistert haben.
Wer jetzt wieder behauptet, wir sollten einfach bei > 80 jährigen keine Therapie mehr machen, dann müssten wir das konsequenterweise auch auf alle anderen Erkrankungen ausweiten. Ganz abgesehen, dass dies ethisch höchst fragwürdig ist, wäre der gesellschaftliche Aufschrei groß.
Klar muss man im hohen Lebensalter nicht mehr jede erdenkliche Therapie durchführen, aber das biologische Alter ist ein schlechter Surrogatparameter für den Behandlungserfolg einer Intensivtherapie und eine Behandlungsbegrenzung ist ethisch IMMER eine Gratwanderung.
In diesem Sinne: Wer behauptet 10.000 Infektionen pro Tag wären überhaupt kein Problem, der muss es wahrscheinlich selbst am Ende nicht ausbaden.

Wir alle stehen seit März unter einer massiven Belastung, da sollten wir alles vernünftige tun um die Infektionen niedrig zu halten.
P.s.: Eigentlich will ich gar nicht so viel über COVID19 schreiben, aber dieses Thema beschäftigt mich leider beruflich von Tag zu Tag mehr. Und da man im Netz immer wieder die gleichen Falschinformationen und Verkürzungen liest muss da im Moment ein Gegenpol dazu her.
P.p.s. Ich schwöre wir haben uns nicht abgesprochen aber hier gibt’s nochmal einen brandaktuellen Artikel genau zu diesem Thema.

Alter und Vorerkrankungen sind entscheidend für die Infektionssterblichkeit.
Diese liegt um ein Vielfaches höher als bei der Influenza.

• • •

Missing some Tweet in this thread? You can try to force a refresh
 

Keep Current with Flow

Flow Profile picture

Stay in touch and get notified when new unrolls are available from this author!

Read all threads

This Thread may be Removed Anytime!

PDF

Twitter may remove this content at anytime! Save it as PDF for later use!

Try unrolling a thread yourself!

how to unroll video
  1. Follow @ThreadReaderApp to mention us!

  2. From a Twitter thread mention us with a keyword "unroll"
@threadreaderapp unroll

Practice here first or read more on our help page!

More from @Caethan13

10 Oct
Was mir in der derzeitigen Diskussion um Intensivbetten viel zu kurz kommt ist die Tatsache, dass beatmete COVID-Patienten um ein Vielfaches aufwändiger und personalintensiver in der Versorgung sind als „normale“ Intensivpatienten, zumindest wenn wir keine Kriegsmedizin betreiben
Man kann nicht hergehen und auf eine Intensivstation mit 10 Betten einfach 10 COVID-Patienten legen. Alleine die räumliche Trennung & Isolationsmaßnahmen verschlingen Unmengen an Personal und Ressourcen. Wenn ich nicht hetze brauche ich etwa 10 min/Patient nur um mich umzuziehen.
Das sind 20 Min für Betreten & Verlassen des Isolationszimmers, ohne das eine einzige Maßnahme am Patienten durchgeführt wird.
Und davon gibt es genug:
Beatmung, Nierenersatz, Kreislauftherapie, Ernährung uvm. Insbesondere für die Bauchlage braucht man 5 Personen gleichzeitig.
Read 8 tweets
4 Oct
Die Studie über Schlafqualität im Bereitschaftsdienst hat mich zum Nachdenken gebracht.
Wie verbringt ihr eure “Übernachtung ohne Frühstück” auf der Arbeit?
Was tut ihr zum erholen und warum kommt ihr trotzdem nicht zur Ruhe?

Hier nochmal der Link:

onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/js…
Ich persönlich habe Glück, mit einem guten Schlaf gesegnet zu sein, aber auf Arbeit fühlt man sich trotzdem oft wie gerädert, selbst wenn man ausnahmsweise mal ausreichend schlafen kann.
Man muss ja quasi immer mit einem Auge wach sein, um notfalls sofort aufspringen zu können.
Insbesondere bei Diensten wo man extrem “zeitkritische” Aufgaben (Notsectio, Rea-Alarm, Notfallrettung) hat, muss man auch nachts um 3 bei Bedarf voll einsatzfähig sein.
Zudem sind die Rahmenbedingungen meist mies: unbequeme und durchgelegene Betten, Raumklima Nordpol/Sahara etc.
Read 4 tweets
2 Oct
An alle Kolleg*innen:
Ich dachte ja wirklich nicht, dass ich es nach über 6 Monaten Pandemie noch sagen muss, aber achtet verdammt nochmal drauf, dass ihr eure Schutzausrüstung vollständig und ordentlich anlegt, wenn ihr zu nem mutmaßlichen COVID Patienten geht!
Der tollste Schutzanzug bringt nix wenn die Kaputze nicht aufgezogen wird.

Die beste FFP Maske bringt nix wenn sie nicht dicht sitzt.

Und wenn man sich alles wild vom Körper reißt & mit der Maske anfängt, dann verteilt man infektiöse Partikel nur quer im Raum & atmet sie ein.
Wir hatten in letzter Zeit einige Mitarbeiter-Infektionen und praktisch immer war fehlende oder fehlerhafter Umgang mit Schutzkleidung die Ursache. Besonders beim Ablegen kommt es bekanntermaßen zu Kontaminationen, wenn man nicht aufpasst.
Nehmt euch die Zeit und schützt euch.
Read 4 tweets
23 Sep
Auch auf Intensivstation bedeutet DRG vor allem eines: Bürokratie und eine teils willkürliche Vergütung die den tatsächlichen Aufwand nicht abbildet.

So wird nach Nebendiagnosen gegraben und um Beatmungs- (und Dialyse)Stunden gekämpft.

#KrankerKommerz
Da der Blogbeitrag doch ein bisschen düster wirkt. Persönlich arbeite ich auf einer Intensiv in der zwar drauf geachtet wird, kein Geld zu verschleudern aber wo ich meine Therapien noch am Patientenwohl und nicht am Budget ausrichten kann.
Um Beatmungsstunden brauch ich mir glücklicherweise keine Gedanken machen, wenn das anders wäre dann könnte ich dort nicht arbeiten.
Was dennoch frustrierend ist, dass einiges an aufwändiger Therapie oder Stunden bis Tage am Beatmungstherapie oft 0 vergütet werden. 😒
Read 4 tweets
19 Sep
Was #KrankerKommerz auf Intensiv wirklich bedeutet, wie wenige Minuten schneller Herzschlag 3760€ wert sein können & warum es profitabel ist, möglichst lungenschädigend zu beatmen.
Thread @twankenhaus
Das DRG System ist kaputt, das wissen alle, doch wie kaputt ist unvorstellbar.
Ich habe die Tage zufällig entdeckt, dass einer unserer Patienten während des an sich komplikationslosen Verlaufs eine kurze Episode (wenige Minuten) Vorhofflimmerns hatte. Als ich die Diagnose codierte staunte ich nicht schlecht, denn die Vergütung war um satte 3760€ gestiegen.
3760€ für die Verabreichung eines Medikaments das 3.90€ kostet und einen Arbeitsaufwand von <10 Minuten.

Umgekehrt liegt bei uns seit mehr als 3 Wochen ein beatmeter junger Mann, für dessen 24/7 Beatmungsdauer wir wenig bis kein Geld bekommen werden, obwohl sie aufwendig ist.
Read 8 tweets
9 Sep
Als Anästhesist hat man oft nicht viel Kontakt zu den Patienten. Man lernt sie kurz im Aufklärungsgespräch oder erst in der OP Einleitung kennen.
Zum ersten Mal hatte ich mit den privaten Umständen eines Patienten zu tun als seine Ehefrau mir von der gemeinsamen Tochter erzählte.
Diese war damals genau so alt wie meine eigene Tochter und weigerte sich, ihren Geburtstag zu feiern bevor der Papa endlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde.
Leider lag Papa mit einer schwersten Endokarditis auf unserer Intensivstation und wartete auf eine neue Herzklappe.
Obwohl ich wusste, dass die Überlebenschancen eher gering waren, versuchte ich der Frau Mut zu machen und Hoffnung zu geben.

Leider hat der Mann die Operation nicht überlebt, und dieses Mal hat mich das auch als behandelnden Arzt zum ersten Mal richtig hart getroffen.
Read 4 tweets

Did Thread Reader help you today?

Support us! We are indie developers!


This site is made by just two indie developers on a laptop doing marketing, support and development! Read more about the story.

Become a Premium Member ($3/month or $30/year) and get exclusive features!

Become Premium

Too expensive? Make a small donation by buying us coffee ($5) or help with server cost ($10)

Donate via Paypal Become our Patreon

Thank you for your support!

Follow Us on Twitter!