So einem Tweet ist hier jeder schon begegnet: "Forscher sicher: Gender ist ein soziales Konstrukt."

Diesen Thread schreibe ich, damit Sie das nächste Mal, wenn Sie so einer Behauptung begegnen, mit viel Gewissheit und wissenschaftlicher Autorität sagen können: Bullshit! (1) Image
(2) Eine Vorbemerkung: Die empirische Forschung in Psychologie, Biologie, Soziologie und Neurowissenschaft zu Geschlecht, Sozialisierung und sozialen Rollen ist gut: nuanciert, konstruktiv, hochwertig. Gender ist Teil Biologie, Teil Kultur und niemand weiß genau, wie viel wovon.
(3) Nur in Gender Studies und bei Aktivisten will man davon nichts wissen. Nach der bekannten Feministin Ruth Bleier ist Gender "an arbitrary, ever-changing socially constructed set of attributes that are culture-specific and culturally generated." ISBN:0880481366, S.178
(4) Was so eine These wert ist, sehen wir in den Daten. Wenn Gender primär oder exklusiv kulturell ist, dann müssten Genderunterschiede kulturübergreifend sehr groß sein -- so verschieden, wie Kulturen weltweit eben bunt und divers sind.

Problem: Es ist nicht so. Im Gegenteil.
(5) Wer weibliche/männliche Persönlichkeit global misst, findet frappierend wenig Unterschiede. Von Uganda bis Schweden dasselbe Bild.

Nur ein Beispiel: Frauen sind im Schnitt empirisch messbar überall personenorientierter, altruistischer, sensibler und emotionaler als Männer.
(6) Die Tabelle zeigt Studienergebnisse aus 50 Ländern. Die Zahlen stehen für mittlere Geschlechtsunterschiede, + heißt: höhere Ausprägungen bei Frauen.

Die Differenzen sind eher klein (d<0,5), aber eben völlig konsistent. Kein einziger Richtungsunterschied, keine Abweichung. Image
(7) Glauben wir wirklich, diese Gleichheit entsteht ohne Biologie? Gender ist Kultur, aber zufällig werden auf allen Kontinenten, in reichen und armen Ländern, individualistischen und kollektivistischen, modernen und traditionellen Kulturen Mädchen alle gleichförmig sozialisiert?
(8) Und noch ein Ergebnis passt nicht zur Kultur-Theorie: Wenn Genderunterschiede nur Sozialisierung sind, dann müssten sie in progressiven Staaten, die Wert auf genderneutrale Erziehung legen, über Zeit kleiner werden.

Problem: Sie werden nicht kleiner. Sie werden sogar größer.
(9) Eine Studie mit 23.000 Männern und Frauen in 26 Ländern ergibt, dass Geschlechtsunterschiede bei Persönlichkeitsmerkmalen wie Extroversion, Verträglichkeit, Offenheit in Europa und Amerika signifkant größer sind als in Afrika oder Asien. DOI:10.1037//0022-3514.81.2.322 Image
(10) Eine zweite Studie repliziert diese Ergebnisse in 55 Ländern mit anderen Daten und Ansätzen. Das Ergebnis ist gleich: Je individualistischer und wohlhabender ein Land, desto größer die durchschnittlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. DOI:10.1037/0022-3514.94.1.168 Image
(11) Eine weitere Studie korreliert den Global Gender Gap Index für 22 Länder mit Persönlichkeitsausprägungen. Auch hier: Je gerechter ein Land im Index, desto größer die Unterschiede. Die Gesamtkorrelation liegt bei r=.69, ein sehr substanzieller Effekt.
DOI:10.1002/ijop.12529
(12) Das Bild, das solche Studien zeichnen, ist immer dasselbe. Die Erwartung, dass Geschlechtsunterschiede durch Sozialisierung entstehen, bestätigt sich empirisch nicht. Im Gegenteil: Mehr Wohlstand und Freiheit führen zu größeren durchschnittlichen Geschlechtsunterschieden.
(13) Übrigens: Ein Ergebnis der Studie in Tweet 10 ist, dass sich dabei nicht so sehr die Frauen ändern, sondern vielmehr die Männer. Und das nicht nur bei Persönlichkeit, auch in Dingen wie Körpergröße, Gesundheit, Bildung, Konkurrenzdenken etc. Unklar ist, warum das passiert.
(14) Fazit: "Gender ist ein soziales Konstrukt" ist eine ins Absurde verkürzte und vor allem empirisch klar widerlegbare Behauptung. Weder als Diskussionsbeitrag noch als Grundlage für politische Richtungsentscheidungen kann man die Idee ernst nehmen. Wir sollten sie verwerfen.
(15) Es handelt sich hier auch nicht um ein rein akademisches Thema, sondern um eine Behauptung, mit der aktiv Politik gemacht wird. Bei Interesse: Hier ist ein praktisches Beispiel zum Thema Paritätsforderungen und MINT-Berufe.

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17 Mar
Pay Gap, Care Gap, MINT Gap, Health Gap: Soziale Geschlechterungleichgewichte sind die Regel, nicht die Ausnahme. Welche Gaps sind ok? Wo müssen wir handeln? Unsere Antworten sind geprägt von einem ganz eigenen kognitiven Bias. Ein Thread über die Psychologie von Gender Gaps (1)
(2) Ein Beispiel, um die Sache anschaulich zu machen: Gender Gaps im Arbeitsmarkt. In manchen Berufen sind Frauen unterrepräsentiert (z.B. MINT), in anderen Männer (z.B. soziale Berufe) (Grafik). In der politischen Debatte werden diese Gaps aber ganz anders interpretiert. Warum?
(3) Studien zeigen, dass wir soziale Ungleichheit sehr unterschiedlich wahrnehmen, je nachdem, welche Ursache wir vermuten. Empirische Beobachtungen spielen dabei eine Rolle, ebenso stereotype Weltbilder. Mehrere Studien untersuchen, was die Leute über die Beispiel-Gaps denken.
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22 Feb
Das generische Maskulinum macht Frauen unsichtbar, sagen die einen. Nein, alle sind angesprochen, sagen die anderen.

Welche mentalen Bilder lösen generische Bezeichnungen im Kopf aus? Das ist eine empirische Frage, keine ideologische. Ein Thread über sprachliche Experimente (1)
(2) Zwei Vorbemerkungen:
1. Hier gibt's nur Experimente, keine politische oder linguistische Theorie.
2. Ob und wie viel wir gendern, ist für mich keine Frage der Weltanschauung, sondern von Kosten und Nutzen. Deshalb habe ich in die Daten geschaut. Persönliches Fazit am Ende.
(3) Jetzt zur Sache: Schließt das generische Maskulinum Frauen in unseren Köpfen aus? Antwort: nein, aber. Aber, weil die Daten sehr klar zeigen, dass generische Maskulina auch keineswegs neutral gelesen werden. Wir tendieren offenbar deutlich zu einer männerzentrierten Lesart.
Read 21 tweets
22 Feb
Was mich an diesem Argument immer ein wenig stört, ist die etwas naive, eindimensionale Definition von "Macht" -- ausgerechnet aus theoretischen Strömungen, die sehr differenziert mit dem Begriff umgehen können.

Man könnte das auch etwas anders darstellen. Kurze Erläuterung:
(2) "Macht" hat Facetten. Ein einfaches Modell (nach Lukes): 1. Macht über Ressourcen und Entscheidungen; 2. Macht über die Agenda, Begriffe und "sagbare" Dinge; 3. Macht über ideologische Grundausrichtungen, Definitionen von richtig und falsch, Interessen u.ä.
(3) Die o.g. Argumente heben stets auf Macht im Sinne von 1. ab und blenden 2. und 3. eher aus. Gerade in diesen Bereichen entfalten identitätspolitische Positionen und Strömungen im Moment aber ganz erhebliche Wirkungen in der Gesellschaft, m.E. mehr als die Gegenpositionen.
Read 4 tweets
29 Nov 20
Diese Grafik macht gerade die Runde und wird von politisch links und rechts mit den üblichen Perspektiven bearbeitet.

Hier mal eine eher unorthodoxe und politisch vermutlich selbstmörderische Sicht auf das Thema. (1)
(2) Wir wissen aus der Genetik zweifelsfrei, dass sämtliche persönlichen Merkmale des Menschen genetisch mitbestimmt sind. Die "Erblichkeit" aller Merkmale beträgt insgesamt rund 50%. Familie, Schule und andere Umweltfaktoren bestimmen dagegen gerade mal 5%. Der Rest ist Zufall.
(3) So natürlich auch die persönlichen Merkmale, die Bildungserfolg mitbestimmen: Intelligenz, Fleiß usw. Insgesamt errechnen Forscher für schulischen Erfolg in westlichen Ländern eine "Erblichkeit" von 60%. Umweltfaktoren wie Vorurteile, Armut usw. erklären "nur" 20% der Varianz
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28 Nov 20
Falls Ihre Timeline nicht kontrovers genug ist, helfe ich Ihnen gerne mit diesem Thread über Unterschiede zwischen den kognitiven Fähigkeiten von Männern und Frauen aus.

Es gibt natürlich welche, aber nicht so, wie Sie vielleicht denken. Ein Blick in die Forschung (1)
(2) Zunächst: IQ-Tests ergeben bei Männern und Frauen beinahe identische Durchschnittswerte. Was viele Leute nicht wissen: Das ist Absicht. IQ-Tests sind sorgfältig kuratiert, um systematische Ungleichgewichte zu vermeiden. Der Blick auf Mittelwerte verrät uns also wenig (Q1).
(3) Aussagekräftig ist dagegen die Erkenntnis, dass IQ bei Männern variabler verteilt ist (Grafik zur Illustration). Das heißt: In den Extrembereichen der IQ-Verteilung sind Männer häufiger vertreten als Frauen und das Ungleichgewicht wächst, je weiter man an die Ränder geht (Q2)
Read 13 tweets
20 Oct 20
Am Wochenende wird mal wieder die Uhr umgestellt, wir bekommen eine Stunde Schlaf geschenkt. Na und?, denken Sie jetzt vielleicht, was kann die eine Stunde mehr oder weniger schon ausmachen?

Mehr als Sie denken. Ein Thread über die wahrlich furchteinflößende Schlafforschung (1)
(2) Damit Sie mal ein Gefühl für die Dimensionen bekommen: Eine Studie mit 42.000 Patienten über 3 Jahre zählt an Montagen nach der Sommerzeitumstellung 24% mehr Herzinfarkte als üblich, nach der Umstellung auf Winterzeit dafür 21% weniger. DOI:10.1136/openhrt-2013-000019
(3) Eine Studie aus Spanien ermittelt ein um 30% gesteigertes Risiko für einen tödlichen Autounfall am Tag nach der Sommerzeitumstellung und schätzt, dass die Zeitumstellung auf diese Weise jährlich 5 Spaniern zusätzlich das Leben kostet. DOI:10.1097/EDE.0000000000000865
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