Jüngst hat @maithi_nk dargelegt, dass ihr bewusst geworden sei, dass mehr Wissenschaftler in den Medien nicht zu mehr Aufklärung, sondern Verwirrung geführt hätten. Sie plädiert für Standards für wiss. Komm. ähnlich zum Peer Review.

Warum ich das für nicht richtig halte:
(1/18)
Zunächst ist der Vergleich mit dem Peer Review (PR) und der Kommunikation in der Wissenschaft nicht ideal. Bei Fachartikeln (Papern) schreiben Fachleute über Fachthemen für Fachleute. Diese Artikel werden von anderen Fachleuten begutachtet. 2/18
Diese Paper sind daher auch kaum für Outsider interessant. Leute (nicht Mai!) unterschätzen, wie spezialisiert solche Artikel und damit uninteressant sie für die Masse sind. Nur deshalb funktioniert ein PR auch: Die „Peers“ arbeiten oft seit Jahrzehnten hochspezialisiert. 3/18
Für die Masse sind aber idR interdisziplinärere Fragen interessant. Das macht hier ein PR schwierig bis unmöglich, wenn es auf einem ähnlichen Niveau sein soll, weil entsprechende Reviewer fehlen. Zudem dauert ein echtes PR oft viel zu lange für herkömmlichen Journalismus. 4/18
Deshalb schätze ich auch die Arbeit von guten Wissenschaftskommunikatoren wie @maithi_nk oder @Axel_Bojanowski so sehr, weil es unheimlich anspruchsvoll ist, in kurzer Zeit so tief in fremde Themen einzutauchen, Fachliteratur zu erfassen und sie verständlich zu verpacken. 5/18
Gleichzeitig muss man anerkennen, dass dieser Aufwand für täglichen Journalismus zu viel sein dürfte. Bei der Flut an Artikeln kann das kaum gewährleistet werden. Zumal sich auch die Frage stellt: Was genau sollte alles zusätzlich überprüft werden? 6/18
Trifft das jetzt auch Artikel zu anderen, alltäglicheren Themen? Wo hört „Wissenschaft“ auf? Sind nur MINT-Fächer gemeint? Entsprechende Fachleute dürften zu beinahe jedem Thema, dass in den Massenmedien mit einem Artikel bedacht wird, etwas zu kritisieren haben. 7/18
Faktisch ist es aber so, dass aus gutem Grund Artikel aus den Massenmedien und Tageszeitungen und Paper klar getrennt sind. Artikel in MM, egal wie gut recherchiert, ersetzen keine Fachpublikationen. 8/18
Ein mögliches „Qualitätssiegel“/„TÜV“ für Wissenschaftskommunikatoren mutet für mich auch kurios an, da (abgesehen von der Frage, wer ihn vergeben soll), die Standards der guten wissenschaftlichen Praxis bereits Bestandteil jedes naturwissenschaftlichen Studiums sind. 9/18
Formal haben alle kritisierten Wissenschaftler diese Dinge gelernt. Es ist also nicht mangelnde Kompetenz, sondern der Unwille, diese anzuwenden. 10/18
Die Herrschaft über die Publikation zu bestimmten Themen, die der breiten Masse zukommen lassen, ist aus den Eingangs genannten Gründen ein ungleich mächtigeres Verfahren zur Kontrolle, als es ein PR für Fachartikel ist. 11/18
Auch im PR bleiben manche Erkenntnisse zu Unrecht unpubliziert. Und hier muss deshalb zwischen Publikationsfreiheit in den Wissenschaften und im Mainstream unterschieden werden. Mainstream hat eigene Korrekturmechanismen. 12/18
Ein anderer Aspekt ist die Frage, ob nicht Verschwörungstheoretiker sich bewusst andere Quellen suchen würden, die ein solches Siegel nicht tragen. „Qualitätsmerkmale“ sind nicht vor Kritik und Skepsis gefeit. 13/18
Ich teile außerdem auch nicht die These, dass mehr Wissenschaftler in der Öffentlichkeit zu mehr Verwirrung geführt hätten. Im Gegenteil, die Popularität von bspw. Drosten und das Interesse an dem Diskurs zur Situation zeigen eine gute Intuition bei der breiten Bevölkerung. 14/18
Im Gegensatz dazu wurden auch schon in der Vergangenheit Paper von Journalisten und Nicht-Fachleuten in den Medien zitiert und auf völlig irritierende Weise wiedergegeben, was zu deutlich mehr Verwirung geführt haben dürfte. 15/18
Am Ende kann man Mais Punkt auf folgende Frage runterbrechen:
Wie verhindert man Verwirrung unter Nicht-Fachleuten zu relevanten, komplexen Themen? Dies kann man von zwei Seiten betrachten: Von Sender- oder von Empfängerseite. 16/18
Mai fokussiert sich hier auf die Senderseite: Eindeutige und hohen Standards entsprechende Informationen sollen verbreitet werden. Aus den genannten Gründen halte ich das für schwierig. Deshalb würde ich eher auf Empfängerseite ansetzen wollen. 17/18
Das bedeutet: Schon in Schulen das kritische Hinterfragen von Autoritäten und Quellen lehren, Medien- und Informationskompetenz in den Fokus rücken. Dies sind Fragen der Bildung. Und da sollten wir ansetzen, nicht bei Publikationseinschränkungen. 18/18

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19 Sep
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19 Apr
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