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16 Oct, 41 tweets, 10 min read
1981 gewann sie mit Bergisch Gladbach die erste inoffizielle Frauen-Weltmeisterschaft, 1982 führte sie die Frauen-Nationalmannschaft als Kapitänin zu ihrem ersten Länderspiel an.

Ein Thread über Anne Trabant-Haarbach, einer Pionierin des Frauenfußballs:

(1/40) #FridayThreads
Anne Trabant-Haarbach, geboren am 01.01.1949, wuchs im Dorf Emlichheim an der niederländischen Grenze auf. Die Fußball-Euphorie durch den Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 steckt auch sie an, was sie dazu bewegt, Fußball zu spielen. (2/40)
In der Freizeit spielt sie immer mit den Nachbarsjungen auf dem Bolzplatz. Die Jungen lassen sie mitmachen, weil einer fürs Tor fehlt. Ihr jüngerer Bruder spielt im Verein. Der zugehörige Trainer ließ sie ebenfalls mitspielen, aber nur im Training. (3/40)
1955 war Frauenfußball verboten. Die Begründung des DFB lautete: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“ (4/40)
Der DFB droht seinen Vereinen mit harten Strafen, wenn sie Frauenmannschaften gründen oder ihnen erlauben, auf ihren Plätzen zu trainieren. Anne war das einzige Mädchen in Emlichheim, das Fußball spielte. (5/40)
Trotzdem hatte sie ihr großes Ziel schon damals fest gemacht: „Ich werde einmal in einer Frauen-Nationalmannschaft spielen.“

Das ging so weiter, bis Anne in die Pubertät kommt. „Fußball ist nichts für Mädchen.“ – sagte ihre Mutter und verlangte, dass sie aufhört. (6/40)
„Ich empfand es als Kind einfach nur ungerecht. Erst später nahm ich die Ausgrenzung als Herausforderung wahr, um den Männern zu zeigen, dass Frauen auch Fußball spielen können.“ – so Anne Trabant-Haarbach. (7/40)
1969 zieht Anne Haarbach zum Sportstudium nach Mainz und spielt zunächst Handball und betrieb Leichtathletik. An der Uni darf Haarbach nicht an den Fußballkursen teilnehmen. Die sind den Männern vorbehalten. (8/40)
An ihrem ersten Tag in der Stadt kommt die 20-Jährige an einem Plakat vorbei. Der Mainzer Turnverein von 1817 wirbt für ein Freundschaftsspiel zwischen zwei Frauenmannschaften. (9/40)
Sie kauft sich einen Stadtplan, läuft zum Stadion und fragt den Trainer des Vereins, ob sie mitspielen darf. Er sagt ja. In der Mannschaft findet die Studentin sofort Anschluss und entwickelt sich dort zu einer hervorragenden Technikerin. (10/40)
Frauenfußball war zwar verboten, aber trotzdem organisierten viele Frauen Freundschaftsspiele. Aus Angst, dass die Frauen einen eigenen Verband gründen, hebt der DFB 1970 das Verbot auf. (11/40)
Nach der Erlaubnis sorgte das für viel Spott bei Männern. Der DFB-Präsident Hermann Neuberger, sagte z. B: „Ich sehe Mädchen lieber Tennis als Fußball spielen.“

Während der ersten Spiele forderten viele Schaulustige den „Trikottausch“. (12/40)
„Dumme Sprüche gab es eigentlich immer. Ich musste ständig um Anerkennung kämpfen, nicht nur auf dem Platz.“ - erinnert sich Anne Trabant-Haarbach.

Doch es gibt auch Männer, die sich für den Frauenfußball stark machen. (13/40)
Der Manager des rheinland-pfälzischen Vereins TuS Wörrstadt setzte sich für eine Deutsche Meisterschaft im Frauenfußball ein und hatte Erfolg. Wörrstadt macht sich daraufhin auf die Suche nach den besten Spielerinnen. (14/40)
Bei einer Partie gegen Mainz 1817 fegen die Wörrstädterinnen Haarbachs Team 7:1 vom Platz. Im Spiel gegen Wörrstadt konnte Haarbach so überzeugen, dass Wörrstadt angefragt hat, ob sie nicht für Wörrstadt spielen wolle. Sie nahm die Anfrage an. (15/40)
Im Sommer 1974 spielte Anne Haarbach für die TuS Wörrstadt. Parallel arbeitet sie als Sportlehrerin an einer Grundschule und lernt für die Prüfungen in Mainz. Für das Training pendelte sie drei Mal die Woche zwischen Mainz und Wörrstadt. (16/40)
In der ersten Saison gewinnt die TuS Wörrstadt die erste Deutsche Meisterschaft. Nach dem Spiel weinte Anne in der Kabine. Zum ersten Mal hatte sie ein Erfolgserlebnis. Die ganzen Strapazen hatten sich gelohnt. (17/40)
1975 ist der Bonner SC ist auf die technisch begabte Mittelfeldspielerin aufmerksam geworden. In einer Zeit, in der die Ausbildung „Männersache“ ist, engagiert der Verein die 26-Jährige als Spielertrainerin. (18/40)
Vor Beginn der Saison 1975 hält sie eine Ansprache an ihr neues Team: „Ziel ist der Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Wer das nicht ernst nimmt, kann gleich nach Hause gehen.“ (19/40)
Frauenfußball ist zu dem Zeitpunkt eher ein "Hobbystatus". Vom Verein gibt es höchstens Fahrtgeld oder mal ein Essen. Um Erfolg zu haben, verdoppelte Haarbach die Trainingseinheiten und übte viele Grundtaktiken. (20/40)
Die Mühen zahlten sich aus. Als Spielertrainerin führte Anne Haarbach den Bonner SC ins Finale, schoss in diesem ein Traumtor und schlug den FC Bayern mit 4:2. Zum zweiten Mal ist sie Deutscher Meister. (21/40)
Zwei Jahre später wechselt Anne Haarbach zur SSG 09 Bergisch Gladbach, die unter ihrer Führung zum besten Verein des Jahrzehnts aufsteigt. Von 1979 bis 1883 gewann man die Deutsche Meisterschaft. 1982 und 1983 holten sie den DFB-Pokal. (22/40)
Ihren Unterhalt verdient Anne als Sportlehrerin an einem Gymnasium. Sie heiratet ihren Freund, mit dem sie seit der Schule zusammen ist. Die Ehe ist nichts für sie, nach zwei Jahren lässt sie sich scheiden. Anne Trabant-Haarbach – ihren ehelichen Nachnamen behält sie. (23/40)
1981 erreichte sie ein Schreiben vom DFB. Es ist eine Einladung zu einer Teilnahme an einer inoffiziellen Weltmeisterschaft der Frauen in Taipeh. Weil man keine Frauen-Nationalmannschaft besitze, schickte der DFB in seiner Verlegenheit Bergisch Gladbach nach Taiwan. (24/40)
„Taiwan hatte ein politisches Jubiläum, die chinesische Oktoberrevolution. Sie haben versucht, durch dieses Turnier wirtschaftliche Kontakte zu knüpfen. Deshalb ging auch die Einladung nach Deutschland.“ – erzählte Anne Trabant-Haarbach. (25/40)
An den Reisekosten beteiligte sich der DFB nicht. Der Bürgermeister von Bergisch Gladbach überreicht der Mannschaft zur Abreise einen Scheck über 15.000 Mark und zwei Fußbälle. Die Spielerinnen haben für die WM ihren Jahresurlaub genommen. (26/40)
Bei den 16 Teilnehmern wie z. B. Frankreich oder U.S.A gab es dazwischen noch die SSG 09 Bergisch Gladbach, die keiner aussprechen konnte. Der Ansager im Stadion in Taipeh taufte sie einfach „Team Germany“. (27/40)
„Team Germany“ konnte Länder wie Indien oder Neuseeland eindeutig schlagen. Es ging bis ins Finale wo die Niederlande vor 36.000 Zuschauern wartete. Bergisch Gladbach gewinnt 4:0, „Team Germany“ ist Weltmeister. (28/40)
„Das Turnier lief sehr gut. Wir haben Norwegen mit 3:0 oder 4:0 vom Platz geschickt. Auch die Niederländer. In zehn Tagen haben wir sieben Spiele absolviert. Und am Ende kamen wir als Weltmeisterinnen heim. Das war unglaublich für uns. Ein unvergessliches Erlebnis.“ (29/40)
Schon im nächsten Jahr will der Europäische Fußballverband die erste offizielle Europameisterschaft der Frauen ausrichten. Unter Zugzwang fragte der DFB bei Anne an, ob sie bereit sei, eine Nationalelf aufzubauen. (30/40)
Die Leitung traut ihr der DFB allerdings nicht zu. Als Assistentin von Gero Bisanz sichtet Anne neue Spielerinnen, konzipiert das Training und führte die Nationalmannschaft mit der Binde an. (31/40)
Am 10.11.1982 wird das erste offizielle Spiel der Frauen-Nationalmannschaft gegen die Schweiz ausgetragen. Vor der Kabine hat sie eine ehemalige Spielerin von Wörrstadt angesprochen: „Mensch Anne, das ist es. Du erfüllst endlich unseren Traum.“ (32/40)
„Ich kann wirklich sagen, dass ein Kindheitstraum in Erfüllung ging. Spiele der Nationalmannschaft waren immer etwas Besonderes. Und plötzlich stand ich selbst im Nationaltrikot auf dem Platz. Da liefen mir bei der Hymne schon die Tränen…“ (33/40)
„…Es war einfach ein erhebendes Gefühl. Und für uns Frauen eine Anerkennung, nachdem man uns jahrelang Steine in den Weg gelegt hatte.“

Vor dem ersten Länderspiel befand sich Anne noch am Zenit und hatte mehrere Meniskusoperationen hinter sich, trotzdem lief sie auf. (34/40)
Die Schweiz wird von der neuen deutschen Nationalmannschaft demontiert. Besonders auf sich aufmerksam gemacht, hat eine junge Fleischereifachverkäuferin, die Trabant-Haarbach ins Team geholt hat. Ihr Name lautet Silvia Neid. (35/40)
Nach 7 weiteren Länderspielen beendete Anne 1983 ihre Fußballkarriere und gehörte nun der Fachzeitschrift „Fußballtraining“ an. Sie arbeitet bis heute in der Redaktion. Als Lehrerin ist sie weiterhin tätig. (36/40)
Mit Bergisch Gladbach führte sie die Mannschaft als Trainerin zur Meisterschaft 1988 und 1989. Es waren ihre letzten Titel. 1992 entschied sie sich dazu ihre Trainerkarriere zu beenden. (37/40)
„Der Druck wurde zu groß. In Bergisch-Gladbach musste immer ein Titel her. Hinzu kam, dass ich oft eine neue Mannschaft aufbauen musste, weil Spielerinnen wechselten. Es sieht leicht aus, ein Frauenteam zu leiten. Ich wurde müde, immer wieder bei null anfangen zu müssen.“ (38/40)
Zu Ehren der Mannschaft von 1981 veröffentlichte Regisseur John D. Seidler 2019 die Doku „Das Wunder von Taipeh“.

„Diese Frauen wurden damals als rebellische Störenfriede empfunden...Vielleicht steht man auch einfach ungern zu dieser Generation von Pionierinnen.“ (39/40)
40 Jahre später gratulierte immer noch niemand vom DFB. Nicht mal auf der DFB-Website steht etwas. Resonanz zum Film, gab es auch keine.

Trabant-Haarbach: „Die Kränkung, dass man bis heute nicht die Würdigung in diesem Fußballgeschäft erhalten hat, die ist bleibend da.“ (40/40)

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