Der Spiegel hat Fragen an Prof Sandra Ciesek, Virologin: „Ist Ihnen klar, dass Sie die Quotenfrau sind?“ „Drosden ist ein Popstar, Sie hingegen sind die Neue AN SEINER SEITE.“ „Sie klingen mach Volkshochschule. Wollen Sie es in Zukunft spannender machen?“ spiegel.de/wissenschaft/s… ImageImageImage
Das Interview ist exemplarisch dafür, wie Frauen behandelt werden, wenn sie Raum in der Öffentlichkeit einnehmen - also einfach sichtbar DA SIND. Daher ein kurzer Thread dazu, was der Spiegel hier macht:
Background: Prof. Ciesek wird nun regelmäßig vom NDR für den Corona-Podcast interviewt. ist Virologin und leitet ein virologisches Institut an einer Universität. Sie ist also formal genau gleich qualifiziert wie Prof. Drosden.
Die 1. Frage ist aber keine fachliche, sondern betont, dass Ciesek nicht wegen ihrer Qualifikation da sei, sondern wegen QUOTE. Aber sie stoppt da nicht - der Spiegel fragt, ob ihr BEWUSST sei, dass sie da gar nicht hingehört. "Ist Ihnen bewusst, dass Sie die Quotenfrau sind?"
Diese "Frauen-Quote" gibt es weder formal noch real, in Wahrheit gibt es bisher eine fast 100%ige Männerquote bei virologischer Expertise in Medien. Der Inerviewer erfindet sie, um drei Dinge klarzumachen: 1. Ciesek ist zuerst Frau und dann erstmal nichts
2. ihre Expertise genüge nicht, um als Frau in der Öffentlichkeit zu stehen 3. noch der Hinweis, ob ihr BEWUSST SEI, dass dies EIGENTLICH nicht ihr Platz ist. Das transportiert ungebrochen das Bild, dass Männern die Öffentlichkeit gehört, den Frauen die Arbeit im Hintergrund.
zweite Frage: Der Interviewer stellt Drosden und Ciesek gegenüber. Der eine POPSTAR und BUNDESVERDIENSTKREUZ - die andere DIE NEUE AN SEINER SEITE. Message ist nicht nur "Du bist nichts" sondern auch: Frauen sind an der Öffentlichkeit nur als Beiwerk für Männer denkbar.
Auch das ist vom Spiegel schlicht erfunden - Ciesek steht im NDR Podcast nicht AN DER SEITE Drosdens, sondern wird einfach ebenso wie er - einzeln! - als Virologin interviewt. Warum verwendet der Interviewer dann dieses Bild?
"An der Seite von" legt 1. eine Hierarchie im Raum fest: Mann in der Mitte, Frau an der Seite. 2. evoziert es Bilder von Ehefrauen & Assistentinnen. Es zementiert das Bild, dass Frauen nur dann Raum in der Öffentlichkeit haben, wenn ein Mann sie als Accessoire/Dienerin mitnimmt.
Dritte Frage unterstellt, Cieske klinge nach "Volkshochschule". Das ist eine Abwertung zum Wort "Universität" und evoziert den Frauenberuf "Volksschule" - etwas für Kinder. Und fragt: "Wollen Sie es in Zukunft spannender machen?"
Auf diese Frage kann es keine sinnvolle Antwort geben - sie ist auch nicht dafür gestellt. Sondern sie ruft das Klischee hervor, dass Frauen nicht in der Lage seien zu unterhalten ("Frauen sind nicht lustig!") und deshalb keinen Platz an der Medien-Öffentlichkeit haben sollten.
Dann folgen zwei Fragen dazu, wie sie mit Angriffen umgeht, und auf Ihre Antwort die Bemerkung: "Drosden schreibt dann gerne mal eine freche Antwort." Das transporiert ein weiteres Bild: Frauen könnten nicht kämpfen und seien daher ungeeignet für Macht und Öffentlichkeit.
In der sechsten Frage wird Cieske gefragt, wie sie sich zwischen Drosden und Streeck einordnet. Bild: Männer sind die Referenzpunkte, die Frau richten sich nach ihnen aus, ihre Standpunkt kann nur in Bezug zu Männern beschrieben werden.
Die Hälfte des Interviews ist also nicht Fachfragen gewidmet, sondern transportiert in Fragen, die eigentlich kleine Angriffe sind, ob Cieske ALS FRAU überhaupt ein Recht habe, die Interviews zu geben, um die der NDR bei ihr angefragt hat. Fazit: Es ist kostet so viel Kraft.
ps ja, das Interview wurde von Frauen geführt, danke für den Hinweis! Aber das macht keinen Unterschied. Schon das Patriarchat hätte nie funktioniert, wenn Frauen nicht aktiv daran mitgearbeitet hätten, ..
und es sind oft Frauen, die aandere Frauen an "ihren Platz" verweisen. Frauen sind in derselben Gesellschaft aufgewachsen, haben dieselben Bilder von Geschlechterhierarchien im Kopf und transportieren sie, bewusst oder unbewusst. Auch ich. Reflexion ab und an ist nützlich.
ps mehrere Männer haben geantwortet, sie wären bei solchen Fragen aufgestanden und gegangen. Das funktioniert aber wiederum nur aus einer Machtposition heraus. Denn wisst ihr was passiert, wenn eine Frau das macht? Dann ist sie ZICKIG und ZU EMOTIONAL (sie hat wohl IHRE TAGE.)
Deshalb brauchen Frauen unendlich starke Nerven und müssen solche Provokationen gelassen weglächeln. Sonst war's das wieder mit dem eben erst bekommen Raum an der Öffentlichkeit oder Macht.
zum Abschluss des Threads noch die - ebenso exemplarische - Reaktion des leitenden Redakteurs: Statt einer Entschuldigung oder Reflexion fragt er @CiesekSandra: „Was ist denn so schlimm daran?“ Eine typische Reaktion auf Frauen, die sich auf solche Angriffe reagieren.
Auch in den Varianten „Stell dich nicht so an“ oder äsei nicht so empfindlich“ bekannt, macht man die Zielperson der Angriffe für dessen Wirkung verantwortlich und evoziert dabei das Bild der nicht satisfaktionsfähigen Frau, die zu weich ist, um in der Öffentlichkeit zu bestehen.
Zugleich wird aber bestritten, dass überhaupt ein Angriff stattgefunden habe, er wird bewusst in die Fantasie der Angegriffenen verlagert. So spricht man attackierten Frauen die Fähigkeit ab, die Wirkung eines Angriffs einzuschätzen, obwohl sie das als einzige können.
Übrigens eine klassische Täterstrategie (google gaslighting). Der Effekt ist dreifach: 1. negiert Verantwortung des Angreifers 2. er macht das Opfer lächerlich und teägr so dazu bei, dass es nicht nochmal Raum nimmt 3. er sendet ein Signal an alle anderen:
das Signal an Frauen: Traut euch nicht dorthin, wo ihr nicht hingehört. Haltet euch brav im Hintergrund. Seid leise. Wenn ihr Raum in der Öffentlichkeit einnehmt, greifen wir an. Wenn ihr darüber sprecht, machen wir euch lächerlich und stellen eure psychische Stabilität in Frage.
sowas geschieht jedesmal, wenn eine Frau Raum an der Öffentlichkeit einnimmt. Irgendwer übernimmt immer die Rolle, sie zu atttackieren, zu verunsichern, zu deligitimieren. Den Versuch, sie zurückzuscheuchen. Das hier ist nur ein (anschauliches) Beispiel.
Aber, und damit beende ich den Thread positiv: Vor ein paar Jahren hätte das noch niemand thematisiert, heute gibt es einen Aufschrei. Es ist nicht mehr so normal. Das feiere ich. Es verlangt aber von uns allen - Männern wie Frauen - Reflexion. Die Muster tragen wir alle in uns.
somit gute Nacht, danke für die vielen Reaktionen und sorry für die vielen Handy-Tippfehler. Jetzt lassen wir @CiesekSandra besser wieder die Pandemie bekämpfen und erklären, ich freue mich auf die Podcasts mit Ihnen, Frau Prof! /Thread Ende
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