Ich habe das Gefühl ich müsste mich mehr zum Thema #Islamismus äußern. Einfach das Ganze verurteilen reicht aber nicht. Stattdessen möchte ich euch die Geschichte des Islamismus erzählen und meine Ansicht verdeutlichen wie man dagegen am Besten ankämpft. (Thread) /1
1. Was ist eigentlich #Islamismus?: Der Begriff wird häufig sehr unterschiedlich von Medien und Experten verwendet. Manchmal einfach nur als Synonym für "politischen Islam", andere Male eher synonym mit islamischem Fundamentalismus und Radikalismus. Beide Gleichsetzungen /2
sind problematisch. Ursprünglich beschrieb #Islamismus fast ausschließlich "politischen Islam". Hierunter vielen aber eine ganze Reihe sehr unterschiedlicher politischer Strömungen, Ideen und Einzelpersonen. Mit unterschiedlichen Haltungen zu Demokratie, Modernisierung etc. /3
Heute beschreibt #Islamismus nur jene politischen Ideologien, welche gezielt die Etablierung eines totalitären Staates anstreben und nicht einfach nur jene, welche politische Ziele irgendwie "islamisch" formulieren. Daher ist auch der Begriff "politischer Islam" fragwürdig /4
2. Die Geschichte: Es ist nicht leicht exakt fest zu legen wo #Islamismus began. Wie auch das Christentum in Europa (oder die meisten anderen Religionen) erfüllte der Islam Jahrhunderte hinweg primär eine politische Funtkion. Die "Politisierung des Islams" ist ergo nicht /5
der Anfang des #Islamismus. In der Regel beginnt man bei der Geschichte des Islamismus beim sog. "Pan-Islamismus" und genauer bei den Gelehrten Dschamal ad-Din al-Afghani, Muhammad Abduh und Rashid Rida. Und hier wird auch klar warum Islamismus ≠ Fundamentalismus ist. /6
Pan-Islamismus entstand als ein Gegenkonzept zu den (eher) post-kolonialen, nationalistischen Ideologien wie Pan-Arabismus. Beide verfolgten ein ähnliches Ziel. Der #Kolonialismus war vor allem für die MENA-Region eine Identitätskrise, welche bei Muslimen Fragen aufwarf /7
Während im "Mittelalter" die "islamische Welt" gut mit dem "Westen" sowohl militärisch, als auch wissenschaftliche mithalten konnte (und stellenweise sogar weiter war), wurde sie ab dem späten 18 Jhdt. in all diesen Bereichen vom Westen dominiert /8
Die Ideologien des 20. Jhdt. versuchten sowohl Antworten auf den Niedergang zu finden, als auch auch die "islamische Welt" zu "altem Glanz" zurück zu führen und eine gemeinschaftliche Identität zu etablieren, welche genügend Kraft mobilisiert um westliche Dominanz zu beenden /9
Hier soll aber nicht der falsche Eindruck entstehen ich würde diese Ideologien als "noble, antiimperialistische Bewegungen" hinstellen. Es war zwar eine Opposition zu westlichem Imperialismus, aber gerade die nationalistischen Ideologien resultierten häufig in Militär /10
-Diktaturen welche sich, im Sinne der "nationalen Homogenität" gegen ethnischen Minderheiten wandten. Der Pan-Islamismus war der Ansicht, dass anstelle von nationalen/ethnischen Identitäten eine gemeinschaftliche "muslimische" Identität stärker als antiimperialistische Kraft /11
wäre. Al-Afghani und Abduh ging es auch primär um die anti-kolonialen Ziele und den Fortschritt. Die beiden waren auch alles andere als Fundamentalisten, im Gegenteil. Beide gelten als Vorreiter für modernistische, rationalistische und progressive Lesarten des Islams /12
Abduh war der Ansicht, dass die Intentionen (Maqasid) der Shariah eine Priorität vor der altertümlichen Praxis hätten. Man müsse Islam daher nicht so leben wie im 7 Jhdt. und man könne Gesetze und Dogmen modernisieren, solange man die Intentionen dahinter ehrt /13
Auf Basis dessen lehnte Abduh z.B. die Polygamie ab und sah sie wenn dann nur in Kriegszeiten begründet. Sein Lehrer, al-Afghani, gab sich hin und wieder sogar überraschend islamkritisch. Bei seinem Briefwechsel mit dem französischen Orientalisten Ernest Renan /14
Plädierte al-Afghani für eine strikte Trennung von Religion und Wissenschaft, da alle Religion (und genau so der Islam) eine anti-wissenschaftliche Tendenz hätten. Einen totalitären Islam, der über jeden gesellschaftlichen Bereich bestimmt, befürwortete er daher nicht /15
Abduh war der Ansicht, der Niedergang des islamischen Welt wäre darauf zurück zu führen, dass sich die Muslime vom "wahren Islam" und dessen Intention entfremdet hätte. Die rationalistische Geist des Westens wäre, so Abduh, näher am Islam, als die Mentalität der Muslime /16
Abduh und al-Afghani waren dementsprechend auch nicht per se "anti-westlich", obwohl sie sich als Anti-Kolonialisten verstanden. Stattdessen waren sie der Ansicht man müsse vom Westen lernen um sich von ihm zu befreien und ihn zivilisatorisch auf holen zu können /17
Ein Turning Point kam aber mit Abduhs Schüler: Rashid Rida. Rida meinte, dass der Niedergang der islamischen Welt, auf den Niedergang des Kalifats und somit der "Ummah" zurück zu führen sei. Auslöser hierfür war wohl die endgültige Abschaffung des Kalifats unter Atatürk /18
Während das Kalifat schon Jahrhunderte vorher an polit. Relevanz verlor, so war es in den 1920ern nun offiziell Geschichte. Für viele islamische Denker resultierte das Ende des Kalifats in einem massiven Umdenken. Ihr Schluss: Das Kalifat muss zurückkehren. Aber wie? /19
Rashid Rida hat nicht komplett mit den modernistischen Ansätzen seiner Lehrer gebrochen. So war auch er der Ansicht, dass ein Kalifat im 20 Jhdt. nicht genau so sein sollte wie die alten Großreiche der Umayyaden oder Abbasiden. Stattdessen dachte Rida eher an eine Art /20
"Vereinte Nationen des Islams". Auch einen demokratischen Prozess lehnte er dabei nicht ab. Die Muslime sollten aber wieder eine tatsächliche Gemeinschaft, eine Ummah bilden. Mit den Vorstellungen des #IS hatte diese noch nicht viel gemein. Die Ideen Ridas /22
beeinflussten letzten Endes auch einen gewissen ägyptischen Lehrer mit dem Namen Hassan al-Banna, der Begründer der Muslimbruderschaft. Hab hier kommen wir dem was wir heute unter #Islamismus verstehen schon näher. Denn die Muslimbrüder gelten als der klassische Prototyp /23
einer Islamistischen Bewegung. Mit Hassan al-Banna erreichen wir nun
3. Die modernen Vordenkern des #Islamismus: Dieser Teil der Geschichte ist von einem gewaltigen Widerspruch geprägt. Radikalen anti-westlichen Einstellungen auf der einen Seite und der Einfluss /24
durch westliche Intellektuell (politisch rechte, wie linke) auf der anderen Seite. In der Zeit von Hassan al-Banna und Co. distanzierte sich die muslimische Welt nicht vom Westen. Im Gegenteil. Die Regime wollten vom Westen lernen und befürworteten eine stärkere /25
"Verwestlichung" der Gesellschaft. (Fortsetzung folgt) Dies war Teil 1 meines Threads zur Geschichte des #Islamismus. Mehr will mich Twitter nicht posten lassen. Teil 2 folgt heute. Ihr merkt wie lange, kompliziert und weitläufig diese Geschichte ist /26
TEIL 2: Wir sind bei den Vordenkern des #Islamismus stehen geblieben und deren widersprüchliche Haltung zu westlichem Denken. Hassan al-Banna wurde 1927 Lehrer in Ismailia einer Stadt im Suez Kanal. Ismailia war stark westliche beeinflusst und die Industrie dort auch /27
weiterhin in britischer Hand. Drei Jahre vorher wurde das Kalifat in der Türkei abgeschafft. Die regierende, nationalistische Wafd-Partei in Ägypten unterstütze Säkularisierung und eine stärkere Hinwendung zu westlichen Konzepten. Für al-Banna war dies ein globaler /28
Krieg gegen den #Islam. Wobei er die säkularen Nationalisten wie die Wafd-Partei und Atatürk als Komplizen des Westens in diesem Krieg betrachtete. 1928 nahmen sechs Arbeiter von unterschiedlichen Suez-Firmen Kontakt zu al-Banna auf und beschwerten sich über Ungerechtigkeit /29
gegen Araber und Muslime in der westlich kontrollierten Industrie. Dies war die Geburtsstunde der #Muslimbrüder. Zuerst vertrat al-Banna die Ansicht, dass die "Re-Islamisierung" der Muslime auf friedlichem Wege stattfinden soll. Später war er der Gewalt jedoch nicht /30
abgeneigt. Ein weitere Vordenker der Muslimbrüder sollte zu dem Schluss kommen, dass ein #Dschihad gegen die säkularen Regime die einzige Möglichkeit sei um die Verwestlichung der islamischen Welt zu stoppen. Dies war der Journalist Sayyid Qutb, der "Vater des Dschihadismus" /31
Qutb stammt aus bürgerlichem Hause und war in seiner Jugend wohl eher nicht stark religiös. Er fühlte sich eher zu den nationalistischen Ideen hingezogen und entwickelte sich zu einem Kritiker der Monarchie in Ägypten. Nach dem 2. Weltkrieg sollte Qutb für zwei Jahre in /32
die USA reisen. Er sollte das dortige Bildungssystem studieren. Die Gesellschaft die Qutb jedoch dort vorfand schockierte ihn und stoß ihn ab. Anstatt westliche Gepflogenheiten zu studieren machte er es nun zu seiner Mission die Verwestlichung seines Landes zu stoppen /33
Die Ironie: In seiner Kritik an der westlichen Gesellschaft und Mentalität bezog sich Qutb wiederholt auf westliche Denker. Denker welche die damalige westliche Gesellschaft ebenfalls als abstoßend empfanden. Häufig handelte es sich dabei um die Vordenker rechtsextremer /34
Ideologien. Im Fall Qutb war es der französische Arzt Alexis Carell. Auch andere islamische Denker zu jener Zeit wurden von Carell beeinflusst. Der Iraner Ali Shariati, welcher 1959 in Paris studierte befasste sich intensiv mit Carell. Aber auch andere rechte Denker /35
wurden rezeptiert. Ein anderer Iraner, den es ebenfalls nach Frankreich verschlug war Jalal Al-e Ahmed. Al-e Ahmed sprach von "Verwestgiftung". Er konzentrierte sich hierbei vor allem auf die Folgen der Mechanisierung für sowohl die westliche, als auch islamische Welt /36
Die Industrialisierung entfremdet, so Al-e Ahmed, den Iraner von seiner Kultur und seinem traditionellen Handwerk. Die Maschine macht ihn zu einem seelenlosen Sklaven. In seiner Kritik an der Industrialisierung bezieht sich Al-e Ahmed stark auf den rechten Autor Ernst Jünger /37
Aber nicht nur rechte Autoren hatten ihren Einfluss. Speziell für die beiden Iraner waren Klar Marx und Franz Fanon von hoher Bedeutung. Al-e Ahmed und Shariati entwickelten sich zu entschiedenen Anti-Kapitalisten und schlossen sich auch zuerst der kommunistischen Tudeh /38
Partei im Iran an. Zusammen mit Mahmoud Taleghani gelten die beiden als Vordenker eines islamischen Sozialismus im Iran. Auch Qutbs Kritik am Westen war nicht rein rechter Natur. Er beklagte vor allem die lockere Sexualmoral und mangelnde Spiritualität in den USA /39
Aber auch die Rassentrennung und der Kapitalismus in den USA waren für ihn "westliche Krankheiten". Sowohl Qutb als auch Shariati und Al-Ahmed sahen sich in ihrer Heimat mit Regimen konfrontiert, welche für sie die Verwestlichung (häufig mit Zwang) vorantrieben /40
Gerade der Iran ist hier nennenswert. Bevor der Iran das theokratische Regime von heute wurde, war er das exakte Gegenteil. 1925 wurde der General Reza Pahlavi zum neuen Shah von Persien. Reza Shah war ein anti-religiöser Hardliner und setzte die Annahme westlichen /41
Lebensstils mit Modernisierung gleich. Bevor man Frauen im Iran dazu zwang Schleier zu tragen, wurden sie unter Reza Shah dazu genötigt ihn NICHT zu tragen. Der Chadoor war strikt verboten und sollte einen Frau ihn doch tragen, durfte ihr der Schleier von Behörden mit /42
Gewalt entfernt werden. Das schloss Prügel mit ein. Auch von Männern wurde erwartet sich nach europäischen Vorbild zu kleiden und traditionelle Kleidung ab zu legen. In Ägypten war die Lage zu jener Zeit jedoch etwas anders. Anfang der 50er kehrte Qutb nach Ägypten zurück /43
und schloss sich den Muslimbrüdern an. 1952 stürzten ägyptische Offiziere die pro-westliche Wafd Regierung. Ein Putsch welche die Muslimbrüder und Qutb vorerst begrüßten. Während aber der Präsident Gamal Abdel-Nasser den politischen Einfluss des Westens beendete /44
so war auch er westlicher Modernisierung und Säkularisierung nicht abgeneigt. Abdel-Nasser ware nicht anti-religiös wie Atatürk oder Reza Shah. Dennoch war sein Verständnis des Islams eher unorthodox, pro-säkular und modernistisch geprägt. Die Muslimbrüder planten daher die /45
Die Ermordnung Abdel-Nassers. Das Attentat scheiterte. Die Folge: Massenhafte Inhaftierung, Folter und Hinrichtung von Muslimbrüdern (auch jenen die nichts mit dem Attentat zu tun hatten) auch Sayyid Qutb war davon betroffen. In seiner Haft schrieb Qutb sein Mangum Opus /46
Ma'alim fi-t Tariq (Zeichen auf dem Weg). Dieses Werk gilt als Grundlage des modernen #Dschihadismus. 1964 kam Qutb aus der Haft frei wurde aber ein Jahr später wegen angeblichen Putschplänen erneut verhaftet und 1966 hingerichtet. Die Exekution erfolgte durch Erhängen /47
Wichtig ist hier zu betonen, dass weder Qutb noch Shariati oder Al-e Ahmed eine prinzipielle Modernisierung des Islams konsequent ablehnten. Im Gegenteil. Gerade Shariati war in seinen Werken überraschend progressiv. Viele Stellen des Korans verstand er rein allegorisch /48
Er kritisierte auch die marginalisierte Stellung der Frau durch Traditionalisten und Konservative. Shariatis Bild der Frau lehnte zwar die (wie er es nannte) "freudsche Sexualisierung des Westens" ab, eine Frau die aber allein gebärt und Gefährten des Mannes war auch /49
nicht sein Idealbild. Für Shariati war klar, dass sein politischer Islam immer noch rationalistisch und pro-wissenschaftlich sein sollte. Selbst Qutb strebte keine Rückkehr in das 7 Jhdt. an. Obwohl anti-Demokrat und illiberal so war Qutb z.B. ein entschiedener Gegner der /50
Sklaverei. Für ihn ein archaisches System welches keinen Platz in seiner islamischen Utopie hatte. Wenn aber selbst diese Islamisten nicht die selbe Vision hatten wie der #IS und Co. heute was änderte sich dann? Und wie wurden diese Ideen überhaupt populär? Mehr in Teil 3 /51
TEIL 3: Nun wollen wir uns mit der Beziehung zwischen #Islamismus und Fundamentalismus befassen, mit den ideologischen Ursprüngen des #IS, so wie mit den Gründen für den Erfolg islamistischer Ideen. Wir befassen uns auch mit der islamischen Revolution von 1979 /52
Um die Herkunft es #IS zu verstehen müssen wir in der Zeit etwas zurückreisen. Genauer in das 18 Jhdt. auf die arabische Halbinsel, in die Region die heute Saudi-Arabien ist. Dort entwickelte ein hanbalitischer Rechtsgelehrter mit dem Namen Muhammad ibn Abdel-Wahhab /53
radikale, puristische Ideen, welche sich vom orthodoxen sunnitischen Islam unterschieden. Ibn Abdel-Wahhab war der Ansicht, dass der Islam durch "fremde Erneuerungen" verschmutzt wurde. Die Muslime hätten sich vom "wahren Islam" der Salaf as-Salih (der Altvorderen) abgewandt /54
Ibn Abdel-Wahhab lehnte sowohl die Shia, als auch den Sufismus so wie die Meinungsvielfalt in der islamischen Theologie und Rechtswissenschaft ab. Nach ihm durfte es nur einen Islam geben (seinen). Jeder Muslim mit anderen Ansichten war ein Apostat und Kafir und Todes würdig /55
Ibn Abdel-Wahhab und seine Anhänger verbündeten sich mit dem Haus Saud, ein Bündnis das bis heute hält. Der erste Sultan Saudi-Arabiens Abdel-Aziz as-Saud nutzte wahhabitische Stammesverbände (die Ichwan) für seinen brutalen Eroberungsfeldzug durch die arab. Halbinsel /56
Mit der Herrschaft von as-Saud und dem Beginn von Saudi-Arabiens Ölreichtum importierte das Königreich auch gleichzeitig wahhabitische Ideen ins Ausland. Durch das Ölgeld fanden schon bald die Bücher wahhabitischer Gelehrter ihren Weg in die (vor allem sunnitische) Welt /57
Auch durch den Bau von saudischen Moscheen im Ausland wurde die Lehre Ibn Abdel-Wahhabs verbreitet. Zur selben Zeit entstanden auch Ableger der Muslimbrüder in den verschiedensten Ländern. Durch die Verfolgung unter Gamal Abdel-Nasser änderte die Bruderschaft ihre Strategie /58
Anstatt in Ägypten etwas zu erreich, versuchte man jetzt international aktiv zu werden und gleichgesinnte in anderen Ländern zu unterstützen. Die Fusion von wahhabitischem Purismus und Fundamentalismus, mit den radikalen Ideen von Sayyid Qutb kreierte den salafistischen /59
Dschihadismus wie wir in heute bei #IS und #AlQaida sehen. Das erklärt jetzt aber nur wie der klassische #Islamismus sich mit dem Fundamentalismus verband. Woher kommt nun aber der Erfolg des Islamismus? Was zog (und zieht noch immer) Menschen zu diesen Gruppen hin? /60
Folgende Faktoren: a) Die Muslimbrüder un ihre Ableger griffen häufig in Versorgungslücken ein, wo die korrupten, nationalistischen Regime versagt. (Bau von Suppenküchen, Schulen, Klinken etc.) Das trug zu ihrer Beliebtheit bei b) Westliche Mächte wie die USA unterstützten /61
teilweise islamistische Parteien und Milizen als anti-kommunistische Kräfte während des kalten Krieges (sieh Afghanistan) c) Die Revolution im Iran 1979. Und damit wollen wir uns näher befassen. Denn währen #Islamismus in den 20ern-60ern lediglich "brodelte", so boomte er /62
Der Gelehrte schiitisch, iranische Geistliche Ruhollah Khomeini. Die anti-religiöse Politik der Pahlavis erzürnte viele schiitische Geistliche und neben den Ideen von Shariati & Al-e Ahmed fanden auch jene von Qutb und al-Banna ihren Weg in den Iran. Khomeine wurden von jenen /63
stark inspiriert. So sehr, dass ihre Bilder auf iranische Briefmarken, nach der Revolution, gedruckt wurden. Für Khomeini gab es aber ein Problem: Der schiitische Klerus. Das dürfte jetzt nun einige verwundern, aber in der 12er Shia war es damals noch üblich komplett /64
apolitisch zu sein. Die Gelehrten hielten sich strikt aus der Politik und dem Staat raus. Dafür gab es theologische Gründe. Nach schiitischem Glaube durfte nicht jeder Imam (hier im Sinne von Kalif) werden, sondern nur die Nachfahren von Ali und Fatima (Tochter Muhammads) /66
In der 12er Shia konnte der Imam auch nur Muhammad al-Mahdi werden. Dabei handelt es sich um eine messianische Figur und angeblichen Nachfahren Alis der seit Jahrhunderte im verborgenen lebt und irgendwann, in einem endzeitlichen Szenario zurückkehren wird /67
Ein "islamischer Staat" begründet und geführt von islamischen Klerikern, aber ohne Imam al-Mahdi galt daher nicht als legitim. Hinzu kam, dass einer er wichtigsten Vertreter dieser Position Hossein Borudscherdi war. Borudscherdi hatte den Titel Mardscha'-e Taglid /68
Dies war der denkbar höchste Titel den ein 12er schiitischer Geistliche erhalten konnte (FYI: Bis jetzt gab es nach Borudscherdi keinen weiteren Mardscha'-e Taglid). Borudscherdi starb aber 1961. Damit viel das letzte, große Bollwerk des Quietismus im schiitischen Islam /69
Khomeini erklärte nach der Revolution den Imam al-Mahdi zum de jure "Staatsoberhaupt". Damit umging er die theologischen Hürden seines islamischen Staates. Die Gründung der islamischen Republik 1979 resultierte in einem weltweiten Boom für islamistische Ideen und Parteien /70
Während bis 1979 der "islamische Staat" lediglich eine war, so war er nach 79 Realität. Eine islamistische Gruppe hatte es geschafft das säkulare Regime im Iran zu stürzen. Dies ermutige Islamisten weltweit das Gleich zu tun. Menschen die sowohl vom Nationalismus, als auch /71
Sozialismus enttäuscht und entfremdet waren wandten sich nun dem neuen politischen Konzept zu. Eines, welches zumindest nominell nicht westlich war, sondern ein rein islamisch. Kein Import aus dem Westen, sondern eine eigene Idee. Nun sind wir in der Gegenwart angekommen /72
Fazit: #Islamismus ist nicht einfach eine strikte, fundamentalistische Lesart des Islams. Es ist ein historisches Narrativ. Eins von einer islamischen Welt, welche sich konstant gegen angebliche westliche Dominanz behaupten müsse. Der Westen ist hierbei das Gegenstück /73
zur islamischen Welt. Diese Narrativ beeinflusste auch den Terroristen in #Frankreich. Der franz. Sozialwissenschaftler Gilles Kepel betont die Bedeutung des Gefängnisses bei der Rekrutierung von Islamisten in FR. Islamisten geben den jungen Rekruten einen Schuldigen für /74
Lage. Nicht sie selbst seien schuld, sondern der Westen der Krieg gegen alle Muslime führt. Westliche Ideen seien essentiell "un-islamisch" und durch Globalisierung, Säkularisierung, Demokratie und Medien verbreitet er seine schädlichen Ideen um den Islam zu zerstören /75
Progressive und kritisches Lesarten des Islams sind daher nicht genug um #Islamismus an zu kommen. Es gilt diese Narrativ zu widerlegen. Und das ist die größte Schwäche des Islamismus. Denn das Narrativ ist falsch. Die islamische Geschichte ist komplexer als Islamisten /76
sie sich vorstellen. Vom bisexuellen, weintrinkenden Poet Abu Nuwas, der im Kalifat in Bagadad im 9. Jhdt. lebte über den Philosophen Ibn Rushd, der Frauen stärker in die Gesellschaft einbinden wollte, bis zum wirklichen Religionskritiker al-Ma'arri. Islamische Geschichte /77
Aber genau deswegen sind Forderungen nach einem "europäischen Islam" oder "deutschen Islam" oder nach einer "islamischen Aufklärung" etc. so unfassbar giftig und kontraproduktiv. Sie widerlegen das falsche islamistische Narrativ nicht. Sie bestärken es. /78
So jetzt bin ich fertig. War sehr lange und ausführlich ich weiß. Ich lass euch heute in Ruhe, ich brauche eine Pause.
EDIT: Kleine Korrektur. Borudscherdi war nicht der letzte Mardscha' im Allgemeinen, da auch die Anhänger einzelner Ayatollahs ihren Gelehrten als Mardscha' betrachten können. Borudscherdi war der letzte Mardscha' der von allen 12er Schiiten anerkannt wurde

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