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30 Oct, 10 tweets, 2 min read
Nun wird verstärkt davon gesprochen „elektive“ OPs abzusagen, um mehr freie Intensivbetten zu schaffen.
Ein wahrscheinlich leider notwendiger Schritt, wenn man eine Überlastung der Behandlungskapazitäten vermeiden will.

Warum das vielerorts zahlreiche Probleme nach sich zieht:
Wir sind keine Spezialklinik wo am Tag unzählige elektive Hüftprothesen operiert werden, sondern ein Akutkrankenhaus mit einem ziemlich großen Einzugsgebiet.
Ich habe gestern mal durchgezählt und von unseren aktuell 10 chirurgischen Intensivpatienten kamen 8 als Notfall ins Haus.
Das ist der junge Mann nach Verkehrsunfall, mehrere Patienten mit Sepsis unterschiedlicher Ursache, die Aortendissektion, die Gehirnblutung, die alte Frau mit gebrochenen Wirbeln uvm.

Freiwillig oder “geplant” kam davon keiner in die Klinik.
Bei den internistischen Patienten schaut es nicht viel anders aus: Höchstens der elektive Herzkatheter wurde einbestellt, ansonsten liegen hier Reanimationen, Lungenentzündungen, Magenblutungen und eben immer mehr COVID19 Patienten.
Verschieben oder absagen lässt sich da wenig.
Bleiben die „Elektivpatienten“, die geplant auf ITS müssen:
Das ist z.B. der Herr mit Speiseröhrenkrebs, der nach seiner Bestrahlung auf die Operation wartet und hofft dass der Tumor derweil nicht wächst. Oder die Dame mit höllischen Schmerzen die auf ein neues Hüftgelenk wartet.
Solche Sachen kann man um ein paar Tage oder Wochen verschieben, aber irgendwann muss man das meiste trotzdem behandeln. Im März und April haben sich eine Vielzahl solcher Patienten angestaut, die wir den Sommer über zusätzlich zum Regelbetrieb “abgearbeitet” haben.
Nur weil gerade Pandemie herrscht, werden nicht viel weniger Menschen ernsthaft krank und das Absagen von elektiven Eingriffen führt zweifelsohne zu einer erhöhten Mortalität und Morbidität ALLER Patienten, weswegen solche Schritte sorgfältig abgewogen werden müssen.
Intensivkapazitäten sind auch hierzulande begrenzt und seit ich nicht mehr am Maximalversorger mit 100 ITS-Betten arbeite, merke ich wie schnell auch verhältnismäßig wenige zusätzliche Patienten die Intensivstation überlasten können, selbst wenn das Planbare wegfällt.
Notlösungen wie die im DIVI-Register genannte “mobilisierbare Reserve” zielen auf reine Schadensbegrenzung & Katastrophenmedizin. Wenn wir mit fachfremdem Personal Behelfsstationen betreiben, wird die Sterblichkeit massiv in die Höhe schnellen, dies gilt es zwingend zu vermeiden.
Aus diesem Grund sind sich eigentlich alle Intensivmediziner einig: Es ist 5 vor 12, was die Kapazitäten auf Intensivstationen angeht und bei einer Latenz von 10 Tage müssen wir JETZT alle Anstrengungen unternehmen, um die Fallzahlen zu senken und schwere Verläufe zu verhindern.

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28 Oct
Vielen Dank an die Unvernünftigen, die Maskenverweigerer, illegalen Partygänger, Nicht-Abstand-Halter und sonstigen Individuen, die das mit der Einschränkung von Kontakten nicht verstanden haben und uns so diesen Semi-Lockdown eingebrockt haben.
Seit März haben wir und die meisten anderen auf irrsinnig viel verzichtet:
Urlaub, Freunde treffen, Ausflüge mit den Kindern, Essen gehen, Baden, Kino, Kultur und vieles mehr.

Nun wird mein Sohn seinen ersten Geburtstag ohne die Großeltern und Paten feiern müssen.
Nun darf ich eine liebe Bekannte nicht im Krankenhaus besuchen und die Kinder können nicht mehr mit ihren Freunden spielen.

Alte und Schwache werde ihren letzten Sozialkontakten beraubt und müssen ohne Familienkontakt ausharren.
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18 Oct
Ein zunehmendes Problem, warum #FlattenTheCurve und die med. Versorgung gefährdet sind, ist medizinisches Personal welches selber erkrankt oder in Quarantäne geschickt wird.

Schon normalerweise sind wir knapp besetzt und nun brechen große Zahlen an Mitarbeitern plötzlich weg.
Trotz Tests & Isolation sind in der Vergangenheit wiederholt einzelne COVID-Pos. durch das Raster gerutscht und plötzlich hatten wir dutzende Kontaktpersonen beim Personal. Natürlich trugen alle MNS aber vom Gesundheitsamt wird man trotzdem häufig als Kontaktperson 1 eingestuft.
Dass man nach Kontakt zunächst einmal zu Hause bleiben und getestet werden sollte, ist logisch und vernünftig, aber in der Praxis herrscht ein Wirrwarr an Zuständigkeiten aufgrund unterschiedlicher Gesundheitsämter, da der jeweilige Wohnort und nicht der Arbeitsort zuständig ist.
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15 Oct
Servus Herr Protschka!
Jetzt stellen Sie sich mal vor, auch ohne Tests hätten wir hier in der Klinik eine ganze Menge luftnötiger oder gar beatmeter Patienten liegen, auf deren rätselhafte Lungenkrankheit wir uns keinen Reim machen könnten.
Da wir die Ursache nicht kennen würden und wir mangels einer Testmöglichkeit nicht wissen würden wer infektiös ist, würde der Medizinbetrieb und das öffentliche Leben völlig zum Stillstand kommen.
Unter den Menschen würde Panik ausbrechen, wenn überall neue Erkrankte auftauchen.
Da wir nicht wüssten, wer betroffen ist, könnten Infizierte nicht gezielt isoliert werden und Infektionscluster würden sich explosionsartig durch die Gesellschaft verbreiten. Als Folge würde sich wohl keiner mehr aus dem Haus trauen bis die Krankheit irgendwann verschwindet.
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12 Oct
Ich erzähle hier nichts neues aber vielleicht nimmt sich wenigstens ein Einziger die Zeit die Fakten zu überdenken.
Wir haben derzeit sehr viele junge Menschen, die sich mit COVID anstecken. Die meisten von ihnen haben einen milden Verlauf & deswegen ist die Sterblichkeit niedrig
In der Altersgruppe zwischen 35 und 44 liegt sie bei 0,06% (in etwa wie bei der Influenza). Das bedeutet, wenn alle der heute infizierten 3482 Menschen in dieser Altersgruppe lägen, würden bei gleicher Infektionsrate pro Tag nur 1-2 Menschen sterben.
Da das Alter jedoch gut zur Sterblichkeit korreliert, liegt diese über die Gesamtbevölkerung summiert in etwa bei 0,8-1%. Das ist 16 Mal so hoch wie bei der Grippe.
Sobald sich das Virus in die älteren Bevölkerungsschichten ausbreitet, wird auch die Sterblichkeit ansteigen.
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10 Oct
Was mir in der derzeitigen Diskussion um Intensivbetten viel zu kurz kommt ist die Tatsache, dass beatmete COVID-Patienten um ein Vielfaches aufwändiger und personalintensiver in der Versorgung sind als „normale“ Intensivpatienten, zumindest wenn wir keine Kriegsmedizin betreiben
Man kann nicht hergehen und auf eine Intensivstation mit 10 Betten einfach 10 COVID-Patienten legen. Alleine die räumliche Trennung & Isolationsmaßnahmen verschlingen Unmengen an Personal und Ressourcen. Wenn ich nicht hetze brauche ich etwa 10 min/Patient nur um mich umzuziehen.
Das sind 20 Min für Betreten & Verlassen des Isolationszimmers, ohne das eine einzige Maßnahme am Patienten durchgeführt wird.
Und davon gibt es genug:
Beatmung, Nierenersatz, Kreislauftherapie, Ernährung uvm. Insbesondere für die Bauchlage braucht man 5 Personen gleichzeitig.
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4 Oct
Die Studie über Schlafqualität im Bereitschaftsdienst hat mich zum Nachdenken gebracht.
Wie verbringt ihr eure “Übernachtung ohne Frühstück” auf der Arbeit?
Was tut ihr zum erholen und warum kommt ihr trotzdem nicht zur Ruhe?

Hier nochmal der Link:

onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/js…
Ich persönlich habe Glück, mit einem guten Schlaf gesegnet zu sein, aber auf Arbeit fühlt man sich trotzdem oft wie gerädert, selbst wenn man ausnahmsweise mal ausreichend schlafen kann.
Man muss ja quasi immer mit einem Auge wach sein, um notfalls sofort aufspringen zu können.
Insbesondere bei Diensten wo man extrem “zeitkritische” Aufgaben (Notsectio, Rea-Alarm, Notfallrettung) hat, muss man auch nachts um 3 bei Bedarf voll einsatzfähig sein.
Zudem sind die Rahmenbedingungen meist mies: unbequeme und durchgelegene Betten, Raumklima Nordpol/Sahara etc.
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