Also gut, ein paar wenige Gedanken zu dem Sophie Scholl-Vergleich. Ich gehe nicht auf den Anlass und die Person ein, da es darum (für mich zumindest) nicht geht. Es geht um die Strategie dahinter. Und die ist nicht neu, sondern die gibt es schon eine ganze Weile. #NatsAnalyse
Dieses Bild habe ich zum Beispiel seit meinem ersten Vortrag über die Identitären in meinen Präsentationen. Weil ich zeigen möchte wie diese Art des Rechtsextremismus auch über die Aneignung von Symbolen (und Sophie Scholl ist so ein Symbol) der Gegenseite funktioniert. Sophie Scholl in schwarz weiß, dahinter gelbe und weiße St
Auch die AfD springt immer wieder auf diesen Zug auf. Zum Beispiel beim "Trauermarsch" in Chemnitz (ihr erinnert euch?). Da haben sie sich alle eine weiße Rose ins Knopfloch gesteckt. Hier natürlich mit mehr Ambivalenz, aber auch Provokation.

stern.de/politik/deutsc…
Warum machen die das? Die Weiße Rose und Sophie Scholl waren doch gegen die Nazis und das sind ja Rechtsextreme, wie passt das alles zusammen? Eigentlich natürlich nicht. Aber es passieren hier folgende Dinge: 1. Aneignung 2. Umwertung 3. Instrumentalisierung
1. die Aneignung ist schnell erklärt. In der Neuen Rechten und besonders im Strang nach 2000 und ganz besonders die Identitären leben ein "Anything goes"-Prinzip. Wenn es für ihre Sache nützlich ist, dann verwenden sie e Symbol auch. Sie bedienen sich kulturell wo sie nur können.
Egal, ob linke elektronische Musik, bestimmte Serienfiguren oder eben historische Persönlichkeiten. Von unpolitischen Symbolen bis zu linken kulturellen Idolen nehmen sie alles und speisen es in ihre Ästhetik ein. Gerne (nicht zwingend) mit einem ihrer typischen Sprüche.
Sind es dezidiert beliebte Symbole in linken o feministischen Kreisen (Hermine Granger zB), dann kommt die diebische Freude an der Provokation hinzu. Das bringt Aufmerksamkeit. Selbst sind sie bereit ideologische Abstriche bzw arge Verrenkungen zu machen, hauptsache Provokation.
Sophie Scholl ist in dieser also nur ein Symbol von Vielen, gleichgestellt zwischen Serienfiguren u Romanhelden. Eine bekannte und beliebte Person, die für etwas Gutes steht, egal ob fiktional oder in echt. Ihr als Person wird so ein Umgang natürlich nicht gerecht.
2. Die Umwertung. Wenn zum Kalkül dann der Versuch e ernsthaften ideologische Auseinandersetzung kommt, dann wird umgewertet. Sophie Scholl wird nicht nur aus Provokation auf e Sticker gepappt, sondern zur Heldin eines "identitären Widerstands" umgedeutet.ulm-news.de/weblog/ulm-new…
Im modernen Rechtsextremismus wird zunehmend versucht sich des Nationalsozialismus zu entledigen und sich selbst gar in den Widerstand einzuschreiben und konservativen Widerstand überzubetonen (Stauffenberg) bzw. den linken Widerstand zu negieren, unsichtbar zu machen.
Dazu passt auch, dass der Nationalsozialismus zu einer "linken" oder "universalistischen" Ideologie umgewertet wird. (weil NationalSOZIALISMUS) Es kommt zu einer kompletten Verkehrung: Links=NS, rechts = Widerstand. Das ist natürlich komplett unhaltbar.
Das ist natürlich eine schräge und wissenschaftlich in keinem Konsens vorkommende Sicht der Dinge. Es gibt aber genug reichweitenstarke Personen, die diesen Anwürfen immer wieder Raum geben und so sag- und diskutierbar machen. Auch die haben Anteil an den Konsequenzen.
3. die Instrumentalisierung. Nicht Alle, die bei den Querdenker-Demos mit Judenstern ( man eignet sich nur den Widerstand, sondern auch das Opferdasein an) oder Sophie Scholl-Shirt herumgehen haben das ideologisch fein durchexerziert. Es passiert hier noch etwas.
Die Entwertung des NS, der Opfer und des Widerstands passiert nämlich auch in dem sie zu Chiffren gemacht werden und ihrer Zeit bzw. der Ideologie enthoben werden. Nazi wird i einem sprachlichen Maximalismus zu einem Synonym für "sehr sehr schlimm". Alles was schlimm ist ist Nazi
Wer sich als Opfer fühlt, der bezeichnet sich als "Neue Juden" (hat Strache schon 2012 gemacht, weil es böse war, dass es Proteste gegen den Burschenschafterball gibt) und wer auf einer Demo spricht ist gleich Sophie Scholl.
Dieser unsensible Umgang ist gewünscht und wird befeuert und ergibt sich eben auch aus Punkt 2 und 1. Wer kein Interesse an "Nie wieder" hat, der_die kann sich auch frei und ohne Genierer an historischen und politischen Symbolen bedienen und sie der eigenen Agenda unterordnen.
Was hier passiert ist also eine komplette Entwertung d Geschichte. Als hätten reale Ereignisse keine Bedeutung mehr, als gäbe es keine Vorläufer, keine Nachwirkungen. Als seien Nazis, die Opfer u der Widerstand nur Punkte in der Geschichte, d "wem" gehören u die man sich "nimmt"
Die gute @sarahbosetti hat dazu in viel kürzer Zeit viel punktgenaues gesagt.
Und die wunderbaren @f_karig und @samelou haben sich das psychoanalytisch angeschaut.
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21 Nov
Ich halte es übrigens für einen Fehler (in der Kommunikation, menschlich sowieso), dass es von offizieller Seite keinen Raum für Trauer gibt. Kein Anerkennen des Verlusts. Pro Mensch sind das doch mind 20 Menschen. Verwandte, Freund_innen, Bekannte, die zurück gelassen werden.
Und sehr Viele fühlen unbekannt mit und fühlen auch eine Art von Trauer und Schmerz, die sich nirgends ausdrücken kann. Bei anderen Ereignissen kollektiver Trauer kennen wir es, wenn es einen Ort für Kerzen und Blumen gibt. Hier bleibt jede_r für sich allein oder in kl Gruppen
Bin kein Fan von Joe Biden, aber sein stärkster Moment (und der einzige, der mir wirklich in Erinnerung blieb) war, als er sich bei einem TV-Duell direkt an die Zuschauer_innen gewandt hat und die Trauer und den Verlust angesprochen und mitgefühlt hat. Das hat einfach gut getan.
Read 4 tweets
14 Nov
Der neueste Spin in Österreich ist übrigens, dass die Bevölkerung versagt hat. Die Regierung hat es so gut gemeint, aber (Teile der) die Bevölkerung war(en) zu blöd. Die ganz Schlauen schauen (noch immer!) sehnsüchtig nach Schweden u fragen sich warum das nicht hier funktioniert.
Das ist insofern bemerkenswert, als dass Schweden nicht funktioniert hat (und Länder wie Irland, Norwegen, NZ nie vorkommen), aber darum soll es gar nicht gehen.
Was passiert hier gerade? Dieser Spin sagt uns zu aller erst einmal, dass immerhin ein Scheitern eingesehen wurde.
Und jetzt wird nach Schuldigen gesucht. Schuldigen und nicht Verantwortlichen. Und diese Schuld wird nach unten abgegeben. Die Regierung hätte eh gewarnt und appelliert aber das wurde nicht gehört, tja was soll man machen? Wenn die Unten nicht hören wollen SSKM
Read 17 tweets
6 Nov
Ok, lasst uns zusammen das Trump-Statement anschauen, das ich gleich teile, damit wir es gemeinsam durchgehen können. Was macht Trump hier rhetorisch? Was tut er hier? Und warum? Er wendet hier einige Kniffe an. Ich versuche es kurz zu machen. #NatsAnalyse
Es geht um dieses Statement von heute nacht aus dem weißen Haus. Einige Sender haben weggeschalten und abgebrochen, weil es natürlich ein blanker Versuch ist in die Auszählungen einzugreifen.

Es fängt schon an bei der Begrüßung. Er begrüßt nicht die Medien, sondern wendet sich direkt an die Amerikaner_innen. Als wäre es eine Ansprache die Nation. Er setzt hier auch den Rahmen - er gibt ein Update. Er diskutiert das nicht, sondern liefert die Fakten.
Read 45 tweets
4 Nov
Es ist btw zu kurz gedacht den Trump‘schen Meltdown u die juristische Auseinandersetzung als eben nur das zu sehen - eine juristische Auseinandersetzung, d er wie es aussieht kaum gewinnen kann. Was er jetzt macht ist nicht mehr Teil d formal-politischen Ebene sondern Kulturkrieg
Deswegen hält der Vergleich mit Bush/Gore nicht, weil da zumindest zwei Kandidaten waren, die rein am formalpolitischen Prozess interessiert waren und keine Agenda darüber hinaus hatten. Aber Trump war schon immer eher ein rechter Kulturkrieger, der halt auch Präsident ist.
Das heißt was er jetzt macht ist möglichst viel rhetorisches Arsenal zu verpulvern und zu verteilen und so nachhaltig Zweifel am (formal)demokratischen System zu säen. Selbst, wenn er weg ist und/oder juristisch verliert, das bleibt und ist schwer zu reparieren.
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4 Nov
Was würde ich Biden jetzt raten (LOL)? sich in sehr kurzem zeitlichen Abstand zu Trumps Statement hinstellen und folgendes sagen: Wir sind eine Demokratie. Bei uns gibt es keinen Putsch. Ich werde mich einem Putsch mit allem was ich habe entgegen stellen. Kein Millimeter!
Ich bin nicht alleine. Alle demokratisch gesinnten Menschen in diesem Land werden einen Putsch nicht zulassen. Nicht die Gouverneur_innen, nicht die Senator_innen, nicht die Repräsentant_innen, nicht die Bürgermeister_innen - try us, wir sind stärker.
Wäre das ein Anheizen? Ja. Muss man über sich drüber fahren lassen? Nein. Appeasement und Abwarten funktioniert halt nicht. Irgendwann muss man einfach zurück kämpfen. Und für so etwas prinzipielles wie Demokratie darf man dann schonmal auch sprachlich eskalieren.
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4 Nov
Die Aufregung und das Entsetzen ist übrigens muteinkalkuliert und gehört zum Plan. Aber es ist halt ein Catch-22. Wenn man sich nicht aufregt legitimiert man diesen Coup, regt man sich auf spielt man mit. Das ist genau die Methode, die Trump anwendet.
Die Aufregung wird zum "ertappt!"-Moment umgedeutet. Und nichts schöner, als wenn CNN, die NYT und alle die liberalen Pundits gegen ihn sind. Weil genau so sieht er sich - Alle gegen ihn. Alle ihm nachhechelnd. Alle ganz entsetzen über was er sagt. Diesen Graben liebt er.
Weil er, Trump, endlich mal unverblümt die Wahrheit sagt und diese ganze medial-politische Elite hält die Wahrheit nicht aus. Und deswegen ist er ein Kämpfer für die normalen einfachen Leute. Usw usf. Umso mehr sich "die " aufregen, umso mehr Glaubwürdigkeit dort.
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