Warum ich am Massentest teilnehme und hoffe, dass das alle tun, die können( Thread): Ich finde, das ist die sinnvollste Maßnahme seit Beginn der Epidemie. Test&Trace galt von Anfang an als Königsweg: Wenn man Infektionen schnell isoliert, hungert man das Virus aus. Logisch.
Länder wie Südkorea haben von Beginn an massiv und erfolgreich auf Test & Trace gesetzt. Leider hat das in Österreich von Beginn an nicht richtig geklappt - wir erinnern uns an fehlende Reagenzien, tagelang Wartezeiten bei 1450 und brutal unterbesetzte Contact Tracing Units.
Mit der Zeit ist die Zahl der Tests in Ö zwar stark gestiegen, aber man hinkte dem Infektionsgeschehen immer weit hinterher. Ein Indikator ist der Anteil der positiven Tests: Die WHO sieht - ebenso wie die öst. Ampel - alles über 5% als Zeichen dafür, dass man nicht nachkommt.
in Österreich stehen wir derzeit beim Dreifachen: bei einem Anteil von über 15% positiver Tests an den Gesamt-Tests gestern. Wir waren kürzlich fast bei 25%, Oberösterreich sogar über 40%. Fast jeder zweite Test war dort kürzlich positiv. (Daten ages, screenshot von orf at)
Auch im Vergleich mit anderen Ländern ist das dramatisch schlecht. Wir testen extrem wenig/ In dieser Grafik sieht man die Tests pro Positivfall am 1. Dezember. Man sieht, wie weit Österreich hinten ist (und das war schon schlimmer).
Ö geht mit über 3000 bestätigten Fällen/Tag aus dem harten Lockdown. problematisch, aber die sind immerhin isoliert. Problematischer ist: Wir wissen aufgrund dieser Positivraten, dass wir eine hohe Dunkelziffer haben. Also viele unerkannte Infizierte, die JETZT andere anstecken.
Der Massentest ist eine Chance, diese Infizierten zu entdecken, in Quarantaine zu schicken und einen neuen Stand herzustellen. In der Slowakei wurden in 2 Terminen über 50.000 Virusträger entdeckt, die andere angesteckt hätten. In Südtirol war fast 1% der Teilnehmer infiziert.
Der Massentest kann das Infektionsgeschehn aber nur bremsen, wenn "möglichst alle" hingehen. Dazu müsste jeder hingehen, der kann. In der Slowakei gab es die Wahl zwischen Test und Quarantäne - bei uns in der Test ganz freiwillig und die Kommunikation dazu... naja.
Ich habe die Befürchtung, dass diese Chance nicht wahrgenommen wird (wie schon die App). Dass der Massentest gerade versemmelt wird. Ich möchte daher ein paar Argumente entkräften, die ich als Grund gehört habe, nicht hinzugehen:
"Ich war eh kaum draußen, wo soll ich mich angesteckt haben": Wirklich? Auch nie im Büro, einkaufen, Bus, der Plausch im Stiegenhaus? Oder etwas, das dir nicht einfällt? Die meisten der positiv Getesteten in meiner Umgebung dachten, sie hätte eh aufgepasst. Also->besser hingehen.
"Es ist ja nur eine Momentaufnahme": Ja, das stimmt. Aber die Momentaufnahme kann uns auf einen neuen Stand bringen, was die Erkennung von Infizierten betrifft, die es nicht wissen. Also -> besser hingehen.
"Ich mag's nicht, wenn mir wer in der Nase rumfummelt": Wenn man Probleme mit der Nase hat, dann kann man da eben nicht nicht, kann aber privat testen. Wenn man keine hat, trust me: Es ist nicht so schlimm. Ich mach es wöchentlich. Es geht. Also -> besser hingehen.
"Ich will nicht im Job ausfallen": Willst du lieber unerkannter Virenträger sein und alle im Job anstecken und so dafür verantwortlich sein, dass das ganze Team zusammenbricht? Nein, oder? Also -> besser hingehen
"Ich will nicht, dass Leute erfahren, dass ich mich angesteckt habe, oder wegen mir als K1 in Quarantäne müssen": Willst du lieber riskieren, dass du doch wen ansteckst und einer deiner Kontakte eine Risikoperson ansteckt? Nein, oder? Also -> besser hingehen
"Ich war eh letzte Woche testen": Remember? Es ist eine Momentaufnahme. Damit die Gesamt-Momentaufnahme Massentest funktioniert, müsen auch die hin, die letzte Woche oder vorgestern eh negativ waren. Also -> besser hingehen.
"Die Regierung... *insert any Regierungskritik, so legitim sie sein mag*": Willst du eine sinnvolle Maßnahme weniger wirksam machen, weil du die Regierung nicht magst? WIrklich? Nein, oder? Also -> besser hingehen.
"Antigentests sind nicht zuverlässig": Wenn der Test richtig gemacht wurde und negativ ist, ist man zu fast 100% gerade nicht ansteckend. Nur bei positiv ist die Chance hoch, dass das falsch ist. Deshalb wird sofort mit einem PCR-Test nachgetestet. Also -> besser hingehen.
"Ich habe Angst, mich am Weg zum Test und in der Schlange anzustecken": Verstehe ich. Aber man kann sich schützen! Gute Maske für den Weg kaufen. Dort wird es Maßnahmen geben, die Ansteckung verhindern. -> Besser hingehen, wenn man kann.
ps zur Sinnhaftigkeit von Antigentests in Massentests: Ich habe das die Virologin Dorothee van Laer gefragt (Uni Ibk). Se sagt: Antigentests fischen Infizierte mit hoher Virenlast, die gerade ansteckend sind, zuverlässig raus. Niedrige Virenlast wird nicht erkannt (bei PCR schon)
und, von Laer weiter: wenn man Antigentests in der breiten Bevölkerung einsetzt statt bei Verdachtsfällen steigt die Rate der falsch positiven auf bis zu 50%. Was aber kein Problem sei, da dann eh mit PCR nachgetestet werde.
Antigentests sind laut van Laer also gut geeignet für Massentests - sie sind schnell, billig und fischen die hoch Ansteckenden aus dem Geschehen. Sie sind aber nur eine Momentaufnahme: Man kann schon infiziert, aber noch nich ansteckend sein- dann wird man nicht erkannt.
Fazit: Der Massentest hilft NICHT, die nächsten Tage zu planen oder sorglos ins Familienweihnachtsfest zu cruisen. SONDERN: Er hilft der Gesellschaft, hoch Infektiöse, die nichts von ihrer Ansteckung wissen, zu entdecken. Dazu müssen möglichst viele mitmachen. Deshalb tu ich's.
(ich kann leider nicht auf alle replys antworten, aber ich bin ja auch keine Expertin - ihr findet sicher die Daten für eure Argumente pro oder contra. Ich wollte jedenfalls meine persönliche Meinungsbildung dazu teilen, vielleicht ist sie für wen nützlich.)
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