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13 Jan, 22 tweets, 4 min read
CN: Covid
Krankenhaus aktuell - warum #COVID19 eine bitch ist! Und Maßnahmenlockerung schlicht dumm.
Ein langer Thread
Wer in unserem Krankenhaus aufgenommen werden will/wird, muss einen Schnelltest auf Covid machen.
So wird aussortiert, wer auf Covidstation geht und wer auf eine andere Station.
Problem: der schnelltest macht eine Aussage zum derzeitigen Status
Das bedeutet, man kann auch trotzdem positiv sein, der test ist schlicht zu früh gemacht worden, weil man sich evtl am selben Tag erst angesteckt hat. Auch kann man sich an jedem weiteren Tag im Krankenhaus anstecken, davor ist niemand befreit, nicht Personal und nicht Patient.
Wer bei uns in ein anderes Krankenhaus geht, Rehaeinrichtung, Altenpflegeheim, etc erhält 3 Tage vorher einen "richtigen" Test, welcher vom zuständigen Labor ausgewertet wird. Was heute passiert ist, haben wir seit Pandemie - Beginn noch nicht erlebt.
Bei einem Patient, welcher morgen verlegt werden sollte, kam heute das Laborergebnis - positiv! SCHOCK
Die Kollegen der Pflege informieren die Krankenhaushygieniker, diese müssen mit Klinikeinsateitung (KEL) einen schnellen Plan entwickeln.
Der Patient wird auf covidstation verlegt, seit da an (9uhr morgens) ist einer der Hygieniker dafür abbestellt die komplette Station zu testen. Als ich meinen Dienst auf Covidperipherie antrete zur Spätschicht sind es bereits 15 positive patienten, seit 9 Uhr waren 4 weitere
Patienten der Station positiv getestet worden. Wir sind 2 Personen im Spätdienst. Dann kommt ein Anruf, ein komplettes 4-Bett- Zimmer ist positiv, heißt 4 Verlegungen zu uns - 19 Patienten. Ich informiere KEL, bitte um Personal, 1 weiterer Examinierter Kollege kommt zu uns.
Es ist 16 Uhr und es folgten weitere Anrufe, nochmal 5 Patienten. Die Kohortenisolation beginnt. Weiteres Personal ist nicht beschaffbar, nach betteln zumindest eine Servicekraft.
Die Patienten verstehen nicht was los ist, wie das passieren konnte,sie haben Angst sind verzweifelt
Wir versuchen das aufzufangen, Ihnen gut zuzureden, sie zu stärken. Aber das Telefon hört nicht auf zu klingeln. Es ist 19 Uhr und mittlerweile sind es 38 Patienten, heißt insgesamt sind 27 Patienten der Station positiv auf corona gewesen.
Mittlerweile ist es fast denkbar: einer der Kollegen muss positiv sein. Ob nun eingeschleppt oder ob ein Patient ihn evtl angesteckt hat, nicht eruierbar. Also werden die beiden verbliebenen Kollegen der Station getestet. Eine ist positiv. Sie muss sofort nach Hause gehen
Und nun? Nun ist da kein Personal. Was passiert also? Ich geh rüber. 13 Patienten sind noch übrig. Sie alle hatten Kontakt zu jetzt positiven Patienten, also sind sie als Verdachtspatienten isoliert, bis in 5 Tagen ein erneuter PCR durchgeführt wird.
Die covidperipherie ist voll, also wird diese Station jetzt 2. Covidperipherie. Also los, jedes Zimmer wird ein Isolationszimmer. Der Arzt ist übrigens immernoch am testen, dumm nur, er ist auch OA der Anästhesie und muss immer wieder weg.
Und es kommt, wie es an solchen Tagen immer kommt, die ZNA kündigt uns prompt positive Neuaufnahmen an - irgendein Altenpflegeheim hat einen Ausbruch. Wie die Zeit rennt, es ist jetzt 21 Uhr, die Nachtschicht trudelt ein und ist fassungslos
Sofort packen sie mit an, Übergabe erfolgt nebenbei. Stand 22 Uhr (ich hab ab da übrigens theoretisch Feierabend) alle Zimmer sind ISOzimmer, es sind jetzt 20 Patienten auf der 2. Covidstation, teils Verdacht, teils positiv. Verdachtspatienten liegen allein, positive werden
Kohortiert. Die Kollegen sind platt, sie haben keine Ahnung von Behandlung und Pflege dieser Erkrankung, denn damit hatten sie bis dahin gar nichts am Hut. Also folgt Einweisung in Covid. Einweisung in Sachen wie: korrekte Einschätzung der glascow Koma Skala,
BGA Werten für Anfänger damit im Notfall schnell reagiert werden kann, o2 Management, etc. Es ist 23.30. Ich gehe nach Hause. Und ich habe Bauchschmerzen. Ich glaube, getrunken habe ich heute nicht. Auch keine Pause gehabt
Die Kollegen sind auf einem notdürftigen Wissensstand was die Versorgung angeht, haben Angst, um sich, um die Patienten, um die positive Kollegin, um das was folgt. Darum im richtigen Moment richtig handeln zu können und adäquat zu reagieren.
Ich bin müde, müde über Maßnahmen oder Impfungen zu diskutieren, müde irgendwelche Leute mit Nasenpimmel zu sehen. Ich bin müde vom müde sein und müde davon, jeden Tag als Herausforderung auf allen Ebenen zu erleben. Meine Füße schmerzen, mein Kopf ist leer
Und dennoch strömen endlose Gedanken, hab ich alles gut genug erklärt? Hab ich was vergessen? Hab ich vergessen etwas in der Übergabe zu erwähnen? Hätte ich evtl sagen sollen: ist nicht mein Bier wie die eingewiesen werden, soll die Obrigkeit sich kümmern? Usw usw usw
Ich muss es ehrlich zugeben: Ich HASSE Corona. Ich hasse diese Pandemie. Und ich glaube, dass wir als medizinisches und pflegerisches Personal dort nicht mehr unbeschadet rauskommen. Die nerven liegen blank und die Herausforderungen wachsen täglich.
Der Umgang mit uns ist eine Frechheit (keine Tests, Impfen verschoben, usw) es ist schier nicht auszuhalten.
Und das schlimmste daran ist, wenn ich morgen aufwache ist es nicht vorüber, sondern geht von vorne los.
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit, ich geh jetzt ins Bett.
❤️💚

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11 Jan
Mein AG ruft mich heute an, sagt, sie haben die Genehmigung vom Gesundheitsamt, dass ich arbeiten gehen darf und sonst in Quarantäne bin.
Ich habe diese Info nur vom AG, nicht vom GA, wenn ich ohne AU nicht komme, bin ich kündbar. GA war heut nicht erreichbar
Also bin ich los, zum Dienst. Mein test ist negativ, das weiß ich, weil ich selbst nachgeschaut habe, nicht weil es mir jemand mitgeteilt hat. Mein AG weigert sich mir diese Genehmigung zu zeigen oder in Kopie zu geben. Und ja, was mach ich jetzt? Krank melden? Fluchen?
Die ITS ist nicht mehr Betriebsbereit, kein Personal, Hälfte in Quarantäne, teils mit Symptomen. Ich werde mit 1 Kph zu 11 covid Patienten auf covid Peripherie geschickt, bin ja ein Risiko für alle anderen ITS Patienten. Eine Pause darf ich nicht machen, bin ja die einzige Exam.
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10 Dec 20
Ein Nachtrag zu meinem thread von gestern, da so viele mein Trauer um diesen Patienten eben leider nicht verstehen.

Stellt euch vor, ihr lernt 2 Wochen jemanden kennen, könnt am Anfang noch mit ihm reden, macht eure Späße, grüßt über Skype deren Familie,
Lernt so auch diese kennen, seht wie es dem Patienten schlechter geht und tut alles in eurer Macht stehende, nach (im thread nicht erwähnt) 3x Reanimation, wird der Patient "aufgegeben" die Entscheidung getroffen das weitere Versuche nicht mehr
Erfolgversprechend sind und langfristig keine Heilung erfolgen wird. Der Adrenalinpegel fällt. Ihr macht den Patienten fertig. Nach 2 h wird die 2. leichenschau beendet und der Patient für den Bestatter bereit gemacht. Das da nochmal Emotionen hochkommen, das ist NORMAL
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9 Dec 20
Und wieder lagern meiner Kollegen und ich den kalten Körper eines 40 jährigen Familienvater in den Leichensack ein. Er hatte keine Vorerkrankungen, er hat sich an die Auflagen gehalten, er hat vor 6 Monaten noch ein Kind mit seiner Frau bekommen. Er hielt 14 Tage durch.
Am Anfang unter NIV, später beatmet. Abtransport in die Uniklinik war geplant für ecmo.
Und wieder stehe ich in einem leeren Zimmer und höre noch seine Stimme. Oder sehe wie er mit seiner Frau skyped. Atme nochmal tief durch und sage "Gute Reise", bevor ich den Patienten
Für den Abtransport in die Prosektur freigebe. Eine kleine Träne rollt mir noch übers Gesicht. Dann verlasse ich das Zimmer und gehe für die nächsten 15 covidpatienten weiterkämpfen, bis ich in 2 Stunden wieder völlig ausgepowert und leer im Dunkeln nach Hause gehe.
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