Die ehrliche Bilanz zum #Mietendeckel von @MFabricius hat leider ein paar Schönheitsfehler. Man könnte auch sagen, sie ist nicht besonders ehrlich.

„Verlorenes Jahr“ oder Blaupause? – Die ehrliche Mietendeckel-Bilanz

welt.de/finanzen/immob…
Der Autor setzt das Durchschnittseinkommen in Berlin (8% unter Bundesdurchschnitt) ins Verhältnis zur Durchschnittsmiete in Deutschland (53% drüber).

Richtigerweise müsste man Berlin mit anderen Städten vergleichen, Einkommen versus Mietniveau.
Tatsächlich ist Berlin für eine Stadt in Deutschland spottbillig. Berlin liegt nach einer aktuellen Erhebung mit seinen Mieten auf Platz 126 der teuersten Städte in Deutschland.
spiegel.de/wirtschaft/ser…
Anschließend setzt der Autor die #Mietentwicklung in #Berlin ins Verhältnis zum Verbraucherpreisindex. Allerdings beginnt die Skala erst 2010. Dass in den 16 Jahren zuvor die Mieten in Berlin real und sogar nominal gesunken sind und deshalb absurd niedrig waren, bleibt unerwähnt.
Das ist wichtig, weil im Jahr 2009 die #Finanzkrise war, die zu einer Staatsschuldenkrise und anschließend zur #Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank geführt hat. Seitdem kaufen Anleger Immobilien. Vorher hat keine Sau Häuser gekauft. In Berlin verfiel der Bestand.
Die Skala ist auch deshalb irreführend, weil im Jahr 2010 der Bevölkerungszuwachs in Berlin als Folge d. Finanzkrise voll in Gang kam und seitdem anhält. Vorher war die Bevölkerung in Berlin zurückgegangen. Warum wohl hatte Berlin Wohnungen aus dem landeseigenen Bestand verkauft?
Weil die Mieten vor 2009 z.g.T. unter 5 €/m² lagen, oftmals sogar unter 3 € für unsanierten Altbau, sehen Steigerungsraten von 100 % auf 10 Jahre gerechnet spektakulär aus. In absoluten Zahlen entspricht das bei einer Miete von 3 € einer Steigerung auf 6 €. Also 30 ct/m² p.a.
Hinzu kommt, dass es der Häuserbestand nach >15 J. fallender Mieten dringend sanierungsbedürftig war. Wenn Investoren modernisiert & saniert haben, war das nicht zur böswilligen Verdrängung, sondern weil es nötig war. Hier liegt die Wurzel der Legende vom "#Herausmodernisieren".
Der Autor vermeidet aber absolute Zahlen. Er vermeidet auch Verweise auf offizielle Statistiken, die belegen, dass in den letzten sechs Jahren die Steigerungsraten bei dem Bestandsmieten durchweg unter 3% p.a. lagen. Und vor allem: unterhalb der #Einkommensentwicklung in #Berlin.
Auch die Steigerungsrate von 100% bei den Angebotsmieten ist genau gesehen unspektakulär, wenn man bedenkt, von welchem Niveau sie kommt, und dass Mieter nun modernisierte Wohnungen mit neuen Bädern und Zentralheizung beziehen statt mit Klo auf halber Treppe und Kohlenheizung.
Es sind halt nicht mehr dieselben Wohnungen, und das liegt auch daran, dass die Menschen in den Zeiten, als die Mieten niedrig waren -2009), diese alten Wohnungen schlicht nicht mehr wollten. Vermieter mussten (!) modernisieren, um sie überhaupt an den Mieter zu bringen.
Nun soll der #Mietendeckel also angeblich wirksam sein, weil die Angebotsmieten gesunken sind. Das dürfte aber eher ein Trugschluss sein. Und zwar aus drei Gründen.
Zum einen werden viele Wohnungen, die für einen deutlich höheren Mietpreis angeboten werden könnten, also z.B. sanierte Altbauten in sehr guter Lage, nicht mehr vermietet, sondern zum Verkauf angeboten. Eine Vermietung bei halbierter Miete lohnt nicht.
Diese Wohnungen fallen aus dem Angebot, und es bleiben nur diejenigen im Angebot, die schon zuvor zum #Mietendeckel-Tarif angeboten wurden. Angebotsmieten sinken nicht, sondern die teuren Angebote fallen aus der Statistik. Das senkt den Durchschnitt. Kein Wort davon im Artikel.
Der 2. Faktor ist, dass die Wohnungen jetzt weniger wert sind. Sie werden vor Vermietung nicht mehr saniert/renoviert, sondern im Rohzustand nach Auszug angeboten. Der Mieter muß selbst tausende € investieren. Das senkt die Angebotsmiete, macht die Wohnung aber nicht billiger.
Zum dritten steigen die Angebotsmieten gerade bei den #Neubauten (!) nicht weiter. Denn dort ist tatsächlich das Ende der Fahnenstange erreicht. Der Markt gibt nach. Das sind aber gerade keine Wohnungen, die unter dem #Mietendeckel fallen.
Also eine ehrliche Betrachtung? Wenn Mietervertreter allen Ernstes meinen, der #Mietendeckel sei "Opfer seines eigenen Erfolgs", weil die Menschen nun nicht mehr umziehen würden, weil ihre Miete ja nun nicht mehr hoch sei, fehlt es an jeder kritischen Nachfrage.
Die Schlangen bei den Wohnungsbesichtigungen werden länger, die Menschen suchen immer verzweifelter und finden nichts. Zu behaupten, das läge daran, dass die Mieter sich nun alle in ihren Wohnungen wohlfühlten, weshalb weniger Fluktuation sei, ist eine ziemlich dreiste Lüge.
Fazit: Es kommen immerhin alle zu Wort. Die Darstellung des Markts, seiner Entwicklung und der Zahlen beschränkt sich aber auf die letzten 10 Jahre. Das verfälscht. Es fehlt an absoluten Zahlen und einer Einordnung im Verhältnis zu anderen Städten in Deutschland.
Vor allem aber fehlt jeder Kontext. Warum ist die Berliner Entwicklung so verlaufen? Nach dem gängigen Berliner Narrativ sind die gierigen Kapitalisten schuld. Aber vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass nach dem massenhaften Wegzug aus Berlin die Mieten absurd niedrig
waren, und dass der Zuzug nach Berlin ab 2005 erst dafür gesorgt hat, dass diese Entwicklung sich umkehrt. Und einige Marktteilnehmer haben das gesehen und entsprechend reagiert.

Nur die Berliner Regierung halt nicht.

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