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23 Feb, 20 tweets, 4 min read
Zur fast unerträglichen Verklärung und Romantisierung von Erziehung und Bildung in einer globalen Pandemie.
Ein zugegeben sehr langer Thread.
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Warum wurde präpandemisch nicht über die Systemrelevanz von Erzieher*innen, LuL und Schulbegleiter*innen diskutiert?
Über ihre Arbeitsbedingungen, Gehälter, Limitationen durch Hardware z. B., die der Ära Konrad Zuse entstammen könnten ?
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Wo finde ich die massiven, präpandemischen Offensiven um Bildungsungerechtigkeit zu bekämpfen? Kleine Anmerkung: in meinem Studium war es denen, die arbeiten mussten, um ihren Lebensunterhalt zu stemmen
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trotz Bafög nicht so ganz locker möglich in einer Woche 300 Seiten aus dem Löffler auswendig zu lernen.
In der Konsequenz sind einige davon mehrfach am Physikum gescheitert.
Game over,weil keine Eltern im Hintergrund waren, die sich Ö oder Ungarn für ihr Kind leisten konnten.
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Bei allen bin ich sicher, dass sie hervorragende Mediziner*innen geworden wären.
Sie wurden es nicht. Nicht weil sie faul oder ungeeignet oder gar zu blöd waren. Ihnen hat schlicht der fehlende, finanzielle Background gefehlt.
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Sprechen wir über meine Erfahrungen.
Kita und GS waren ein Traum, der deshalb so bemerkenswert war, weil in beiden Institutionen Menschen gearbeitet haben, die mit Herz, Kreativität, pädagogischem Know How daran interessiert waren das Allerbeste in Kindern zu fördern.
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Der "Zappelphilip" der GS hatte kein Ritalin intus, sondern ein Reck, Gymnastikmatten im Klassenraum und die Erlaubnis diese ganz nach Gusto zu nutzen, auch nach draußen zu gehen usw. Von diesem wunderbaren GS Rektor habe ich vor langer Zeit gelernt neugierig zu sein,
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ich habe das Vertrauen gefasst, dass ich gut bin wie ich bin und dass es nicht viel braucht um die Welt staunend zu erkunden.
Dann kam die "humanistische" Ausbildung im Gymnasium.
Elitär, abgehoben, herzlos.
Latein in der 5, Altgriechisch in der 7, technokratisch, unkreativ,
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auf ein System getrimmt,
in dem Funktionalität alles ist.
Dort tobten sich schlechte Didaktiker mit nur rudimentären, pädagogischen Skills an dem Nachwuchs der vermeintlichen geistigen und finanziellen Haute voleeʼ aus.
Nicht schön und nicht die tollste Zeit meines Lebens.
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Fazit: Alles, was mir manch kein Meister seines Faches beibringen wollte oder konnte habe ich nach dem Abi aufgeholt und zwar mit dem Sebstvertrauen das auf die Förderung und Wertschätzung meiner Familie, meiner Peergroups, meinen Kita und GS Erfahrungen fusst.
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Nun ist das alles eine Weile her und ich bin sehr sicher, dass der Großteil der in Erziehungsberufen tätigen Menschen eher meinem GS Rektor, denn meinem Mathelehrer im Gymnasium ähnelt, aber machen wir uns doch nichts vor: es liegt immer noch sehr vieles im Argen.
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Das meiste ist strukturell bedingt, einiges scheitert aber trotzdem immer noch an pädagogischen und didaktischen Defiziten manch einer/s Lehrenden und Erziehenden.
So zu tun als seien Kitas und Schulen der alleinige Hort der Glückseligkeit ist seltsam.
12/
Bildung ist wichtig, um Bildung und Skills evolvieren zu können braucht es aber mehr als Präsenzunterricht nach Lehrplan.
Es braucht Vertrauen, Selbstvertrauen, Resilienz, Neugier und Förderung.
Der überragende Großteil der Erzieher*innen und LuL leistet das bravourös.
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Das sind die Grundlagen in jedem, auch im Erwachsenen Alter, um Bildungs-und Entwicklungsangebote nutzen zu können.
Diese Basis wird in Kita und Schule entscheidend mitgestaltet ja.
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Aber aus der Resilienzforschung weiß man, dass nur eine einzige stabile Beziehung ausreicht, um trotz widrigster Umstände gut ins Leben zu starten.
Ich empfinde die Diskussion um das goldene Präsenzkalb in dieser Lage als befremdlich.
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So zu tun, als ruiniere die derzeitige, zeitlich begrenzte Situation in Kitas und Schulen die gesamte Vita der Kinder,
ist für mich nach 9 sehr schrägen Jahren gymnasialer Ausbildung mit dem Outcome, dass aus mir ohne viel Mühe "was geworden" ist doch irgendwie hypocritical.
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Wie wäre es stattdessen die Situation so anzunehmen wie sie halt gerade ist, die Kinder, Jugendlichen, Erziher*innen, LuL, Eltern bestmöglich zu unterstützen im Homeschooling
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und mit Strategien,die darauf abzielen,dass Gesundheitsschutz nicht zugunsten von vermeintlich unaufholbarer Bildung ausgehebelt wird?
Wie wäre es die Mär von "Merkel quält Kinder" ad acta zu legen und konstruktiv mit all den hervorragenden Päd. Konzepte zu erarbeiten?
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P.s.
Dieser Thread zielt mitnichten auf Pädagog*innen Bashing. Ich weiß, dass auch in meiner Profession Irrlichter wandeln und begreife das Ausprechen dieser Realität nicht als pauschalen Angriff auf mein Tun.
19/x
Statt Pseudoschutzkonzepten benötigen Kinder, SuS, LuL und deren Familien aufrichtigen Support, damit Bildung und Erziehung kein russisches Roulette wird.

Vielen Dank fürs Lesen.
#LasstDieSchulenUndKitasZu
#Corona
#DritteWelle
20/20

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21 Feb
Wir haben immer mehr Tools im Köcher, um uns von dieser Pandemie zu befreien. #Schnelltests, #LucaApp, #Impfungen, smarte Warngadgets. Das ist großartig.
Das alles wird ungemein helfen.
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Nun steht leider die #DritteWelle vor der Tür. Die #VOC verbreiten sich exponentiell.
Es ist massiv kontraproduktiv den Menschen zum jetzigen Zeitpunkt zu suggerieren, dass diese Tools uns unabhängig vom Infektionsgeschehen eine sichere Normalität verschaffen werden.
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Offene Kitas, Schulen, Restaurantbesuche, Sportevents mit Zuschauern, Konzerte und Treffen mit vielen Menschen in Innenräumen sind exakt dann sicher, wenn wir sehr niedrige Inzidenzen haben.
All die innovativen Tools können dann dazu beitragen, dass das auch so bleibt.
3/x
Read 4 tweets
1 Jan
Sehr geehrter Herr #Schäuble,

ein frohes, vor allem gesundes, neues Jahr wünsche ich Ihnen.
@ntv bringt heute als Schlagzeile von Ihnen
"Nicht jedes Leben um jeden Preis".

Dazu habe ich Anmerkungen.
1/x
Ich bin Ärztin und habe im Gegensatz zu vielen meiner Kommiliton*inen nie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt im Ausland zu arbeiten.
Das hatte einige Gründe,
aber der alles entscheidende Grund hier zu bleiben
war das deutsche Gesundheitssystem.
2/x
Es gibt vieles zu kritisieren am jetzigen System von Konzernmedizin,
über DRGs, das ambulante Honorarsystem etc. pp..
Was aber immer unstrittig war in Deutschland,
dass jeder erkrankte Mensch die Grenzen seiner Behandlung selbst bestimmen durfte und nicht die Politik.
3/x
Read 9 tweets
31 Dec 20
#Jahreswechsel... traditionell die Zeit für Wünsche und Hoffnungen, Danksagungen und Rückblicke.
In dieser globalen #Coronavirus Pandemie ein seltsamer Tag.
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Da meine persönlichen Möglichkeiten zur Mithilfe bei der Pandemieeindämmung ausgeschöpft sind und eine erfolgreiche Bekämpfung der #Coronakrise von mutigen, politischen Entscheidungen abhängt,
wünsche ich mir ...
2/x
... Die schnelle Umsetzung der paneuropäischen Niedriginzidenzstrategie. Im besten Fall #ZeroCovid und dadurch Infektionsschutz für alle, auch für die die auf die Impfung warten müssen.
Ein "weiter wie bisher" kann es im neuen Jahr nicht geben.
3/x
Read 14 tweets
26 Dec 20
#Coronakrise
Ich lese seit geraumer Zeit immer Sätze wie
"es sei nicht die Zeit nun Schuldzuweisungen vorzunehmen" und dass es besser sei nach vorne zu schauen.
Stimmt schon, aber...

Ein Thread.
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Ich wüsste schon ganz gerne, weshalb wir im Frühjahr ohne PPE dastanden und von der KV zunächst lediglich daran erinnert wurden, dass fehlende Schutzkleidung kein Grund für Praxisschließungen sei.
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Wir konnten Anfang des Jahres (!) schon und nicht erst im März bei den Großhändlern nicht mehr unsere Bestellungen für Desinfektionsmittel und Einmalhandschuhe aufgeben.
Masken waren aus. Lediglich Brillen und wenige Kittel waren noch zu ergattern.
3/x
Read 18 tweets
17 Dec 20
Sehr geehrte @kbv4u, sehr geehrter Dr. Gassen,

erneut haben Sie kein Stimmungsbild innerhalb der Kassenärzteschaft eingeholt.
Erneut preschen Sie mit dieser Meldung im @spiegelonline hervor.
spiegel.de/wissenschaft/c…
1/x
Ich bin Kassenärztin in einer Gemeinschaftspraxis und wir stehen alle hinter dem #Lockdown und plädieren dringend für eine Strategie der niedrigen Inzidenzen.
2/x
Wohinter wir ausdrücklich nicht stehen ist Ihre private Einzelmeinung, die Sie gerne weiterhin mit der Unterschrift einzelner unter Ihrem Positionspapier als legitimiert verkaufen können.
3/x
Read 7 tweets
16 Dec 20
952 Tote an einem Meldetag.
Das ist monströs.
Auch bei diesen Zahlen wird so mancher nicht müde auf das zumeist hohe Alter der Verstorbenen hinzuweisen und darauf, dass #Covid19 kein Problem für junge und mittelalte Menschen sei.
1/x
Deshalb möchte ich kurz berichten, was eine überlebte Covid19 Erkrankung in jüngeren Altersklassen (Kinder und Säuglinge ausgenommen, da ich diese nicht behandle) bedeuten kann.
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Sie kann z. B. einem schweren, grippalen Infekt ähneln, auch einer leichten Erkältung, einem hochfieberhaften Infekt mit gastrointestinalen Symptomen und nach einigen Tagen bis 2 Wochen einfach folgenlos vorbei gehen.
3/x
Read 10 tweets

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