Nachdem heute ein Tweet hohe Wellen geschlagen hat, in dem eine Frau sagte, sie fände es nicht so cool, an ihrem Arbeitsplatz von Männern gefragt zu werden, ob man sich nicht mal besser kennenlernen will: es ist einfach wirklich nicht cool. A Thread.
Es ist der Arbeitsplatz. Die meisten Leute in Service-Jobs haben ein Arbeits-Ich und ein Privat-Ich und die beiden haben nicht viel miteinander gemeinsam. Ich hab mal in der Gastro ein Date ausgeschlagen, und der Typ war total irritiert, weil ich doch so nett zu ihm gewesen war.
Alter, das ist mein Job. Ich verdiene hier mein Geld mit Bierzapfen und nett sein, das hat nichts mit dir zu tun. Außerdem will ich Trinkgeld.
Zu viele in Service-Jobs haben erlebt, dass es eben nicht bei der einen Frage bleibt. Wenn er weiß, wo ich arbeite, kann er wiederkommen. Jeden Tag. Ich habe es sehr oft erlebt, dass Kolleginnen fluchtartig die Fläche verlassen haben, weil ihr „Verehrer“ kam. Einige über Jahre.
Wir hatten Codeworte und Warnsysteme. Anrufe bei der Kollegin, wenn man ihn zuerst gesehen hat. „Sag mal, kannst du mal gucken, ob wir noch von dem roten Geschenkpapier haben?“ Wir haben kein rotes Geschenkpapier. Wir hatten nie rotes Geschenkpapier.
Kolleginnen, die sich dazwischen drängeln, wenn er einen dann doch in ein Gespräch verwickelt hat. „Frau Abendroth will dich sprechen. Es ist dringend. Ich übernehme hier.“ Es gibt keine Frau Abendroth. Man sitzt im Pausenraum und schätzt ab, wann man wieder runter kann.
Man erlebt zu oft, dass es eben nicht bei einem Besuch bleibt, sondern die Einladung zum Mittagessen folgt, die zweite, die vierte, die zehnte. Ein Mann hat mich zwölf mal gefragt, ob ich mit ihm essen gehe and I'm not that hot. Man kommt da nicht raus.
Die Filialleitung macht nichts und was denn auch, „er macht ja nichts“. Man hat nichts in der Hand. Komplimente sind „nett gemeint“, Einladungen zum Mittagessen sind „nett gemeint“. Will man dafür jemandem Hausverbot geben?
Wenn man Glück hat, hat man verständnisvolle Vorgesetzte, wenn man Pech hat, kriegt man auch noch einen Anschiss wegen der ständigen Privatgespräche.
Es flirtet sich recht schlecht, wenn einem die Chefin in den Nacken atmet.
Wenn mich in einer Bar jemand anquatscht, dann kann ich drauf einsteigen, ich kann unhöflich werden, ich kann gehen, ich kann da nie wieder hingehen, ich kann vieles. Im Job kann ich nichts davon.
Im Job kann ich lächeln und „nein danke“ sagen und hoffen, dass er nie wieder kommt. Man ist sofort in die Enge getrieben und man hat sofort die hundert unangenehmen Situationen wieder vor Augen, die man seit Jahren eben kennt. Und da ist völlig egal, wie nett gemeint das war.
Ha! Da fällt mir noch eine grandiose Geschichte ein: ich hatte mal einen wirklich netten Kunden, der oft da war, manchmal was gekauft hat, manchmal nicht. Wir haben uns gut verstanden. Meine Chefin hat damit gedroht, meinem Mann von der ständigen Flirterei zu erzählen.
Auch als erste Eskalationsstufe. Sie hat das vorher nie angesprochen.
Ich hab gekündigt. Nicht nur deswegen. Sie war auch sonst so führungskompetent.

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