"Jugendliche leiden unter den Maßnahmen ebenso wie unter der Pandemie."

Wer diesen Satz sagt, meint häufig: Wenn wir die Pandemie schon nicht beenden können, lasst uns wenigstens die Maßnahmen lockern, damit es den Jugendlichen besser geht.

Das ist ein Fehlschluss.

Ein Thread.
Es ist falsch anzunehmen, dass es jungen Menschen allein dadurch besser geht, wenn man sie unter der laufenden Pandemie wieder in Schulen & Vereine schickt.

Junge Menschen sind nicht ohne Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein, einen Sinn für Gefahr und Risiko. Ganz im Gegenteil.
Was jungen (und älteren) Menschen zusetzt, ist Angst um die eigene Gesundheit - Angst, Familie und Freunde anzustecken. Sorge um Eltern & Großeltern. Schuldgefühle, wenn man keinen Abstand gehalten hat. Überforderung aufgrund der übergroßen Verantwortung. Angst vor der Zukunft.
Wer sagt: "Schicken wir die Jugendlichen einfach in volle Schulen, dann wird es ihnen schon besser gehen", sagt zugleich auch: "Infiziert euch ruhig, ihr Ungeimpften!" Das ist ein fatales Signal. Es unterstellt jungen Menschen nicht nur Dummheit & Leichtsinn. Es liefert sie aus.
Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen ist schon in der Klimakrise sehr bewusst, dass die ältere Generation der Entscheider auf sie nur wenig Rücksicht nimmt. Dies schafft eine Atmosphäre von Hilflosigkeit, Machtlosigkeit, Verzweiflung: Ein Nährboden für psychische Belastungen
In der Pandemie wiederholt sich in kürzester Zeit, mit maximaler schrecklicher Effizienz das, was in der Klimakrise über Jahrzehnte abläuft: Ältere setzen ihre Interessen durch, lassen die Jungen links liegen, speisen sie ab, betreiben Desinformation, leugnen & verharmlosen.
Wer meint, Kinder & Jugendliche wüssten nicht, wie gefährlich der Klimawandel ist, hat lange mit keinen gesprochen. Wer meint, sie nähmen die Pandemie auf die leichte Schulter und säßen vergnügt auf engstem Raum, während Familienmitglieder im Krankenhaus liegen, hält sie für dumm
Was Kinder & Jugendliche brauchen: Ihre Not muss gesehen werden. Die Entscheider müssen sagen: "Wir wissen, dass ihr euch in Schulen anstecken und eure Familien infizieren könnt. Wir sehen eure Überforderung, eure Angst, eure Verantwortung. Ihr tragt zu Recht schwer daran."
Wer weiterhin das Lied singt "Schulen sind keine Treiber der Pandemie" ignoriert die berechtigten Ängste von Kindern & Jugendlichen, redet sie klein, spielt sie runter, verschließt die Augen vor den berechtigen Sorgen.

Das geschieht Ki&Ju ohnehin sehr oft.
Hier ist es toxisch.
Was junge Menschen jetzt brauchen, ist das Signal: "Wir, die Älteren, werden unserer großen Verantwortung gerecht. Wir schützen euch."

Dass eine geimpfte Entscheidergeneration im Homeoffice die ungeimpften Jüngeren in volle Kitas, Schulen, Unis schickt, ist kein solches Signal.
Wer im Namen der angeblichen Interessen der Jüngeren Schulen & Kitas bis Inzidenz 200 laufen lässt, wird das Vertrauen der jungen Generationen ins politische System verspielen. Wer es zurückgewinnen will, muss umlenken & investieren: in Kommunikation, vor allem auch finanziell.
Kein Kind wird verstehen können, dass es in Schulgebäuden sanierungsbedürftige Toiletten nicht nutzen kann und Schulen bei Digitalisierung stehts als allerletzte kommen, während Staatsgelder bei Aktionären und Managerboni landen. Das ist unverzeihlich und wird nicht vergessen.
Wer immer noch verbreitet "Covid19 ist für Kinder & Jugendliche harmlos" sollte offen zugeben: Wir wissen es eigentlich nicht. PIMS kennen wir erst seit kurzem. Kinder auf Intensiv sehen wir erst seit kurzem. LongCovid ist eine zu erforschende Krankheit.
Wir wissen es also nicht
Und natürlich brauchen Kinder Kitas, Schule, Gemeinschaft. Der Weg dahin ist ja einfach - Fallzahlen senken. Hören wir dazu doch mal auf die Wissenschaft, nicht auf die Lobbyisten.

Jedes Kind würde sich so verhalten.
Aber das gilt in Deutschland ja als Beschimpfung.
Diesen Thread möchte ich @schroeder_k widmen.

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9 Apr
Hinter der krawattigen Onkelhaftigkeit des Ministerpräsidenten verbirgt sich eine Rhetorik der Desinformation.

Gleich im ersten Tweet verwendet er das Wort "schuldig" und markiert damit die Gegenseite. Eigene Schuld & Verantwortung für das Geschehen wird so geschickt abgestreift
@MpStephanWeil suggeriert, die Gegenseite handele uninformiert, belegt dies mit scheinbar unbeantworteten Fragen, fordert "viele Antworten".

So verkehrt er die Lage ins Gegenteil: Tatsächlich handelt er selbst ja entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse und Expertenempfehlungen.
Seine eigene Position markiert @MpStephanWeil mit unscharfen Buzzwords: "verlässlich, konsequent, umsichtig". So stellt er die Gegenseite als "unverlässlich, inkonsequent, kurzsichtig" dar. Diese Vokabeln beschreiben die Pandemiepolitik, für die er verantwortlich ist, jedoch gut.
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24 Mar
Der heutige Tag stellt für mich eine Zäsur dar. Das Versagen der Corona-Politik von Bundes- und Landesregierungen macht es notwendig, diese nicht allein zu kritisieren, sondern unmittelbar in Verantwortung zu nehmen für die erheblichen gesundheitlichen Folgeschäden.

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Nicht weniger als das erwarte ich von der Pandemie-Politik: eine wissenschaftsbasierte, durch Daten belegte Strategie wie #NoCovid.
Ich bin Kinder- und Jugendpsychiater. Ich habe keine frühzeitige Impfung erwartet und stehe gern hinter Kolleg:innen aus Notaufnahme, Rettungsdienst, Innerer Medizin zurück. Doch auch meine fehlende Impfung hat einen Preis für Patientenversorgung, den ich hier klar benennen werde
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24 Mar
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Ein tolles Lob für die Kanzlerin von der Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie, Hildegard Müller.

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21 Mar
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Schritt 1
"Die Schulen sollten das letzte sein, was schließen muss. Es darf nicht auf Kosten der Kinder gehen."

Deswegen bleiben Schulen offen, solange man noch auf andere Bereiche verweisen kann, z.B. Geschäfte oder ÖPNV.
Schritt 2

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Deswegen wird in diesen Bereichen durch Lobbygruppen auf Öffnung oder Offenhalten gedrängt. Hier steckt man sich ja nicht so leicht an wie in der Schule.
Schritt 3

"Die Schulen sollten das letzte sein, was schließen muss. Es darf nicht auf Kosten der Kinder gehen."

Deswegen bleiben Schulen offen, solange man noch mit dem Zeigefinger auf andere Bereiche verweisen kann, z.B. ÖPNV oder Einzelhandel.
Read 5 tweets
10 Mar
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